Hammer-Horst ist tot. Der cha­ris­ma­ti­sche Steh­geiger mit der Wahn­sinn­s­klebe war vor zwei Jahren einer der Prot­ago­nisten unserer Repor­tage über die Wilde Liga Bie­le­feld, die ihr hier noch mal lesen könnt. Mach’s gut, Horst.

Zehn Jahre nach seinem plötz­li­chen Ver­schwinden ist Hammer-Horst“ wieder da. Besser gesagt hockt er in seiner Küche und erklärt den ehe­ma­ligen Mit­spie­lern Nor­bert und Heinz, warum er von einem Tag auf den anderen nicht mehr zu den Spielen der Sieker Löwen erschienen ist, nachdem er ein Vier­tel­jahr­hun­dert zuver­lässig für sie geknipst hatte. Der fol­gende, leicht gekürzte Dialog ist für Nicht-Bie­le­felder nicht leicht zu ver­stehen. Heinz: Horst, sach doch mal, das letzte Spiel …“ Horst: Ja, gib mir mal so n Pau­laner da hinten …“ Dann, nach einer län­geren Pause: Wir hatten einen wun­der­baren Ver­tei­diger, der das umfunk­tio­niert hat als Stürmer. Der von der eigenen Eck­fahne aus nicht zum Tor­wart spielte, son­dern über den Tor­wart drüber zum Gegner, und der brauchte nur noch ein­ni­cken. Fünf Mal in dem Spiel.“ Heinz: Fünf Mal? Kenn’ ich den, von dem du gerade sprichst?“ Horst: Guck mal, da is’ nen Spiegel.“ Heinz: Und wenn du da mal was gesagt hät­test? Hätte man ja mal drüber spre­chen können.“ Horst: Na ja.“ So klingt Ver­söh­nung auf Ost­west­fä­lisch.

Ajax Auf­ruhr – das klingt lustig

Die rüh­rende Szene ist Teil von Die Würde des Balles“, einer Doku­men­ta­tion über die Wilde Liga Bie­le­feld – eine der größten und wahr­schein­lich die älteste Alter­na­tiv­liga Deutsch­lands. Oder ist die Rüh­rung nur eine sub­jek­tive Emp­fin­dung, weil ich Horst und Heinz kenne und unzäh­lige Male mit ihnen bezie­hungs­weise gegen sie auf dem Platz gestanden habe? Denn an der Stelle muss die Maske eines ver­meint­lich objek­tiven Jour­na­lismus fallen: Diese Geschichte ist auch eine per­sön­liche. Als ich 1990 aus dem beschau­li­chen Minden ins pul­sie­rende Bie­le­feld kam, hatte ich meine mau ver­lau­fene, irgendwo zwi­schen Kreis­liga B und C ver­san­dete DFB-Kar­riere gerade zu den Akten gelegt. Kein großer Ver­lust, aber das Kicken an sich fehlte mir doch. Irgend­wann erzählte ein Bekannter, er würde in der soge­nannten Wilden Liga spielen, bei einem Team namens Ajax Auf­ruhr. Ajax Auf­ruhr?“, echote ich. Das klingt ja lustig!“ – Ja“, sagte der Bekannte. Morgen spielen wir gegen Lok Lat­ten­schuß. Wir sind gerade per­so­nell etwas klamm, also komm doch ein­fach vorbei.“

Am nächsten Tag hatte ich ein Erwe­ckungs­er­lebnis. Das Spiel fand an der Bie­le­felder Rad­renn­bahn statt, einem großen Areal mit vier Sport­plätzen. Das ganze Gelände war voll mit jungen und nicht mehr ganz so jungen Män­nern, von denen viele wegen ihrer Lang­haarig- und/​oder Strup­pig­keit in der Kreis­liga schwer vor­stellbar gewesen wären. Wäh­rend der Spiele wurde viel dis­ku­tiert, denn es gab keine Schieds­richter. Die Tri­kots waren ver­wa­schen, die Fähig­keiten der Spieler sehr hete­rogen. Neben Ajax Auf­ruhr und Lok Lat­ten­schuß spielten Schwarz-Rot Chaos, Ein­tracht Zwie­tracht und Sollte Schießen. Es war ein fremde und selt­same Welt, aber sie roch gut, näm­lich nach erst­klas­sigem hol­län­di­schen Import­gras. Ich bin sicher nicht der größte Kiffer vor dem Herrn, trotzdem ver­liebte ich mich gleich in die Wilde Liga. Es war eine Liebe, die fast fünf­zehn Jahre halten sollte. Heute weiß ich, dass der erste Ein­druck zwar nicht falsch, aber doch ungenau und dem gefil­terten Blick des behütet auf­ge­wach­senen Neu­an­kömm­lings geschuldet war. Denn die wirk­lich wilden Zeiten der Wilden Liga lagen im Jahr 1990 schon länger als ein Jahr­zehnt zurück.

Kreuz­band­risse und Punk­bands

Treffen mit Makkus, einem Mann der ersten Stunde, vorm AJZ. Er ist noch nicht da, also ein kurzer Blick in den Innenhof des Arbei­ter­ju­gend­zen­trums an der Heeper Straße, das eine der Keim­zellen der Wilden Liga war. Ein Plakat kün­digt ein Kon­zert der Punk­bands Mann kackt sich in die Hose“ und scheis­se­die­bullen“ an, ein anderes for­dert auf, sich beim G20-Gipfel dem Schwarzen Block anzu­schließen, frei nach dem Motto Besu­chen Sie Ham­burg, solange es noch steht!“ Beru­hi­gende Erkenntnis: Hier ist noch alles beim Alten. Makkus, der eigent­lich Ger­hard Mar­quardt heißt, fährt vor und ent­steigt einem greisen Klein­wagen. Er selbst ist auch nicht beson­ders gut zu Fuß. Zwei Kreuz­band­risse, die einst seine Wilde-Liga-Kar­riere been­deten, haben ihre Spuren hin­ter­lassen. Als die Liga ihren Betrieb auf­nahm, war Makkus 26. Jetzt ist er 67.

Wir gehen Eis essen, im AJZ ist Makkus ewig nicht mehr gewesen. Dabei war dies früher sein zweites Wohn­zimmer. Heute ist das ja ein Punk­schuppen“, sagt er. Aber Mitte der Sieb­ziger war es ein Wagnis, dort eine Punk­scheibe auf­zu­legen.“ Statt­dessen lief intel­lek­tu­eller Jazz. Doch nach und nach änderten sich die Zeiten: In der Kneipe waren immer öfter die Sex Pis­tols zu hören, die anfangs unge­bro­chene Sym­pa­thie für die Rote Armee Frak­tion“ bekam erste Risse, und ja, die Leute im AJZ begannen tat­säch­lich Fuß­ball zu spielen, obwohl der Sport, wegen des reak­tio­nären DFB und über­haupt, bei den Linken lange ver­pönt war. Mit ihrer auf­kei­menden Liebe zum Spiel waren die AJZler indes nicht allein, auch in anderen linken Jugend­zen­tren wurde immer öfter gekickt. Anfang 1976 kam schließ­lich die Idee auf, eine Liga zu gründen. Makkus ist noch im Besitz eines mit der Schreib­ma­schine ver­fassten Rund­briefes vom 28. April, der die Grün­dungs­ver­samm­lung doku­men­tiert und das wei­tere Vor­gehen fest­legt. Um die Orga­ni­sa­tion durch­führen zu können“, schreibt ein gewisser Willy Will­mann vom Team Dampf­hammer FlaFla, und für den even­tu­ellen Ankauf eines Pokals brau­chen wir etwas Geld. Des­halb bitten wir Euch, Eurem Mel­de­bogen DM 10,- bei­zu­legen.“ Ein wenig Büro­kratie war also auch auf Links­außen von­nöten.