11FREUNDE am Morgen

11FREUNDE am Morgen ist unser neuer News­letter. Pünkt­lich um 7 Uhr mor­gens ver­sorgt euch Chef­re­dak­teur Philipp Köster an jedem Werktag mit den wich­tigsten Nach­richten des Fuß­ball­tages. Hier könnt ihr abon­nieren.

Blauer Jubel. In Bra­si­liens kennen sie den Begriff des Mara­ca­naço“. Er beschreibt den Schock, den Bra­si­lien durch das über­ra­schend ver­lo­rene Spiel gegen Uru­guay bei der WM 1950 erlitt. Alles war damals ange­richtet gewesen, für den ersten Welt­meis­ter­titel für Bra­si­lien, im aus­ver­kauften Mara­cana. Doch dann siegte Uru­guay 2:1, und zurück blieb eine demo­ra­li­sierte Selecao, ein trau­erndes Land. Das EM-End­spiel vom Sonn­tag­abend in Wem­bley hat nun das Poten­tial, ähn­lich trau­ma­ti­sie­rende Wir­kung zu ent­falten. Denn auch diesmal war alles gerichtet, in gut gefüllten Sta­dion vor einer Kulisse, die stimm­ge­waltig den ersten eng­li­schen Titel seit dem WM-Sieg 1966 ein­for­derte. Doch dann machten die Ita­liener die schöne Insze­nie­rung zunichte. Indem sie nach der frühen Füh­rung nicht gleich dar­nie­der­sanken, son­dern sich die Kon­trolle über das Spiel zurück­er­oberten. Und indem sie die indi­vi­du­elle Klasse der eng­li­schen Angreifer mit mann­schaft­li­cher Geschlos­sen­heit neu­tra­li­sierten, zur Not auch sehr rus­tikal wie Giorgio Chiel­lini, der Bukayo Saka in der Ver­län­ge­rung zu Boden riss, wie ein erzürnter Vater, der einen Halb­wüch­sigen im Bett seiner Tochter erwischt hat.

Am Ende musste jedoch die Lot­terie des Elf­me­ter­schie­ßens ent­scheiden. Und auch wenn es letzt­lich die jungen eng­li­schen Spieler waren, deren Fehl­schüsse Ita­lien den Titel brachten, war es nicht Trainer Sou­th­gate, der durch die Aus­wahl der Schützen den Sieg ver­spielte – statt­dessen kam wieder einmal die weise Anmer­kung des Phi­lo­so­phen Jean-Paul Sartre zur Anwen­dung: Bei einem Fuß­ball­spiel ver­kom­pli­ziert sich aller­dings alles durch die Anwe­sen­heit der geg­ne­ri­schen Mann­schaft“. In diesem Falle der Ita­liener, die in ihrer Gesamt­heit schlicht die beste Mann­schaft des Tur­niers stellten, die rich­tige Balance zwi­schen schwung­voller Offen­sive und seriöser Abwehr­ar­beit fanden, die schönsten Geschichten des Tur­niers erzählten und auch im Finale das ent­schlos­se­nere Team waren. Ita­lien hat sich den Titel red­lich ver­dient.

Das anzu­er­kennen, würde auch dem geschla­genen Final­gegner Eng­land einen Weg aus der kol­lek­tiven Trauer weisen. Und den Blick dafür öffnen, dass diese junge Mann­schaft noch alle Gele­gen­heiten hat, Titel zu gewinnen. Ihre Zeit wird noch kommen.

Kroos vs. Hoeneß

Toni, Uli & die Quer­pässe. Wenn Uli Hoeneß in den TV-Stamm­tisch Dop­pel­pass“ ein­ge­laden wird, bekommt der Zuschauer eine erwart­bare Mischung halb­garer Thesen ser­viert, die stets so schnau­bend vor­ge­tragen wird, als sei gerade Moses mit ein paar Stein­ta­feln vom Berg Sinai her­ab­ge­stiegen. Diesmal war die große Abrech­nung mit der deut­schen Natio­nalelf, dem Bun­des­trainer und seinem wich­tigsten Pass­geber Toni Kroos dran. Um die Suada grob und mit meinen Worten zusammen zu fassen: Löws großer Fehler sei die Umstel­lung von Vierer- auf Drei­er­kette gewesen, die deut­sche Elf habe Angst­ha­sen­fuß­ball gespielt und Kroos sei mit seiner Nei­gung zum wenig pro­duk­tiven Quer­pass das Symbol des deut­schen Elends geworden, was schon daran zu erkennen sei, dass Kroos in der letzten Vier­tel­stunde des Eng­land-Spiels sich nicht einmal über die Mit­tel­linie bewegt habe. Nun lässt sich kaum bestreiten, dass es der deut­schen Elf ganz offen­sicht­lich an Zutrauen in die eigenen Abläufe, an mann­schaft­li­cher Geschlos­sen­heit und an Begeis­te­rung fehlte. Und ebenso offen­kundig war, dass der Bun­des­trainer nicht in der Lage war, einer Mann­schaft aus hoch­ta­len­tierten Indi­vi­dua­listen ein stim­miges spiel­tak­ti­sches Gerüst zu geben. Was sich aber weder in der etwas debilen Frage Dreier- oder Vie­rer­kette“ erschöpft, noch aus Toni Kroos eine Art Chef­bremser macht. Statt­dessen ist die ange­strengte Suche nach einem Sün­den­bock schon ein Hoeneß-Klas­siker. 2018 schmähte er Mesut Özil als Alibi-Kicker“, nun ist es der Quer­pass-Toni“, der alles ver­bockt hat. So kann man das sehen, alle­r­idngs nur dann, wenn man kein Inter­esse an kom­ple­xeren Sach­ver­halten auf dem Spiel­feld hat.

Season 2

Am 23. Juli gehts los. Mit der besten Fuß­ball­serie seit langen näm­lich. In der zweiten Staffel von Ted Lasso“ muss der noto­risch begeis­te­rungs­fä­hige Coach näm­lich den Wie­der­auf­stieg mit dem AFC Rich­mond schaffen, was schwer werden dürfte, weil sich sein ver­let­zungs­an­fäl­liger Star­spieler Roy Kent hat früh­pen­sio­nieren lassen und der Rest der Mann­schaft erst einmal den Abstieg ver­dauen muss. Also wird eine stoi­sche Psy­cho­login ange­heuert, an der Lassos robuster Charme zunächst abprallt wie Wellen an der Steil­küste von Dover. Wir haben als ein­ziges deut­sches Medium mit Jason Sude­ikis und Berndan Hunt, den Dar­stel­lern von Ted Lasso und Coach Beard, vorab spre­chen können. Das Inter­vierw lest ihr in unserer Bun­des­liga-Son­der­aus­gabe und seht ihr in bewegten Bil­dern bei uns im 11Freunde CLUB.

Knob­lesse Oblige!

Gra­tu­la­tion! Mit dem aktu­ellen Rätsel gra­tu­lieren wir einem Titel­träger, den wir so nicht unbe­dingt auf der Rech­nung hatten. Lösungen bitte gern an philipp@​11freunde.​de. Und noch schnell die Lösung des Frei­tags­rät­sels. Gesucht war natür­lich die tra­di­ti­ons­reiche TSG Hof­fen­heim von 1899. Gewonnen haben je ein 11Freunde-Jubi­lä­ums­buch die Damen Bet­tina Giesler (Münster) und Sandra Rudschinat (Ham­burg). Herz­li­chen Glück­wunsch!

Das war es mit der EM. Und auch mit dem News­letter für die nächsten drei Wochen. Wir legen näm­lich, wie sich das für anstän­dige Fuß­ball­fans gehört, eine Som­mer­pause ein und melden uns am 2.August aus­ge­ruht wieder zum Dienst, dann mit ein paar Neue­rungen und natür­lich wei­terhin mit kryp­ti­schen Bil­der­rät­seln. Und wer etwas Inter­es­santes. Lus­tiges, Skur­riles im Urlaub erlebt, was the­ma­tisch im wei­testen Sinne zu diesem News­letter passt, kann das gerne berichten, unter der bekannten Mail­adresse. Und nun: Habt einen guten Sommer!

Philipp Köster