Tief in der eigenen Hälfte, zwei Meter vor der Linie, die die eigene Vie­rer­kette bildet, wartet Bre­scia Cal­cios Spiel­ma­cher Sandro Tonali. Bevor ihm ein Innen­ver­tei­diger den Ball zuspielt, dreht er den Kopf nach links und rechts, dann kommt der Pass, doch ehe der seinen Fuß erreicht, dreht er seinen Kopf noch­mals um 180 Grad. Jetzt hat er sein Umfeld gescannt und damit einen Bruch­teil von Sekunden Vor­sprung gewonnen, um den nächsten Schritt zu planen. Er nimmt den Ball an, dreht sich um die Achse und hat das gesamte Spiel vor sich. Dass seine braune Mähne dabei wild auf seinem Kopf umher­rührt, ist neben seiner Spiel­weise, der Posi­tion und dem beschrie­benen Hand­lungs­schema vor einer Ball­be­rüh­rung, nur eine wei­tere Facette, die den Ver­gleich zu Andrea Pirlo nahe­legt.

Sandro Tonali bekleidet in Bre­scias 4 – 3‑1 – 2‑System eine der modernsten Posi­tionen im Fuß­ball, die im Ange­ber­sprech Deep-lying Play­maker heißt, im ita­lie­ni­schen aber so viel schöner klingt: Regista. Gemeint ist ein Spiel­ma­cher, der sich auf eine Posi­tion begibt, in der sich Raum und Zeit ein biss­chen lang­samer ent­wi­ckeln. Einer, der nicht in der schnellen Offen­sive agiert, son­dern sich hinter den Ball begibt, um das kom­plette Spiel vor sich zu haben und den nächsten Schritt minu­tiös plant.

Sandro Tonali ist mit seinen 19 Jahren der Archi­tekt im Spiel von Bre­scia Calcio. Er ent­scheidet, ob Bre­scia den Angriff mit Tempo führt, kurz oder lang, das Spiel aus­la­gert oder es ver­lang­samt. Wie einst Andrea Pirlo, der seine Kar­riere eben­falls bei Bre­scia begonnen hatte. Dabei unter­scheidet die beiden doch Grund­le­gendes.

Der Inbe­griff eines Regista

Andrea Pirlo war der Inbe­griff eines Regista. In seiner Zeit beim AC Mai­land standen ihm Gen­naro Gat­tuso oder Mas­simo Ambro­sini zur Seite, die für das Grobe abbe­stellt waren und eine Art Schutz­wand um Pirlo bauten, sodass dieser sich im Raum ent­falten konnte. Bei Juventus Turin nahmen diesen Part später Arturo Vidal oder Claudio Mar­chisio ein, in deren Mitte Pirlo das Metronom geben konnte.

Pirlo war einer der ele­gan­testen Fuß­baller seiner Zeit. Mit seiner Prä­zi­sion im Spiel, seiner Intel­li­genz und dem tech­ni­schen Ver­mögen diri­gierte er seine Mann­schaft, gewann mit Juve und Milan zig mal den Scu­detto, zwei Mal die Cham­pions League und wurde mit Ita­lien Welt­meister. Pirlo war wie ein Wein, der mit der Zeit nur noch wei­cher und besser wurde.

Es ist bei­nahe beängs­ti­gend, wie Sandro Tonali als ein Klon die Fuß­ball­bühne betreten zu haben scheint. Ähn­lich ele­gant gleitet er über das Spiel­feld, bezieht die gleiche Posi­tion und igno­riert offenbar den selben Fri­seur.

Tonali hat trotz seines jungen Alters einen extrem ana­ly­ti­schen Blick auf das Spiel­ge­schehen. Er ist ath­le­ti­scher und schneller als Pirlo, dessen Spiel eher von Statik geprägt war.