Es ist erst ein paar Wochen her, da waren sie im Umfeld von Jürgen Klins­mann ziem­lich über­zeugt, dass der frü­here Bun­des­trainer eines auf keinen Fall nötig habe: PR-Aktionen. So ändern sich die Zeiten. Denn nichts anderes sind die an diesem Mitt­woch in der Sport­bild ver­öf­fent­lichten Tage­buch-Auf­zeich­nungen aus Klins­manns Zeit als Hertha-Trainer. Dass das Bou­le­vard-Blatt ernst­haft schreibt, die Klins­mann-Seite habe sich zu den Doku­menten nicht äußern wollen, ist eine humo­reske Fuß­note. Der gute Mann wird die Auf­zeich­nungen sicher nicht im Spind liegen gelassen haben.

So ist es also der ver­zwei­felte Ver­such, aus dem ganzen Desaster, das Klins­mann in seinen elf Wochen als Coach der Ber­liner ange­richtet hat, irgendwie unbe­schadet heraus zu kommen oder zumin­dest noch ein paar andere Dar­steller dieser Tra­gi­ko­mödie mit in den Abgrund zu reißen. Denn die Auf­zeich­nungen sind keine halb­wegs sach­liche Auf­ar­bei­tung des tur­bu­lenten Win­ters, son­dern eine ebenso erbar­mungs­lose wie ent­lar­vende Abrech­nung mit den Füh­rungs­struk­turen bei der Hertha.

Stillos, ehr­ver­let­zend und ent­lar­vend

Erbar­mungslos, weil Klins­mann ganz offen­sicht­lich alle, die gegen­wärtig bei der Hertha etwas zu ent­scheiden haben, dezi­diert für unter­durch­schnitt­lich und inkom­pe­tent hält. Lügen­kultur, kata­stro­phale Ver­säum­nisse, unhöf­li­ches Benehmen, Igno­ranz – fast ist man über­rascht, dass Klins­mann die Ber­liner Funk­tio­närs­riege nicht gleich sämt­li­cher sieben Tod­sünden über­führt. Beson­ders abschätzig äußert sich Klins­mann dabei über Michael Preetz. Die Auf­zeich­nungen über den lang­jäh­rigen Geschäfts­führer kommen noch stil­loser und ehr­ver­let­zender daher als die übrigen Aus­füh­rungen. Und man bewun­dert Preetz im Nach­hinein für seine Selbst­dis­zi­plin, freund­lich lächelnd die Pres­se­kon­fe­renz bei Klins­manns Vor­stel­lung absol­viert zu haben.

Ent­lar­vend ist diese Abrech­nung vor allem des­halb, weil Klins­mann damit wenig über die Hertha-Füh­rung und viel über sich selbst erzählt. Über seine völlig ver­zerrte Eigen­wahr­neh­mung, seine Hybris und Gier, und aus alledem resul­tie­rend: seine skur­rile Fehl­ein­schät­zung, er könne bei einem tra­di­ti­ons­rei­chen und eta­blierten Bun­des­li­ga­klub mal eben sämt­liche gewach­sene Struk­turen zer­trüm­mern, ohne Rück­sicht­nahme und Respekt.

Die Ver­öf­fent­li­chung schä­digt vor allem Klins­mann

Nur zur Erin­ne­rung: Schon auf der aller­ersten Pres­se­kon­fe­renz hatte Klins­mann wenig Mühe unter­nommen, den Ein­druck zu zer­streuen, er sei vom Investor Lars Wind­horst ins Trai­neramt bug­siert worden. Dabei wäre es damals ein Leichtes gewesen, Geschäfts­führer Michael Preetz, der direkt neben ihm saß und über dessen ver­meint­liche Ent­mach­tung durch Wind­horst anschlie­ßend viel geschrieben wurden, den Rücken zu stärken. Aber Klins­mann zog es vor, seinen Ruf als radi­kaler Reformer und hem­mungs­loser Umkrempler eta­blierter Struk­turen zu pflegen, mit einem Tross von Assis­tenten und einer Fülle von inhalts­leeren Busi­ness-Flos­keln wie jener, er ver­stehe sich nur als Dienst­leister der Spieler“.

Wie wenig er sich als Dienst­leister ver­stand, zeigen die Auf­zeich­nungen. Nahezu aus jedem Tage­buch­ein­trag springen dem Leser Klins­manns Kom­plexe ent­gegen. Wie unhöf­lich, dass die Hertha-Geschäfts­lei­tung nicht beim Clo­sing Dinner anläss­lich der Bestel­lung als Auf­sichtsrat durch Lars Wind­horst anwe­send gewesen sei. Wie wenig das Trai­ner­team unter­stützt worden sei. Und, herrjeh, wie schroff Prä­si­dent Werner Gegen­bauer Klins­manns Ansinnen zurück­ge­wiesen habe, seinen Sohn Jona­than als Keeper zurück zur Hertha zu holen. So wenig Selbst­kritik, soviel Weh­lei­dig­keit.

Für den Klub sind die Tage­bü­cher ein Ärgernis. Die erkennbar von Rach­sucht getrie­bene Ver­öf­fent­li­chung schä­digt jedoch vor allem Jürgen Klins­mann. Weil jede Zeile doku­men­tiert, wie wenig er sich auf das Pro­jekt Hertha ein­ge­lassen hat. Und weil sich nun jeder eine nahe­lie­gende Frage stellt: Wel­cher Klub soll eigent­lich noch einen Coach ver­pflichten, der sich zunächst bei Nacht und Nebel vom Acker macht und hin­terher über die Bou­le­vard­presse mit ver­meint­li­chen Interna schmut­zige Wäsche wäscht?