Und schon wieder über rechts“, kra­keelte Gerd Gottlob durch die War­schauer Schluss­phase. Ein dezenter Hin­weis, nicht zum ersten Mal. Unten auf dem Rasen mühten sich die Polen, den flinken Russen ein Remis abzu­trotzen. Oben in seiner Spre­cher­ka­bine mühte sich Gottlob, auch dem letzten TV-Zuschauer begriff­lich zu machen, wie gut die rechte pol­ni­sche Seite ist. Und wie schwach im Ver­gleich dazu der linke Flügel. Bei keinem Team dieser EM tritt das Ungleich­ge­wicht zwi­schen hier und da so stark zutage wie bei der Mann­schaft von Fran­ciszek Smuda. Rechts wir­belt die schwarz-gelbe Frak­tion um Lukasz Piszczek und Jakub Blas­z­szy­kowski, links ver­tei­digt Sebas­tian Boe­nisch. Ein undank­barer Job.

Ein Tor, natür­lich über rechts

Gegen Russ­land hätte Boe­nisch in der 7. Minute fast die Füh­rung besorgt. Einen Frei­stoß rammte der Ver­tei­diger von Werder Bremen mit dem Knie auf das Tor, Wlat­scheslaw Mala­fejew war auf dem Posten. Ein Treffer hätte die Art und Weise, wie Boe­nisch in den Medien wahr­ge­nommen wird, zwei­fels­ohne auf­ge­wertet. So aber blieben nur zwei Flanken in Erin­ne­rung, die ins Exil der Tar­tan­bahn getru­delt waren, dazu ein leicht­fer­tige Ball­ver­lust kurz vor dem Ende. Sebas­tian“, schrie Smuda wütend in die Außen­mi­kro­fone, Sebas­tian!“ Sebas­tian nickte, Sebas­tian pumpte. Sebas­tian sehnte den Abpfiff herbei. Schieds­richter Stark tat ihm den Gefallen. 1:1 gegen Russ­land, durch den Treffer von Blas­z­szy­kowski. Natür­lich über rechts.

Die The­matik um das Leis­tungs­ge­fälle auf den pol­ni­schen Flü­geln erin­nert rudi­mentär an die deut­sche Gret­chen­frage, wer auf der rechten Seite ver­tei­digt, wenn Philipp Lahm links startet. Joa­chim Löw hat sich für Jerome Boateng ent­schieden. Anders als Boateng aller­dings, der spä­tes­tens seit seiner Grät­sche gegen Ronaldo die deut­schen Fan­meilen erobert hat, blieb Boe­nisch bisher den Beweis seiner Klasse schuldig. Im Eröff­nungs­match ließ er sich mehr­fach über­rennen. Wohl­ge­merkt von den Grie­chen, die nicht gerade für schnellen Offen­siv­zauber stehen.

Sebas­tian Boe­nisch ist beid­füßig, ein Kraft­paket. 86 Kilo auf 1,91 Meter. Er ver­fügt über den Körper eines Möbel­pa­ckers, und manchmal spielt er auch so. Klobig, schwer, Hau­ruck­fuß­ball. Dass der 25-Jäh­rige nach einer Bun­des­liga-Saison mit Werder Bremen, in der er ver­let­zungs­be­dingt nur 125 Minuten zum Ein­satz kam, in der pol­ni­schen Startelf steht, sagt weniger über ihn, aber viel über die Kon­kur­renz. In seiner Abwe­sen­heit expe­ri­men­tierte Smuda mit Jakub Wawr­zy­niak von Legia War­schau auf der Posi­tion. Ohne Erfolg. Jetzt ver­traut der Coach wieder dem Mann, der wie Lukas Podolski aus dem pol­ni­schen Gli­wice stammt und zur Gat­tung der gefärbten Füchse“ zählt. So nennen die Polen Profis, deren Wur­zeln zwar öst­lich der Oder liegen, die aber im Aus­land auf­ge­zogen und aus­ge­bildet wurden.

Sebas­tian Boe­nisch wuchs im Nie­der­ber­gi­schen Land heran, in Hei­li­gen­haus nahe Essen. Der Vater, selbst ehe­ma­liger Kicker, erzog den Sohn in Liebe zum Leder. Mit neun­zehn Jahren debü­tierte das Talent in der Bun­des­liga für Schalke 04, später wech­selte er zu Werder Bremen. 2009 holte Boe­nisch mit der deut­schen U21 den Euro­pa­meis­ter­titel. Der­weil Özil, Boateng und Neuer den Sprung ins A‑Team schafften, ent­schied sich Boe­nisch man­gels Per­spek­tive beim DFB für die Bialo-Szwer­woni. Smuda hatte ihn per­sön­lich umgarnt.

Stark begonnen, dann abge­baut

Beim EM-Gast­geber hießen sie den Defen­siv­mann will­kommen. Es gab keine Res­sen­ti­ments wie bei Eugen Polanski und keine mediale Schelte wie gegen die fran­zö­sisch­stäm­migen Ludovic Obra­niak und Damien Per­quis. Boe­nisch spricht flie­ßend Pol­nisch, und er trumpfte groß auf in seinen ersten Par­tien im rot-weißen Trikot. Mitt­ler­weile ist die Begeis­te­rung aller­dings abge­ebbt. Zwar spricht Boe­nisch immer noch flie­ßend Pol­nisch, aber er spielt nicht mehr so stark. Jetzt geht, Gerd Gottlob hat es erkannt, alles über rechts.