Auf eine Krücke gestützt steht Mohammed vor dem Ver­eins­heim von Ahly im Zen­trum Kairos. Unter seinem roten Trikot trägt er einen Ver­band, sein rechter Fuß ist ein­ge­gipst. Er ist einer der vielen Ver­letzten der Kra­walle nach dem Spiel seines Teams gegen Port Saids Al-Masry SC. Die Fans von Al-Masry bewarfen schon auf dem Hinweg unseren Zug mit Steinen“, sagt Mohammed. Das war eine geplante Sache.“ Seine Stimme bebt.

Gewalt bei Fuß­ball­spielen ist in Ägypten keine Neu­heit, doch nor­ma­ler­weise richtet sie sich gegen die Polizei. Der Vor­fall am Mitt­woch, bei dem 74 Men­schen getötet wurden, hat das Land scho­ckiert. Vor allem die Fans von Al-Ahly können nicht glauben was ihrem Verein angetan wurde.

Bereits wäh­rend die Natio­nal­hymne vor dem Anpfiff gespielt wurde, belei­digten uns die Masry-Fans. Das ist gegen unsere Regeln, wäh­rend der Hymne schweigen alle“, sagt Mohammed. Das war bereits ein Zei­chen, dass irgendwas falsch ist.“

Mit Stö­cken, Böl­lern und Mes­sern bewaffnet

Einige Meter von Mohammed haben sich tau­sende Ultras und andere Ägypter ver­sam­melt, um ihre Unter­stüt­zung zu zeigen. Viele schwenken die rote Fahne des Ver­eins. Andere tragen eine schwarze Flagge, ein Erken­nungs­zei­chen der Anar­chisten. Dazwi­schen sieht man immer wieder ACAB- und Zamalek-Flaggen. Letz­tere gehören zu Al-Ahlys Erz­ri­valen, die ange­sichts der Tra­gödie ihre Feind­schaft fürs erste begraben haben. Wäh­rend der Halb­zeit rannten zwei Masry-Fans aufs Feld und beschossen unsere Tri­büne mit Feu­er­werk“, sagt Mohammed. Vor dem Spiel gab es keine Sicher­heits­kon­trollen wie sonst. Die Al-Masry-Fans waren mit Stö­cken, Böl­lern und Mes­sern bewaffnet.“

Ahly
Foto: Brid­gette Auger

Ägyp­tens Fuß­ball­fans sind bekannt für ihre Lei­den­schaft. Wenn Ahly ein wich­tiges Spiel hat, steht das Land still. Ich war schon Ahly-Fan bevor ich geboren wurde. Meine ganze Familie ist Ahly, sogar mein Groß­vater gehörte schon zum Verein“, sagt Mohammed. Er stammt aus dem Armuts­viertel Imbaba in Kairos Norden, wo er an einem kleinen Stand Tee ver­kauft. Wie so viele junge Männer in Ägypten hat er keine rosigen Zukunfts­aus­sichten. Die Ultras sind für ihn eine zweite Heimat.

Ein Al-Masry-Fan stach mit einem Messer auf mich ein“

Dass die Ultras vieler Teams nicht zim­per­lich sind, ist all­ge­mein bekannt. Doch Port Said hatte eine neue Dimen­sion. Als das Spiel vorbei war, stürmten tau­sende Zuschauer auf das Spiel­feld und die geg­ne­ri­sche Tri­büne. Die anwe­senden Sicher­heits­kräfte hielten sie nicht davon ab. Wir ver­suchten zu fliehen, doch die Aus­gangs­tore waren ver­schlossen. Wir waren gefangen zwi­schen den Toren und den Angrei­fern“, sagt Mohammed und zieht seinen linken Ärmel hoch. Der Arm ist übersät mit breiten Schnitt­wunden. In der Hand hält er einen Umschlag mit Rönt­gen­auf­nahmen, die die Brüche in seinem Unter­schenkel zeigen.

Ich stellte mich auf die Schul­tern eines Freundes und ver­suchte über einen Zaun zu klet­tern. Doch ein Al-Masry-Fan riss mich zu Boden, stach mit einem Messer auf mich ein und trat mich“, sagt Mohammed. Meh­rere seiner Freunde wurden getötet.

Die Men­schen­menge vor ihm skan­diert Slo­gans. Eine Gruppe Ultras ist auf das Vor­dach des Haupt­tors geklet­tert und heizt die wütende Menge ein: Ent­weder die Mär­tyrer von Port Said werden gerächt, oder wir sterben wie sie!“



Im Ver­eins­heim herrscht Fas­sungs­lo­sig­keit. Ahly ist der erfolg­reichste und belieb­teste Klub Ägyp­tens. 35 Mal gewann der Verein die Meis­ter­schaft. Das Ver­eins­heim zeugt davon. Die Wände sind mit dunklem Holz getä­felt, Kron­leuchter hängen von der Decke, der Boden ist mit Marmor gefliest. Eine Bil­der­ga­lerie zeigt die lange Geschichte des Ver­eins. Viele der ersten Manager des Klubs trugen noch den Fez, die klas­si­sche Kopf­be­de­ckung des Nahen Ostens im frühen 20. Jahr­hun­dert.

Al-Ahly-Fan Ahmed Ali sitzt auf einem der schweren Sofas und ringt um Worte. Irgendwer hatte bei den Aus­ein­an­der­set­zungen die Finger im Spiel. Das war nicht zwi­schen den Ultras der beiden Teams.“ Viele der Anwe­senden starren ungläubig vor sich hin, scheinbar unfähig das Gesche­hene zu begreifen. Einer von Ahmeds Ver­wandten war auch in Port Said dabei, entkam jedoch unver­letzt. Die Polizei ging nicht gegen die Masry-Fans vor und beschützte auch nicht unsere Fans und Spieler“, sagt der 25-jäh­rige Ange­stellte eines Bau­un­ter­neh­mens.

Nor­ma­ler­weise gibt es keine Gewalt zwi­schen den Fans“

Im Neben­raum steht Emad Sayed. Auch er sucht nach Ant­worten. Ich bin seit 20 Jahren Mit­glied von Ahly. Doch in meinem ganzen Leben habe ich so etwas wie in Port Said noch nicht gesehen“, sagt der 36-Jäh­rige. Nor­ma­ler­weise gibt es keine Gewalt zwi­schen den Fans. Belei­di­gungen, Gesänge und Schmäh­pla­kate, ja. Aber keine Gewalt.“


Foto: Brid­gette Auger

Wie so viele Fuß­ball­fans in Ägypten glaubt auch Sayed, dass das Militär hinter der Gewalt steckt. Die Gene­räle haben nach dem Sturz von Ex-Prä­si­dent Hosni Mubarak die Regie­rung über­nommen. Die Ultras von Al-Ahly gehören zu ihren stärksten Geg­nern. Die Mili­tär­füh­rung will Insta­bi­lität schaffen, um dem Ruf der Revo­lu­tion zu schaden“, sagt Sayed.

Die Ultras schreien nach Rache

Hinter ihm strömen Dut­zende Jour­na­listen vorbei. Gerade hat der Ver­eins­chef Hassan Hamdy auf einer Pres­se­kon­fe­renz ver­kündet, dass Ahly bis auf wei­teres kein Spiele mehr aus­tragen wird.

Ein Angriff auf Ahly ist ein Angriff auf ganz Ägypten“, sagt Sayed, bevor er das Ver­eins­heim ver­lässt. Die Ultras vor dem Ver­eins­heim mar­schieren unter­dessen in einem langen Pro­testzug Rich­tung Innen­mi­nis­te­rium, dem alle Poli­zei­kräfte des Landes unter­stehen. Sie schreien nach Rache. Das Gedränge auf der vier­spu­rigen Nil­brücke ist so dicht, dass sie schwankt. Unbe­ein­druckt springen die Ultras auf und ab und brüllen nach dem Sturz des Mili­tär­re­gimes.

Als sie den Tahrir-Platz errei­chen, den Aus­gangs­punkt der Revo­lu­tion im ver­gan­genen Jahr, schließen sich immer mehr junge Demons­tranten an. Als wir die Bilder aus Port Said sahen, wussten wir, dass die Revo­lu­tion betrogen wurde“, sagt Yassin. Über der Schulter trägt er eine Al-Ahly-Fahne, seine Begleiter nicken zustim­mend. Wir sind her­ge­kommen, um unsere Freunde zu unter­stützen.“

Einige Stunden später sind die erwar­teten Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Polizei und Ultras im vollen Gange. Hamid steht etwas abseits und nimmt eine Aus­zeit von den Kämpfen. Wie die meisten Ultras redet er nur ungerne mit der Presse und will seinen rich­tigen Namen nicht in der Zei­tung lesen. Um seinen Kopf hat er eine Ahly-Fahne geschlungen, so dass nur seine Augen frei bleiben.

Stän­dige Schi­kanen durch die Polizei

Wir haben bis sieben Uhr vor dem Innen­mi­nis­te­rium demons­triert. So lange war alles fried­lich. Doch dann griffen uns die Sicher­heits­kräfte an. Es ist jedes Mal das gleiche, an irgend­einem Punkt greifen sie uns an“, sagt Hamid, der letzte Teil seines Satzes wird bei­nahe von den Sirenen der vor­bei­fah­renden Ambu­lanzen über­tönt.

Ahly
An irgend­einem Punkt greifen sie uns an“
Hamid, Ultra, Al-Ahly, Foto: Brid­gette Auger

Ob die Sicher­heits­kräfte oder die Ultras ange­fangen haben, lässt sich noch nicht sagen. Doch für viele Ultras sind die regel­mä­ßigen Aus­ein­an­der­set­zungen eine will­kom­mene Mög­lich­keit, sich an der Polizei zu rächen. Men­schen wie der ver­letzte Tee­ver­käufer Mohammed sind stän­digen Schi­kanen durch die Polizei aus­ge­setzt. Wollen sie in Ruhe ihrem Geschäft nach­gehen, müssen sie die Sicher­heits­kräfte bestechen. Den­noch werden sie oft­mals ohne beson­deren Grund ver­haftet und ins Gefängnis geworfen. Ein erfolg­rei­cher Club wie Al-Ahly bietet da einen Hoff­nungs­schimmer.

Die Ultras werden den Unter­schied machen“

Für Mohammed, Hamid und die anderen Ultras sind die Sicher­heits­kräfte das Gesicht des Regimes, das sie unter­drückt. Wir wollen, dass das Militär die Macht so schnell wie mög­lich an eine zivile Regie­rung abgibt“, sagt Hamid. Im Hin­ter­grund kommt es immer noch zu Aus­ein­an­der­set­zungen. Jedes Mal wenn die Ultras mit ihren Fahnen auf die Polizei zu mar­schieren, ver­folgen sie hoff­nungs­volle Blicke. Die Ultras werden den Unter­schied machen“, sagt ein Demons­trant der am Rand steht.

Die Sicher­heits­kräfte warten, bis die Fuß­ball-Fans auf hun­dert Meter Ent­fer­nung ran­ge­kommen sind und beschießen sie dann mit Trä­nen­gas­gra­naten. Im Trä­nengas-Nebel fällt das Atmen schwer. Viele Men­schen stürzen und werden von ihren Kame­raden aus der Gefah­ren­zone geschleppt. Ambu­lanz­mo­tor­räder bringen die schlimmsten Fälle in die impro­vi­sierten Kran­ken­häuser in den Sei­ten­straßen.

Der ver­letzte Mohammed ist an dem Abend nicht dabei. Hätte er das Sta­dion in Port Said jedoch unver­letzt ver­lassen, stünde er an diesem Abend mit Sicher­heit in der Front­linie, um seine Mann­schaft zu ver­tei­digen. Ich würde meine Seele für Ahly geben“, sagt er, dreht sich um und hum­pelt davon.