Seite 3: „Rechte vernetzen sich in der Fanszene“

Gibt es auch heute noch wie in den neun­ziger Jahren Anwer­be­ver­suche von Rechts­ex­tremen im Sta­dion?
Natür­lich. Musik und Fuß­ball sind bis heute die größten Rekru­tie­rungs­felder für Rechts­ex­treme. Dabei muss man aber zwei Arten der Rekru­tie­rung unter­scheiden: Zum einen gibt es die Anwer­bung mit einer klaren poli­ti­sche Stra­tegie, wie bei­spiels­weise bei der NPD oder früher der FAP. Die NPD ver­teilte jah­re­lang CDs auf Schul­höfen und teil­weise Flug­blätter vor Fan­blö­cken. Aller­dings sind ihre Ver­suche größ­ten­teils gefloppt, weil gerade Fuß­ball­fans nicht auf Par­tei­po­litik anspringen und von dieser insti­tu­tio­nellen Struktur eher abge­schreckt werden. Über aktu­el­lere Ver­suche der AfD, Hoo­li­gans zu inte­grieren, ist bis­lang wenig bekannt, jedoch wirkten Hoo­li­gans an AfD-nahen, rechten Auf­mär­schen mit.

Was ist die zweite Vari­ante?
Sie wird gerade von rechts­ex­tremen Kame­rad­schaften und ähn­li­chen Struk­turen gepflegt und ver­läuft eher über eine kul­tu­relle Praxis. Das heißt: Rechte treten nicht mit einem Par­tei­pro­gramm auf, son­dern ver­netzen sich mitten in der Fan­szene, sie fahren aus­wärts mit, zeigen Prä­senz, reißen die­selben groben Witze. Auch hier spielt Musik eine Rolle: Die Band Kate­gorie C“ ist bun­des­weit aktiv, die Gruppe Fron­tal­kraft“ spielt ins­be­son­dere für die rechts­ex­treme Hoo­li­gan­szene in Cottbus eine beson­dere Rolle. Und nicht selten gehen die alten Hoo­li­gans bei Aus­wärts­fahrten mit den Jün­geren in den Puff. Nazis bewegen sich also in diesem Män­ner­bund, einer gewalt­af­finen Gemein­schaft. Und irgend­wann kommt dann die Ansage an Jün­gere: Du könn­test dich auch mal für etwas Grö­ßeres enga­gieren als nur einen Fuß­ball­verein.“

Was führt dazu, dass Jugend­liche emp­fäng­lich für diese Anwer­bungs­ver­suche sind?
Zum einen sind es ja nicht nur Jugend­liche, zum anderen ist auch das sehr kom­plex: Es hängt mit gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungen, Per­sön­lich­keits­merk­malen und mit­unter den vor­han­denen Gruppen zusammen. Eine bekannte These des Bie­le­felder Wis­sen­schaft­lers Wil­helm Heit­meyer aus den acht­ziger Jahren besagte: Man könne die Gewalt von jungen Men­schen nicht von der Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls trennen. Denn gerade Jugend­liche erfahren dem­nach den Kom­mer­zia­li­sie­rungs­druck als Gewalt. Hoo­li­ga­nismus wird somit zu einer Art bra­chialer Ant­wort, zum Kampf um Raum und Wahr­neh­mung. Dabei beziehen sich die meisten Gruppen zugleich auf Iden­ti­täten wie Nation und Geschlecht, ten­dieren somit stark nach rechts. Sie erleben ein Gefühl der Macht, wenn sie in dieser Gruppe unter­wegs sind. Dieser theo­re­ti­sche Ansatz besitzt bis heute Gül­tig­keit.


Dort­munder Ultras posi­tio­nieren sich klar gegen Nazis

Ver­su­chen Rechts­ex­treme auch bei Ultra­gruppen ihren Nach­wuchs zu rekru­tieren?
Rechts­ex­treme agi­tieren selbst­re­dend eher bei den rechts­of­fenen Gruppen inner­halb einer Szene. Natür­lich stehen die Ultras als größte Jugend­kultur in ihrem Fokus. Sie ver­su­chen an die Punkte der Ultra­be­we­gung anzu­do­cken: das oft gewalt­af­fine Män­ner­bündnis, die Ableh­nung gegen­über der Polizei, der iden­ti­täre Bezug zur Stadt und zur Heimat. Wichtig ist dabei: Der Ein- und Aus­stieg in die rechts­ex­treme Szene erfolgt schlei­chend, es ist ein Pro­zess. Rechts­ex­treme bauen erst einmal Ver­trauen auf, ohne andau­ernd ihre Gesin­nung zu the­ma­ti­sieren. Erst zu einem spä­teren Zeit­punkt legen sie Jugend­li­chen den nächsten Schritt nahe, dass das Enga­ge­ment für die Nation noch wich­tiger sei als jenes für den Verein. Doch sind diese wie­derum keine naiven Opfer: Sie können sich bewusst für oder gegen den Weg in eine Kame­rad­schaft ent­scheiden.

Wie kann in diesem Fall die Prä­ven­ti­ons­ar­beit aus­sehen?
An den Kern einer rechts­ge­rich­teten Hoo­li­gan­gruppe kommt man kaum heran, da sollte die Soziale Arbeit nicht über­schätzt werden. In diesem Fall hilft nur poli­zei­liche Inter­ven­tion und Straf­ver­fol­gung. Fan­pro­jekte haben aber Mög­lich­keiten, im Kreis der Mit­läufer zu wirken. Diese Leute sind nicht so gefes­tigt in ihrem Welt­bild, in ihrem Bezug zur Gruppe. Pro­jekte können die Hand rei­chen und fragen: Wie sind eigent­lich deine Ziele im beruf­li­chen oder pri­vaten Leben? Wir können dir helfen und eine Zukunft auf­zeigen.“ Denn auch Aus­stiege sind Pro­zesse und ent­wi­ckeln sich durch Zweifel an der Lebens­lüge der rechten Szene: ihrer soge­nannten Kame­rad­schaft, die allein in szenein­terner Gewalt besteht. Durch derlei Ange­bote konnten schon sehr viele Jugend­liche dabei unter­stützt werden, sich von der rechts­ex­tremen Szene wieder abzu­wenden.

Robert Claus hat im Sep­tember 2017 das Buch Hoo­li­gans – Eine Welt zwi­schen Fuß­ball, Gewalt und Politik im Verlag Die Werk­statt ver­öf­fent­licht.
Anmer­kung: Das Foto über diesem Artikel bildet jenen Fan­block ab, aus dem die Nazi-Rufe kamen. Nicht alle Per­sonen dieses Blocks waren daran betei­ligt.

Update: Als Reak­tion auf dieses Inter­view erreichte uns fol­gendes Schreiben der Bri­gade Nassau“:

Sehr geehrter Herr Robert Claus,
liebe Leser von 11Freunde,
liebe 11Freunde Redak­tion,
 
Wir haben lange über­legt ob wir reagieren sollen, aller­dings sind diese Vor­würfe gegen uns als Gruppe und gegen Ein­zel­per­sonen so nicht zu Akzep­tieren.
Fangen wir beim Thema Themar an, ja es waren Mit­glieder unserer Gruppe vor Ort! Diese waren auch an dem Pro­ze­dere und Ja auch an den Bands inter­es­siert. Das ist nicht abzu­streiten.
Aller­dings würde nie­mand der diese Per­sonen kennt als Nazis abstem­peln, die Ein­drücke die diese Men­schen aus Themar mit­brachten, waren auch keine Posi­tiven und das was von diesen zu hören war ließ kein gutes Haar an den Besu­chern dieses wie sie es nennen Fes­ti­vals“.
Übri­gens, von uns als Bri­gade Nassau war keiner in Prag beim Län­der­spiel!
Des­wei­teren bestreitet auch nie­mand inner­halb unserer Gruppe das es ver­schie­dene Poli­ti­sche Inter­essen bzw. Mei­nungen gibt. Aller­dings bestreiten wir sowohl den Ein­fluss von Rechten und/​oder Links­ra­di­kalen. Wenn Sie gelungen Inte­gra­tion sehen wollen schauen Sie auf unsere Gruppe und Ihnen wird auf­fallen das wir es schaffe ver­schie­dene Natio­na­li­täten, u.a. Kolum­bianer, Afro-Deut­sche, Kroaten, Viet­na­mesen, Iraner unter einen Hut zu bringen und haben aus eben diesen eine Gruppe gebildet die für sich steht.
Zum Trai­ning, ja wir trai­nieren Kampf­sport, für uns ist das was wir betreiben ein Sport, unser Ventil zum Alltag. Wir führen Ihn ebenso gerne aus wie Men­schen, die Mara­thon laufen, Bungee springen, Snow­board fahren oder Fuß­ball spielen.
 
Mit freund­li­chen Grüßen
 
Bri­gade Nassau
Frank­furt Hoo­li­gans