Die Volks­zäh­lung des Jahres 1987 war staat­lich ange­ordnet. Der Gesetz­geber wollte wissen, wie viele Men­schen genau in Deutsch­land leben und welche Bedürf­nisse sie haben. Weite Teile der Bevöl­ke­rung unter­stützten dieses Vor­haben. Doch es gab auch Vor­be­halte. Eine Min­der­heit glaubte, es han­dele dabei um eine Schnüf­felei im Pri­vat­leben. Reprä­sen­tiert wurde diese Min­der­heit von der ersten Genera­tion der Grünen, die noch recht wild war. 

Als Leiter der Dort­munder Mel­de­be­hörde war ich zuständig für die Durch­füh­rung der Maß­nahmen in unserer Stadt und des­halb eine Reiz­figur für die Gegner, wie ich in vielen hit­zigen Debatten zu spüren bekam. Doch ich hatte keinen Spiel­raum, ich war ja von Amts wegen ver­pflichtet, die Volks­zäh­lung zu orga­ni­sieren. Nun war ich in Per­so­nal­union auch Sport­de­zer­nent der Stadt und somit Haus­herr des West­fa­len­sta­dions – eine Kon­stel­la­tion mit skur­rilen Folgen. Am Morgen des Tages vor dem Spiel des BVB gegen den Ham­burger SV rief mich der Sta­di­on­wart an und rief ganz außer sich: Herr Rüttel, kommen Sie mal hier her. Ich muss Ihnen was zeigen.“

Nega­tiv­pro­pa­ganda auf dem Rasen

Ich traute meinen Augen kaum: Ein­dring­linge hatten direkt vor der West­tri­büne auf den Rasen gepin­selt: BOY­KOT­TIERT UND SABO­TIERT DIE VOLKS­ZÄH­LUNG“. Das war ein Hammer! Auf gar keinen Fall durfte ich es dazu kommen lassen, dass diese Nega­tiv­pro­pa­ganda bun­des­weit aus­ge­strahlt würde. Doch die Farbe war nicht zu ent­fernen, auch Rasen­mähen half nichts – ich hätte das Spiel, das schon aus­ver­kauft war, absagen müssen. Ich setzte mich also mit meinen Mit­ar­bei­tern zusammen, um nach einem Ausweg zu suchen. Einem kam die ret­tende Idee: Wir könnten ein­fach ein NICHT hinten dran hängen!“ Und ich setzte noch einen drauf: Wir schreiben DER BUN­DES­PRÄ­SI­DENT davor!“ Ich rief schnell beim Refe­renten des Bun­des­prä­si­denten Richard von Weiz­sä­cker an, um mir grünes Licht zu holen. Schon eine Stunde später bekam ich es: Herr von Weiz­sä­cker habe sich köst­lich amü­siert und sei ein­ver­standen mit unserem Plan. Am nächsten Morgen fingen wir also fleißig an zu pin­seln. Die Zuschauer kamen, sahen den Spruch, und ich ließ bekannt geben, dass es sich um eine ins Posi­tive umge­deu­tete Nega­tiv­pa­role han­dele. Auch der dama­lige Ein­peit­scher der Grünen war zugegen, der sonst nie bei einem Fuß­ball­spiel war.

Die Grünen schlagen zurück

Stellen Sie sich mal sein Gesicht vor! Sagen wir: Es war eine Über­ra­schung für ihn. Die Geschichte ging durch ganz Europa, überall wurde geschmun­zelt. Ich ahnte jedoch, dass man sich an mir rächen würde. Mein Antrag auf Poli­zei­schutz wurde den­noch abge­lehnt. Zu Unrecht: Eines Nachts, ich lag schon im Bett, hörte ich einen furcht­baren Knall. Ich eilte ins Erd­ge­schoss und sah, dass jemand die Ter­ras­sentür mit einem Vor­schlag­hammer zer­trüm­mert und in meinem Wohn­zimmer einen Eimer But­ter­säure aus­ge­kippt hatte. Der Schrank, das Leder­sofa und der gute Per­ser­tep­pich waren rui­niert. Es dau­erte Monate, bis wir den ent­setz­li­chen Gestank aus dem Haus bekamen. Der Tep­pich, obwohl mühe­voll restau­riert, erlangte nie wieder seinen alten Glanz zurück. Im Garten, unter der Vogel­tränke, fanden wir ein Beken­ner­schreiben: Das haben Sie jetzt von Ihrer Volks­zäh­lung, Rüttel!“ Die Täter wurden nie gefasst. Ich hatte zwar einen Ver­dacht, doch beweisen konnte ich nichts. Immerhin, es war das zweite Eigentor der Van­dalen: Auf­ge­bracht durch das But­ter­säure-Attentat und die Aktion im Sta­dion zuvor, betei­ligte sich die über­wäl­ti­gende Mehr­heit der Dort­munder an der Volks­zäh­lung.