Seite 2: „Wer da durchkam, wurde amputiert“

Sie sind in über 150 Bun­des­li­ga­spielen mit fünf Platz­ver­weisen aus­ge­kommen. Nach heu­tigen Maß­stäben ein Witz.
Das würde heute auch noch gehen, man sollte nur nicht zu früh mit den Karten beginnen. So bringen Sie sich doch selbst in Zug­zwang.

Können Sie sich an diese fünf Roten Karten noch erin­nern?
Auf jeden Fall erin­nere ich mich an Rolf Rüss­mann, das war im Spiel Schalke bei For­tuna Düs­sel­dorf. Er rief: Schieds­richter, du dumme Sau!“ Für dumm“ hat er glaube ich vier Wochen, für Sau“ acht Wochen bekommen.

Zwölf Wochen für eine Belei­di­gung, jetzt über­treiben Sie aber.
Nein, der hat reich­lich bekommen, auch wenn es nach dem Ein­spruch etwas abge­mil­dert wurde. Und der andere, das war der Günter Neues, im Spiel Ham­burg gegen Kai­sers­lau­tern, auch eine Belei­di­gung. Klaus Topp­möller meinte noch zu mir, Neues hätte mich nicht gemeint. Ich sagte: Läuft denn hier sonst noch ein Schwarzer herum?“

Ihr Kol­lege Bernd Heyne­mann hat mal gesagt, ein Schieds­richter brauche vor allem ein schlechtes Gehör.
Da hat er nicht ganz unrecht. Auf dem Fuß­ball­platz wird so einiges gesagt. Man muss sich nicht immer ange­spro­chen fühlen.

Ihre rest­li­chen drei Platz­ver­weise haben Klaus Winkler vom HSV, Günter Sebert von Waldhof Mann­heim und sogar schon nach sechs Minuten Man­fred Rit­schel von Kickers Offen­bach ereilt.
Das war im Derby gegen Ein­tracht Frank­furt. Er war schon in der zweiten Minute ver­warnt und zog dann Jürgen Gra­bowski die Beine weg. Das war so schlimm, dass Natio­nal­trainer Helmut Schön nach unten kam, weil er dachte, die Beine sind gebro­chen. Gott sei Dank war es nicht so.

Die sech­ziger und sieb­ziger Jahre waren das Zeit­alter der ganz harten Jungs in der Bun­des­liga.
Ja, in Kai­sers­lau­tern etwa haben sie nach allem getreten, was sich bewegt hat. Reh­hagel, Kli­ma­schewski und wie sie alle hießen musste man schon beim Ein­laufen das Pas­sende sagen. Und bei Werder Bremen wussten Sie: Drei Meter vor dem Straf­raum standen Höttges und Piontek. Wer da durchkam, wurde ampu­tiert. Aber die waren clever, die haben mit Ball gegrätscht. Das war schwer zu sehen. Becken­bauer hat immer einen ganz großen Bogen um die gemacht, der wusste Bescheid.

Für Walter Frosch führte der DFB extra die Gelb­sperre ein.
Nun gut, der Walter wollte man­gelndes Spiel­ver­ständnis und feh­lende Technik aus­glei­chen. Oft visierte er schon in den ersten Minuten die Kno­chen an, dann habe ich ihm gleich gesagt: Junge, lass das! Ich sehe es.“

Haben Sie oft mit solch vor­beu­genden Maß­nahmen gear­beitet?
Ja, das war ganz wichtig. Ich erin­nere mich an ein Spiel, da war Uwe Seeler gerade wieder gesund nach langer Ver­let­zung. Und da hatten sie einen jungen Hitz­kopf auf ihn ange­setzt, dem sagte ich: Junger Mann, ich kenne Ihre Wei­sung. Lassen Sie es sein. Es gibt nur Ärger.“ Er kam nach dem Spiel und hat sich bei mir bedankt. Das freut natür­lich.

Das ist die eine Seite, manchmal hat der Schieds­richter aber das ganze Sta­dion gegen sich, was dann?
Ist doch egal. Ich dachte mir nur immer, wie viele nette Leute doch wieder da sind.

Auch wenn die Fans mal wieder die schwarze Sau“ hängen sehen wollten?
Kein Pro­blem. Ers­tens bin ich kein Fabel­tier, zum anderen höre ich das gar nicht. In dem Moment, in dem Sie da zuhören, sind Sie von der kon­se­quenten Linie weg und die Gefahr, Fehler zu machen, ist rie­sen­groß.

Wie haben Sie sich damals auf die Spiele vor­be­reitet?
Durch Laufen! Min­des­tens 20 Runden auf der Bahn. Die ersten 300 Meter laufen, dann 50 Meter spurten und die letzten 50 gehen, damit sich der vor­olym­pi­sche Astral­körper erholt.

Kol­legen wie Wolf-Dieter Ahlen­felder nahmen das mit der Fit­ness nicht so genau. Haben Sie auch mal vor dem Anpfiff einen genommen?
Nie. Ich rauche und trinke nicht. Des­halb kann ich zu jeder Doping­kon­trolle gehen.

Geschichten wie die von Ahlen­felder, der eine Halb­zeit nach 30 Minuten abpfiff, gibt es heute nicht mehr. Thomas Metzen sorgte 2008 für Auf­sehen, als er gleich­zeitig zwei Gelbe Karten zeigte.
Das ist ja Zirkus, das geht über­haupt nicht. Wir hatten damals ein ähn­li­ches Bei­spiel. Horst Herden aus Ham­burg hatte mal die Karten in den Strümpfen. Der wurde sofort bestraft vom DFB.