Es gleicht einem Wunder, dass die fran­zö­si­sche Natio­nal­mann­schaft bei dieser Welt­meis­ter­schaft um den Einzug in das Vier­tel­fi­nale kämpft. Nicht etwa, weil die Leis­tungen der Mann­schaft im bis­he­rigen Tur­nier­ver­lauf so schlecht gewesen sind – ganz im Gegen­teil. Die Fran­zosen gelangten unge­schlagen und spie­le­risch über­zeu­gend durch die Vor­runde.

Alarm­stufe Rot“ in Kiew

Das Wunder ist viel­mehr, dass sie über­haupt dabei sind in Bra­si­lien. In der WM-Qua­li­fi­ka­tion belegten sie hinter Spa­nien nur Platz zwei und trafen in den Play-offs auf die Ukraine. Ein mach­bares Los für die stolze Fuß­ball­na­tion, so schien es. Doch im Hin­spiel von Kiew setzte es eine 0:2‑Niederlage, die in dieser Höhe noch schmei­chel­haft war. Die Reak­tionen in der Heimat fielen dem­entspre­chend aus. Alarm­stufe Rot“, titelte die L’E­quipe“, sprach der Mann­schaft jeg­li­chen Cha­rakter und ihrem Trainer Didier Deschamps einen nach­hal­tigen Plan ab.

Für das Rück­spiel in Paris wurden dann nicht einmal alle Karten ver­kauft. Die Zuschauer, die den­noch ihren Weg in das Natio­nal­sta­dion von St. Denis fanden, glaubten vor Anpfiff wohl eher einer Beer­di­gung, denn einem Fuß­ball­wunder bei­zu­wohnen. Doch es kam anders.

Mit 3:0 rollten die Fran­zosen über die bemit­lei­dens­werten Ukrainer hinweg, spielten sich pha­sen­weise in einen Rausch und qua­li­fi­zierten sich vier Tage nach dem pro­phe­zeiten Aus doch noch für Bra­si­lien. Und auch auf den Rängen pas­sierte Uner­war­tetes. Mit dem Mute der Ver­zweif­lung peitschten die Fans ihre Mann­schaft nach vorne, wie es Beob­achter nicht einmal bei der sieg­rei­chen Heim-WM 1998 erlebt haben wollen.

Opti­mismus nach Riberys Ver­let­zung

Was immer pas­siert ist an diesem 19. November in Paris, mit dieser Mann­schaft und ihren Fans, es trug die Fran­zosen in den acht Spielen seit dem Play-off-Hin­spiel mit einem Tor­ver­hältnis von 26:3 von Sieg zu Sieg. Schlag­artig ver­gessen schienen die Strei­tig­keiten, die in den Jahren zuvor die Schlag­zeilen beherrschten. Zwi­schen Trai­ner­stab und Mann­schaft, alten und jungen Spie­lern und sol­chen mit und jenen ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Mit vor­sich­tigem Opti­mismus ging es nun in das Tur­nier. Ein Opti­mismus, der sich kurio­ser­weise ver­stärkte, als klar war, dass Frank­reich ver­let­zungs­be­dingt auf Franck Ribéry, Europas Fuß­baller des Jahres, ver­zichten müsse.

Mit ihm sei das fran­zö­si­sche Spiel zu leicht aus­re­chenbar, hallte es durch die Presse, zudem würden sich die anderen Spieler hinter ihm ver­ste­cken und nicht ihr ganzes Poten­zial abrufen. Die L’E­quipe“ titelte in Anspie­lung auf Ribérys Ankün­di­gung, diese WM wäre seine letzte, ohne großes Mit­leid: Ende des Romans.“ Und tat­säch­lich wirkt die Mann­schaft seither wie von einer Last befreit.

Ins­be­son­dere Karim Ben­zema scheint wie aus­ge­wech­selt. Der Stürmer von Real Madrid, noch 2013 über mehr als 1200 Minuten ohne Natio­nal­mann­schaftstor, sprüht vor Spiel­freude und trifft fast nach Belieben. Wahr­schein­lich ist er unser Schlüs­sel­spieler“, mut­maßte Tor­wart Hugo Lloris fol­ge­richtig. Auch Ribérys Ersatz im Mit­tel­feld, Mathieu Val­buena, prä­sen­tiert sich stark wie nie zuvor.

Wir sind unser gefähr­lichster Gegner“

Doch vor allem ist es die fast schon alt­mo­disch anmu­tende mann­schaft­liche Geschlos­sen­heit, die die Fran­zosen so stark auf­spielen lässt. So sagte der erfah­renste Spieler des Kaders, Links­ver­tei­diger Patrice Evra: Ich habe viel Respekt vor unseren Geg­nern, aber unser gefähr­lichster Gegner sind wir.“

Aktuell scheint das Bin­nen­klima aber nicht nur wegen der sport­li­chen Erfolge intakt zu sein, wie Evra ergänzte: Es läuft bei uns alles so gut, dass man fast schon Angst bekommt.“ Das lässt die Ansprüche steigen. Zeigten sich die Spieler vor Tur­nier­be­ginn noch zurück­hal­tend, gehen sie inzwi­schen in die Offen­sive. Wenn wir den Titel nicht holen, wäre das für mich ein Schei­tern“, sagte etwa Ver­tei­diger Bacary Sagna. Und so viel scheint klar: Sollten sie den Titel holen, wäre es zumin­dest kein Wunder mehr.