Der Ein­druck, den Ronnie Bruns­wijk in dieser Woche auf dem Fuß­ball­platz hin­ter­ließ, war der gleiche wie der, mit dem sich seine wen­dungs­reiche poli­ti­sche Kar­riere beschreiben lässt: ein ein­ziges Rätsel. In einer Szene leitet er den Ball lässig mit der Hacke weiter, das sieht tat­säch­lich nach Fuß­ball aus. In einer anderen bemüht er sich nicht einmal einen Pass zu errei­chen, der ihm durchaus seriös in den Lauf gespielt wird, blickt statt­dessen den Pass­geber vor­wurfs­voll an: Spiel mir das Ding doch in den Fuß!“

Dass Bruns­wijks 54-minü­tiger Auf­tritt beim CON­CACAF-League-Spiel zwi­schen Inter Moen­go­tapoe aus Suri­name und CD Olimpia aus Hon­duras über­haupt ein Fall für die Welt­presse wurde, hat jedoch andere Gründe als seine vor­han­dene oder eben nicht vor­han­dene sport­liche Qua­lität. Viel­mehr ergab sich der Nach­rich­ten­wert in diesem Fall aus dem Alter und dem Status des Fuß­bal­lers. Ronnie Bruns­wijk ist näm­lich stolze sechzig Jahre alt und damit ab jetzt der älteste Fuß­baller, der je in einem inter­na­tio­nalen Wett­be­werb zum Ein­satz kam. Und er ist ein ehe­ma­liger Rebel­len­führer, ver­ur­teilter Dro­gen­händler und, ach ja, Vize­prä­si­dent von Suri­name.

Geld in der Gäs­te­ka­bine ver­teilt

Über die Partie, die Moen­go­tapoe chan­cenlos mit 0:6 verlor, gibt es noch ein paar andere inter­es­sante Details zu berichten. So lief Ronnie Bruns­wijk, der in Per­so­nal­union auch Prä­si­dent des Ver­eins ist, gemeinsam mit seinem Sohn Damian auf, übri­gens angeb­lich eines von über fünfzig Kin­dern, die er gezeugt haben soll, aber das ist womög­lich eine Räu­ber­pis­tole. Span­nender ist, dass im Nach­gang des Spiels auf Twitter ein Video kur­sierte, das Bruns­wijk dabei zeigt, wie er in der Kabine unter den Spie­lern der Gäste Geld­scheine ver­teilt. Ein Gebaren, das an seine Zeit als Rebel­len­führer in den acht­ziger Jahren erin­nert, als er das bei Über­fällen auf Mili­tär­kon­vois erbeu­tete Geld im Volk ver­teilte und sich damit zeit­weise den Ruf eines suri­n­a­mi­schen Robin Hood“ erwarb.

So gesehen ist der Fuß­ball­abend in Moen­go­tapoe für alle Betei­ligten gut aus­ge­gangen, der Mann kann näm­lich auch anders. Abge­sehen davon, dass er an einem aus­ge­spro­chen schmut­zigen Gue­ril­la­krieg betei­ligt war und von den Nie­der­landen und Frank­reich in Abwe­sen­heit wegen Dro­gen­han­dels zu Gefäng­nis­strafen ver­ur­teilt wurde, gibt es in seiner Bio­gra­phie auch sonst den einen oder anderen dis­ku­ta­blen Zwi­schen­fall, sowohl auf dem Platz als auch außer­halb. So soll Bruns­wijk bei einem Spiel vor fünf­zehn Jahren eine Pis­tole gezogen und seinen Gegen­spieler bedroht und bei einer wüsten Prü­gelei im Par­la­ment von Suri­name seinem Kon­tra­henten ins Gesicht getreten haben. Aber manche Dinge ver­kneift man sich mit jetzt sechzig dann lieber doch.

Bleibt die Frage, warum einer wie er sich das antut: einen sport­li­chen Wett­kampf mit Jün­geren und Fit­teren, bei dem er eigent­lich nur ver­lieren kann. Wobei er bei so etwas im Sub­genre Staats­männer mit zwei­fel­haftem Ruf“ absolut kein Ein­zel­fall ist. So spielen Wla­dimir Putin und Aljak­sandr Luka­schenka für ihr Leben gern Eis­ho­ckey, und vor acht Jahren gab es in 11FREUNDE ein Por­trät über Bojko Borissow. Darin ging es nicht etwa um dessen Kar­riere als Pre­mier­mi­nister oder Prä­si­dent von Bul­ga­rien (wie auch Putin tauscht er den Posten von Zeit zu Zeit), son­dern um sein Enga­ge­ment als Fuß­baller in der zweiten bul­ga­ri­schen Liga, mit da immerhin bereits stolzen 54 Jahren und locker zwei Zentner Gewicht auf der Waage.

Der Besuch bei Borissow war ebenso leer­reich wie bizarr. Die Mit­spieler, die alle­samt locker seine Söhne hätten sein können, nannten ihn Xavi“; angeb­lich wegen seiner zen­ti­me­ter­ge­nauen Pässe, aber war nicht doch ein Hauch Ironie dabei? Auf die Frage nach dem Warum ant­wor­tete er lapidar: Nur um mich fit zu halten.“ (Mut­maß­lich unwahr.) Und wegen des Adre­na­lins bei den Pflicht­spielen.“ (Stimmt schon eher.) Ob ihn die Gegen­spieler schonen würden? Ach was, die sind sogar aggres­siver!“ (Naja.) Und ist der Effekt seines Enga­ge­ments kal­ku­liert? Ich hatte so viele Treffen mit Merkel, Obama und Sar­kozy, ich brauche solch eine Wer­bung nicht. Ach übri­gens, ich sende Grüße an Horst See­hofer. Ein guter Freund von mir!“

Aus­lands­auf­tritt aus­ge­schlossen

Letzt­lich ist die Ant­wort auf eben­jene Frage nach dem Warum in sol­chen Fällen wahr­schein­lich gar nicht so kom­pli­ziert und bei Bruns­wijk wie Borissow die­selbe: Weil er es kann. Und selbst­ver­ständ­lich ist das unfall­freie Mit­wirken im sport­li­chen Wett­be­werb für alternde macht­hung­rige Männer eine gera­dezu unschlag­bare Mög­lich­keit, sich ihrer fort­ge­setzten Kon­kur­renz­fä­hig­keit, Unver­wüst­lich­keit oder sogar Unsterb­lich­keit zu ver­si­chern. Wie gelungen die Per­for­mance am Ende tat­säch­lich war, liegt ja ohnehin stets im Auge des Betrach­ters, wobei es durchaus von Vor­teil ist, wenn deren Mehr­zahl kein Inter­esse daran hat, es sich mit dem Alt­star zu ver­derben.

Zusam­men­ge­fasst: Es steht zu befürchten, dass der Auf­tritt gegen CD Olimpia zwar der erste, aber nicht der letzte in der inter­na­tio­nalen Fuß­ball­kar­riere des Ronnie Bruns­wijk gewesen ist. Dass er beim Rück­spiel in Hon­duras in einer Woche dabei sein wird, ist aller­dings aus­ge­schlossen. Weil die Nie­der­lande einen inter­na­tio­nalen Haft­be­fehl gegen ihn erwirkt haben, kann er Suri­name nicht ver­lassen.