Jah­re­lang war Werder Bremen gut aus­ge­leuchtet. Im glei­ßenden Schein des Erfolgs sah man nur einen: Thomas Schaaf. Den unum­strit­tenen Coach“. Nun aber, im Zwie­licht der Nie­der­lagen, werden plötz­lich Figuren gesehen. Sie huschen durch den Schein der Taschen­lampen. Männer! An Tischen! Mit Prä­si­di­ums­mit­glie­dern! Trainer womög­lich! Sie werden gesehen wie sel­tene Tiere im Unter­holz des ewigen Dschun­gels. Man hielt sie für aus­ge­storben. Aber es gibt sie: Die poten­ti­ellen Nach­folger. 



„… wurde gesehen“, ist die Formel, die man sich nun auch in Bremen zuraunt, da sich im Fan­um­feld ange­sichts des andau­ernden Miss­erfolgs ein Gefühl der Macht­lo­sig­keit ein­stellt. Man sucht Halt, wenigs­tens Anhalts­punkte – und gerät an das unhalt­bare Gerücht. 

Angst, dass man ihnen den Coach“ weg­nehmen könnte

In Bremen haben die Anhänger eine gera­dezu para­noide Angst vor jed­weder Form geheimer Treffen, seit der dama­lige Bayern-Manager Uli Hoeneß 2007 am Flug­hafen Han­nover-Lan­gen­hagen mit Werder-Stürmer Miroslav Klose kon­spi­rierte. Angst, dass in einem Verein, in dem seit über einem Jahr­zehnt alles so klar, ein­fach und trans­pa­rent ist, plötz­lich Rän­ke­spiele von­statten gehen könnten, von denen sie nichts wissen. Dass man ihnen den Coach“ weg­nehmen könnte, die sakro­sankte Vater­figur. 

Sie wollen des­halb auf alles gefasst sein. Das Vakuum, das sich auftut, wenn man an eine mög­liche Zeit nach Thomas Schaaf nach­denkt, es muss gefüllt werden. Unbe­dingt. Irgendwie.

Aus­ge­spro­chen ruhig war es in Bremen in den ver­gan­genen Jahren, umso ner­vöser ist die Stim­mung nun. Man ist all das nicht gewohnt: die Abstiegs­angst, das gereizte Mann­schafts­klima, die böse Vor­ahn­nung, mit der man zu den Spielen schleicht. Und so sach­lich, wie man war (worauf man sich auch eine Menge ein­bil­dete), so anfällig ist man nun für Kol­por­tage. Alles scheint plötz­lich denkbar. Pferde kotzen. Jemand hat es gesehen

Hast du schon gehört? Wei­ter­sagen! Stille Post an der Weser.

Tat­säch­lich gesehen wird dabei, genau genommen, von den wenigsten. Es wird gehört. Wei­ter­ge­sagt. Zusammen ergibt das das Hören­sagen. Doch so diffus es ist, so unbe­weisbar, so unwi­der­legbar ist es auch. Gerüchte dringen durch viele Ritzen. Sie mul­ti­pli­zieren sich in den Foren, sozialen Netz­werken und an den guten, alten Stamm­ti­schen. Hast du schon gehört? Wei­ter­sagen! Stille Post an der Weser.

In diesem Fall war es Ralf Rang­nick, der gesehen wurde. Der jüngst in Hof­fen­heim zurück­ge­tre­tene Trainer, wurde – angeb­lich – mit dem Werder-Vor­stand im Bremer Restau­rant Schmidt’s“ gesehen

Wie gesagt: Angeb­lich. Ein Mensch mit dem User­namen Planlos_​B“ hat es am Montag via Twitter kom­mu­ni­ziert: habe die Info bekommen, das der Vor­stand von Werder im Schmitz“ in HB mit Rang­nick gerade zusam­men­sitzt!!!! Gerüchte sagen, das Schaaf Sport­di­rektor werden soll!“

So heißt es im Ori­ginal, das der Weser Kurier“ auf­getan hat. Fassen wir kurz zusammen: Schon Planlos_​B“ selbst hatte Ralf Rang­nick nicht gesehen, eigent­lich sogar über­haupt nichts gesehen, son­dern bloß die Info bekommen“, dass jemand etwas gesehen hat. Und dann sollen noch Gerüchte sagen, das…“ 

Die Ver­läss­lich­keit, ja sogar die bloße Exis­tenz der Quelle ist zwei­fel­haft, die Reso­nanz auf den Twitter-Ein­trag den­noch enorm. Schon wenige Stunden später ist im Fan-Forum eine Peti­tion gegen Ralf Rang­nick als neuen Werder-Coach ent­standen, der Radio­sender Bremen 4“ kom­men­tiert das Gerücht umge­hend, ebenso der Weser­ku­rier“ in seiner heu­tigen Aus­gabe.

Das Gerücht wird zur Spe­ku­la­tion, die stille zur lauten Post. Es ist ein fataler Effekt des Inter­nets, dass Gerüchte sich selbst erhärten: Wer Ralf Rang­nick“ und Werder Bremen“ goo­gelt, erhält nun etliche Treffer (selbst dieser Artikel trägt dazu bei). Aha!, denkt der Goo­gelnde. Es besteht also ein Zusam­men­hang! Wenigs­tens irgend­einer.

Dass ein quasi öffent­li­ches Treffen zwi­schen Ralf Rang­nick und den Werder-Ver­ant­wort­li­chen in einem Restau­rant mitten in der Stadt recht unwahr­schein­lich ist – geschenkt! Schon sehen viele (vor dem inneren Auge), wie Ralf Rang­nick am Trai­nings­ge­lände vor­fährt. Und an ihm vorbei Thomas Schaaf für immer davon.

Absolut falsch“ – Grober Unfug!“

Werder selbst sieht sich nun gezwungen, auf die Spe­ku­la­tionen zu reagieren. Als absolut falsch“, bezeichnet Manager Klaus Allofs sie gegen­über dem Fern­seh­sender SPORT1“. Das ent­behrt jeg­li­cher Grund­lage und ist wirk­lich eine Frech­heit, solche Gerüchte auch noch so zu kenn­zeichnen, als seien sie aus gesi­cherten Quellen.“ Medi­en­di­rektor Tino Polster macht sich der­weil einen Spaß aus seiner Pflicht, im Minu­ten­takt demen­tieren zu müssen, was ein Mensch namens Planlos_​B“ hal­ber­regt ins Netz gek­ri­ckelt hat. Na, klar! Ralf Rang­nick sitzt gerade neben mir!“, sagt er auf Anfrage von 11FREUNDE. Der hat den tollen grünen Rasen hier bei uns gesehen und wollte sofort los­legen!“ Doch inner­halb einer Sekunde kühlt Polster rapide ab. Unfug“, sagt er. Grober Unfug. Absurd.“ 

Die zwei­fel­hafte Logik: Wer demen­tiert, hat was zu ver­bergen

Tino Polster weiß: Es ist eine Sisy­phos-Auf­gabe. Ein Dementi wird die Gerüchte um Ralf Rang­nick und Werder Bremen nicht ersti­cken können. Was er auch sagt, die Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker in den Foren und an den Stamm­ti­schen werden es zu einem Beweis ihrer Spe­ku­la­tionen umdeuten. Die zwei­fel­hafte Logik: Wer demen­tiert, hat was zu ver­bergen. 

Der bloße Ver­dacht, dass die Werder-Ver­ant­wort­li­chen etwas zu ver­bergen hätten, deutet darauf hin, dass hier eine Kultur des Ver­trauens im Ver­fall begriffen ist. Miss­trauen, der miese kleine Begleiter des Abstiegs­kampfs. Eine Ent­wick­lung, vor der die Fans keine Online-Peti­tion schützen kann. Die Spe­ku­la­tionen werden wei­ter­gehen, bis sich irgend­eine mal bewahr­heitet und es dann alle immer schon gewusst haben wollen.

Ralf Rang­nick geht übri­gens gerade nicht an sein Telefon. Auch das ein Beweis? Er könnte ja so intensiv mit Werder ver­han­deln, dass er gar keine Zeit hat zu tele­fo­nieren. Oder ist er zu belei­digt, um abzu­heben, weil schon ein Kon­kur­rent in Bremen gesehen wurde? Sein Name: Lucien Favre, der so genannte Kon­zept­trainer“ aus der Schweiz.

Und noch etwas: Mat­thias Sammer wurde in Mün­chen gesehen. Er wohnt näm­lich dort.