Wir können das mit einer Quote orga­ni­sieren.“ Dieser Satz alar­miert Frank­reich. Gesagt hat ihn Fran­cois Blaquart, der tech­ni­sche Direktor des fran­zö­si­schen Fuß­ball­ver­bandes. Er meinte: weniger Spieler mit Migran­ti­ons­hin­ter­grund, mehr fran­cais de sou­ches, gebür­tige Fran­zosen. Der tech­ni­sche Direktor ahnte immerhin die Bri­sanz seiner Idee. Das darf nicht bekannt werden“, schob er hin­terher, als die Ver­bands­oberen im ver­gan­genen November tagten. Es wurde bekannt. Das Inter­net­portal Média­part lan­ciert seit letztem Don­nerstag die Gesprächs­pro­to­kolle. Obgleich der fran­zö­si­sche Fuß­ball seine Skan­dale zuletzt am Fließ­band fer­tigen ließ, sticht der aktu­elle Eklat heraus. Weil er nicht sport­li­cher Natur ist, jeden­falls nicht nur – er hat auch eine soziale, poli­ti­sche, ja, gesell­schaft­liche Dimen­sion.

Die betrof­fenen Gre­mien beeilten sich zu erklären, nie sei es ihnen um Her­kunft oder Haut­farbe gegangen. Allein die kör­per­liche Statur war Thema. Wenn der FFF damit den Ras­sis­mus­vor­wurf ent­kräftet glaubt, schießt er ein Eigentor, und zwar ein famoses. Wer über Äpfel statt Birnen redet, redet noch immer über Obst. Statur ist, wie Haut­farbe und Her­kunft, ein Kri­te­rium, das nicht ent­schei­dend sein darf. Jetzt agiert viel­leicht zu zynisch, wer Lau­rent Blancs Nach­namen, hell“, in diesem Zusam­men­hang seziert. Trotzdem, die Ana­lyse des Natio­nal­trai­ners mar­kiert einen Rück­fall in ver­gessen geglaubte Kolo­ni­al­rhe­torik: Wir pro­du­zieren in Frank­reich immer den glei­chen Fuß­baller-Pro­totyp: Groß, stämmig, stark. Und wer ist groß, stämmig, stark? Die Schwarzen. So ist das nun mal.“

Die Quote ist ein vor­ge­scho­benes Argu­ment

Auch ohne solche Begleit­zi­tate, deren Echt­heit Blanc und Co. zäh­ne­knir­schend ein­räumten, bleibt die Quo­tie­rung von Jugend­spie­lern mit dop­pelter Staats­bür­ger­schaft eine absurde Über­le­gung: Sie bevor­teilt die einen aktiv und benach­tei­ligt die anderen passiv. Sie kari­kiert den Begriff Leis­tungs­sport“. Und sie dis­kri­mi­niert, denn Dis­kri­mi­nie­rung beginnt nicht erst mit der Defi­ni­tion, welche Kate­go­rien gut und welche böse sind. Dis­kri­mi­nie­rung beginnt schon im Denken von Kate­go­rien über­haupt. Selbst wenn der fran­zö­si­sche Ver­band tat­säch­lich daran glaubt, dass im Jugend­alter im Gros weiße Spieler aus­sor­tiert werden, weil sie nicht robust genug sind – selbst dann ver­fehlt die Quote ihr Ziel. Es wäre ein­fa­cher und rich­tiger, die Anfor­de­rungs­kri­te­rien zu kor­ri­gieren anstatt die Ziel­menge, die es durch das Raster schafft.

Mich scho­ckiert wirk­lich“, legte Blanc dann noch nach, dass Leute in den ver­schie­denen Junio­ren­teams mit fünf­zehn, sieb­zehn, neun­zehn Jahren für die fran­zö­si­sche Natio­nal­mann­schaft spielen, und später dann aber für afri­ka­ni­sche Staaten.“ Leider über­sieht der General in seiner inte­gren Ver­zweif­lung, dass die Quote auch da keine Lösung bedeutet. Sie redu­ziert den mög­li­chen Anteil derer, die sich für ein Zweit­land ent­scheiden können, ja. Dass sich dieser Anteil aber noch immer für sein Zweit­land ent­scheiden kann, das fängt sie nicht auf. Die Argu­men­ta­tion aller Betei­ligten outet sich als faden­scheinig. Als Unlogik. Und die Debatte ist so ideo­lo­gi­sche Ver­ir­rung und bil­lige Stim­mungs­mache. Der fran­zö­si­sche Ver­band bezeichnet seine Équipe Tri­co­lore zwar gerne als Spiegel der Gesell­schaft. Die ange­dachte Regel aber zeigt: Der Blick in diesen Spiegel gefällt den Ver­ant­wort­li­chen nicht. Mit der Faust wollen sie das Glas zer­trüm­mern.

Gesell­schaft­liche Normen am Erfolg ori­en­tiert

Am bedenk­lichsten bleibt in all dem Getöse, wie der fran­zö­si­sche Ver­band seine Flagge in den Wind hängt. Als die Équipe Tri­co­lore 1998 den WM- und 2000 den EM-Titel holte, fei­erten die Ver­ant­wort­li­chen das Modell als Erfolg, als mul­ti­kul­tu­relle Blau­pause. Viele Kul­turen, Stile und Spiel­arten werden optimal mit­ein­ander ver­mischt“, jubelte damals Trainer Aime Jac­quet über ein Team, das Ziné­dine Zidane (Alge­rien), Youri Djor­kaeff (Arme­nien), Marcel Desailly (Ghana), Chris­tian Kar­em­beau (Neu-Kale­do­nien) und Didier Deschamps (Bas­ken­land) ver­sam­melte. Jetzt, da der sport­liche Erfolg aus­bleibt und sich Dis­zi­plin­lo­sig­keiten häufen, sind die Blacks, Blancs, Beurs“ plötz­lich nicht mehr zeit­gemäß. Ein kal­ku­la­to­ri­sches Denken offen­bart sich, das im Tur­bo­ge­schäft Fuß­ball nicht über­rascht, aber falsch und gefähr­lich ist. Ges­tern eine Quote ablehnen, sie heute wieder for­dern – das kann nur ein Wen­de­hals, der gesell­schaft­liche Werte nicht Über­zeu­gung, son­dern Über­trei­bung nennt.