Ein biss­chen Kli­schee ist immer. Auch bei Ralph Gunesch. Der Ver­tei­diger des FC Ingol­stadt spielt zum Bei­spiel gerne Play­sta­tion, er mag Ibiza House und fährt schnelle Karren. Des­wegen hat ihn die Bild“-Zeitung einmal Felgen-Ralle“ getauft und mit ihm eine Story über Sex im Auto gemacht.

Kennste ja, weißte ja, sagt Gunesch, Jeans, T‑Shirt, Turn­schuhe, Typ Sport­stu­dent. Die Medien lieben eben Eti­ketten. Und was passt besser als Fuß­baller und Autos. Doch irgendwie ist’s auch lustig, er nennt sich ja heute selbst so: Felgen-Ralle, kurz FLG RLL“. So steht es auf seinem Shirt, eine opti­sche Adap­tion des legen­dären RUN-DMC-Schrift­zugs.

Ralph Gunesch ist mal wieder in Ham­burg, auf Quasi-Hei­mat­be­such, ein­ge­laden bei einer Fuß­ball­talk­runde. Er ist dort in Hoch­form, witzig, char­mant, schlag­fertig. Er macht Witze über Uli Stie­like, Markus Lanz oder Lothar Mat­thäus, und weil er irgend­wann vor allem über sich selbst lacht, ver­gisst man manchmal, dass Ralph Gunesch ein aktu­eller Fuß­ball­profi ist. Er war bei Ale­mannia Aachen, hat mit Mainz 05 in der Bun­des­liga gespielt und ins­ge­samt acht Jahre beim FC St. Pauli. Nun eben Ingol­stadt, zweite Liga, solider Innen­ver­tei­diger. Einer von denen, die nor­ma­ler­weise von Spiel zu Spiel denken. Die Nannys haben, die bei der Spül­ma­schine den Start­knopf drü­cken, und Berater, die immer ein wenig unruhig werden, wenn die inter­nats­ge­formte Hoch­leis­tungs­ma­schine frei spre­chen muss.

Also Ralph, Felgen-Ralle, Herr Gunesch: Wieso denken Sie nicht von Spiel zu Spiel? Wieso machen Sie sich alleine Gedanken? Und wieso kennen Sie etwas, dass nur wenige Fuß­ball­profis kennen: Selbst­ironie?

Herr Scholl, ich möchte nur kurz stören!“

Ralph Gunesch sitzt wenige Stunden vor der Talk­runde in einer Kiez­kneipe, einen Stein­wurf vom Mill­erntor ent­fernt. Fuß­ball ist die Basis“, sagt er. Und: Wenn andere auf Partys gingen, bin ich ins Bett gegangen.“ Dann lacht er, blöder Satz, Fuß­baller-Satz. Aber so war es eben. Egal, noch mal von vorne anfangen, viel früher. 

Als Ralph Gunesch noch ein Kind ist, sagt sein Vater oft, dass er mit offenen Augen durchs Leben gehen solle. Der Junge will es ver­su­chen. Als er die Augen einmal beson­ders weit auf­macht, bemerkt er, dass die Familie von Sie­ben­bürgen nach Aachen umge­zogen ist. Wenig später sieht er Heri­bert Faß­bender in der Sport­schau und beschließt, Fuß­ball­profi zu werden. Weil er aber gerade sieben Jahre alt ist, wird er erst mal Fan. Er trägt ein Bayern-Trikot und findet Mehmet Scholl toll. Jahre später wird er ihn nach einem Pokal­spiel mit dem FC St. Pauli anspre­chen wie ein schüch­terner Schüler seinen Rektor: Herr Scholl, ich möchte nur kurz stören und Ihnen meine Hoch­ach­tung aus­spre­chen.“ Ein Moment, der Gunesch ziem­lich gut beschreibt, denn er bleibt immer Fuß­ballfan. Viel­leicht weil er das Spiel anders ken­nen­lernt als die meisten Spieler der heu­tigen Genera­tion, viel­leicht wegen Thorsten Fink.

Ein Fuß­ball­profi kann viel bewegen, auch im Kleinen.“

Bei einem Bayern-Aus­wärts­spiel in Uer­dingen hat der damals 14-Jäh­rige jeden­falls wieder einen Erwe­ckungs­mo­ment. Er steht nach dem Spiel am Zaun und ruft die Namen seiner Stars. Sie gehen alle vorbei, bis auf einen: Thorsten Fink. Der Bayern-Spieler unter­schreibt auf seinem Trikot und Gunesch weiß: Es war das Auf­re­gendste, was ich bis dahin erlebt hatte.“ Sein Vater sagt später: Denk immer daran, wie froh und stolz du warst. Ein Fuß­ball­profi kann viel bewegen, auch im Kleinen.“

Wenn Gunesch von sol­chen Momenten erzählt, zeigt er auf seinen Unterarm und sagt: Guck mal, stellt sich alles auf.“ Das macht er auch, wenn er sich an das Pokal­spiel gegen Hertha erin­nert. St. Pauli gewann als Dritt­li­gist im Dezember 2005 sen­sa­tio­nell mit 4:3, und Gunesch erhielt danach die SMS eines Fans. Ralle, Aller“, stand da. Ich hab gerade meine Mutter ange­rufen und ihr gesagt, dass ich sie liebe! Danke für heute!“

Schlüs­sel­er­lebnis gegen Chem­nitz

Doch der FC St. Pauli ist nicht nur wegen der sport­li­chen Erfolge wichtig. Da ist auch dieser Moment, als Gunesch das erste Mal merkt, dass Fuß­ball nie­mals nur Fuß­ball ist und Politik nie­mals nur Politik. Bei einem Spiel gegen den Chem­nitzer FC rollen die Gäs­te­fans eine rote Fahne mit weißem Punkt aus – ein pro­vo­ka­tiver Ver­weis auf die NS-Haken­kreuz­flaggen. Gunesch bekommt zunächst nur am Rande mit, was pas­siert. Als er später mit seinem Wagen den Park­platz ver­lassen will, sieht er, wie die Chem­nitzer Fans von der Polizei geschützt werden, wäh­rend tau­sende St. Pauli-Fans sie bedrängen. Gunesch steigt aus dem Wagen und geht auf die Fans zu, er will nun mehr wissen. Die Anhänger sind zunächst erstaunt, hat dieser Junge nicht eben noch Fuß­ball ge­spielt? Dann klopfen sie ihm auf die Schulter, Mensch, toll, dass du hier bist.

Dabei gehe es nicht um Lob, sagt Gunesch, son­dern um Posi­tionen und Denk­an­stöße. Man muss mal aus seiner Blase raus­kommen und die Kom­fort­zone ver­lassen“, sagt er. St. Pauli hat mich dabei sen­si­bi­li­siert und geprägt.“

Im August 2013 kommt er wieder aus der Fuß­ball­pro­fi­blase heraus. Bei einem Spiel bei 1860 Mün­chen wird Guneschs dun­kel­häu­tiger Mit­spieler Danny da Costa von Löwen-Fans ras­sis­tisch beschimpft. Nach dem Spiel schreibt Gunesch über Face­book: Labert mit eurem ras­sis­ti­schen Müll euren Wand­tep­pich voll!“ Und: Ras­sismus ist keine Mei­nung, son­dern ein Ver­bre­chen!“ Das Echo ist über­wäl­ti­gend, mehr als 12 000 Fans liken sein Pos­ting, wenige Stunden später rufen die ersten Jour­nalisten an. Gunesch kann kaum glau­-ben, was pas­siert. Ich bin ja ein recht klei­nes Licht im Fuß­ball­be­trieb“, sagt er. Ich hätte nie gedacht, dass mir so viele Leute zuhören.“

Dabei ist die Sache eigent­lich ganz klar: Sie hören dem Spieler zu, weil er keine Erfin­dung von Mar­ke­ting­stra­tegen ist wie Hans Sarpei. Er ist kein Name für vor­for­mu­lierte Anti-Ras­sismus-Phrasen. Er ist nicht das Gesicht eines Kon­zept­pa­piers der Ver­bände. Er ist ein­fach er, Ralph Gunesch, eine reale Person, ein Fuß­ball­profi, ein 30-jäh­riger Mann mit einem Anliegen.

Kritik am DFB

Gunesch begreift, dass er selbst als Zweit­li­ga­profi eines Ver­eins mit geringer Strahl­kraft eine beson­dere Posi­tion innehat. Als er einen kranken Hund adop­tiert, schreibt er über seine Erfah­rungen genauso wie er den DFB kri­ti­siert, als dieser beim Natio­nal­mann­schafts­trai­ning im Mill­erntor ein anti­fa­schis­ti­sches Banner neu­tra­li­sieren“ lässt. Wieder bekommt er Zustim­mung. Wieder dis­ku­tieren die Fans. In Ingol­stadt hat er den Ver­ant­wort­li­chen am Anfang erklärt, wie er tickt. Der Verein hat gesagt, wichtig sei natür­lich auf’m Platz, doch letzt­end­lich ist der Klub auch froh, dass da mal ein Spieler ist, der die Ver­hält­nisse unge­fil­tert reflek­tiert. Gunesch gibt dem FCI ein Gesicht. Nach dem Da-Costa-Vor­fall hat der Verein gemeinsam mit dem Spieler Anti-Ras­sismus-Shirts ent­worfen. Rechts außen? Nur im 4 – 3‑3!“ steht drauf.

Trotzdem: Ist Ingol­stadt, CSU-Stadt, tiefstes Bayern, nicht auch ein kleiner Kul­tur­schock? Natür­lich sei es keine Metro­pole, sagt Gunesch da, doch es gebe ja auch den Ralle, der die Ruhe schätzt. In Ham­burg sei er nicht dau­er­haft auf St. Pauli, son­dern viel an der Elbe oder im Nien­stedter Hirsch­park, der sich unweit seiner Zweit­woh­nung befindet. Und in Ingol­stadt setzt er sich oft ins Auto und fährt ein­fach los. Ein biss­chen abschalten, ein biss­chen nach­denken. Nur die Straßen, die bay­ri­schen Kuh­weiden, das Geräusch des Motors und er.