Als Krake Paul wäh­rend der Welt­meis­ter­schaft in Süd­afrika den Final-Sieg der Spa­nier vor­her­sagte, waren 200 Jour­na­listen live dabei. Der Oktopus hatte zuvor schon alle Deutsch­land-Spiele richtig getippt und auch beim letzten Spiel sollte er richtig liegen. Drei Monate später starb Paul. Seitdem ver­suchten alle mög­li­chen Tiere, sein Erbe anzu­treten.

Pferde , Gür­tel­tiere, Nasen­bären – die Liste der pro­kla­mierten Nach­folger ist lang, über tau­send stehen mitt­ler­weile darauf, aber keiner von ihnen konnte Paul ersetzen. So gut sie auch star­teten, so viele Spiele sie richtig vor­her­sagten, irgend­wann schei­terten sie immer. Bei der WM in Russ­land sollte es wieder einmal soweit sein. Ein Art­ge­nosse von Paul machte sich daran, sein Erbe anzu­treten. Doch kurz vor dem Ach­tel­fi­nale wurde er getötet. Dabei begann alles so ver­hei­ßungs­voll.

Rabiot gleitet langsam ins Wasser. Seine roten Arme ertasten vor­sichtig die Umge­bung. Dann ent­scheidet er sich: Mit kraft­vollen Zügen schwimmt er zu dem grünen Kasten mit der japa­ni­schen Flagge. Für ihn ist klar: Japan wird gegen Kolum­bien gewinnen. Drei Mal sollte Rabiot das Ergebnis der japa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft vor­her­sagen, drei Mal lag er richtig. Der Oktopus, der nur durch seinen Namen an den fran­zö­si­schen Fuß­baller erin­nert, war ein ver­läss­li­ches WM-Orakel. Die japa­ni­sche Ver­sion von Krake Paul. Der Fischer Kimio Abe hatte Rabiot gefangen und seinen Fuß­ball­sach­ver­stand sofort erkannt.

Abe kennt keine Gnade

Vor jedem Grup­pen­spiel der Japaner warf Abe ihn in einen großen, blauen Pool mit drei Fress­körben. Jeder stand für einen mög­li­chen Aus­gang: Sieg, Nie­der­lage, Unent­schieden. Vor dem Vier­tel­fi­nale gegen Bel­gien dann der Schock. Der blaue Pool blieb leer. Rabiot bau­melte an einem Haken auf dem Fischer­markt von Hok­kaido, die Ten­ta­keln hingen leblos in Rich­tung Erde. Abe kannte keine Gnade, er musste an sein Geschäft denken.

Einen Tag später, im 7.000 Kilo­meter ent­fernten Rostow, setzt Kevin De Bruyne in der 95. Minute zu einem letzten Sprint an. 0:2 hatte seine Mann­schaft gegen Japan zurück­ge­legen. Jetzt stand es 2:2 und Bel­gien war noch nicht fertig. De Bruyne treibt den Ball nach vorne, passt per­fekt in den Lauf zu Thomas Meu­nier. Flache Her­ein­gabe, Lukaku lässt durch, Chadli zeigt keine Gande und erlegt Japan. 3:2. Kurz darauf pfeift der Schieds­richter ab. Die Spieler in den blauen Tri­kots gehen zu Boden. Es ist das grau­same Ende eines Tur­niers. Der Tod von Rabiot, ein Gleichnis für das bit­tere WM-Aus der Japaner. Dass es seinem ver­meint­li­chen Nach­folger so ergehen würde, hätte wohl nicht einmal Krake Paul vor­her­ge­sagt.