Dieter Becker, der Wirt der Milieu­kneipe Klein Köln“, hatte einen großen Traum: Er wollte einmal Deut­scher Luden­meister werden. Also scharte er Zuhälter, Ein­bre­cher und Hehler um sich und grün­dete den FC Johnny, den ersten Luden­fuß­ball­klub Kölns. Der Mann, der wie einer von den Wil­de­cker Herz­buben aussah, gut 130 Kilo wog und ärmel­lose Mus­kels­hirts bevor­zugte, wurde lie­be­voll Beckers Schmal“ gerufen. Zu seiner Mann­schaft gehörten Kicker mit so klang­vollen Namen wie Der dicke Johnny“, Schmidte Udo und Her­manns Tünn, Kampf­name Die Axt“. Bevor Becker Sze­ne­wirt und Trainer in Per­so­nal­union wurde, hatte er es als Boxer zu lokaler Berühmt­heit gebracht. Zusammen mit seinen Kol­legen flog er immer noch einmal im Jahr nach Las Vegas. Natür­lich wohnte die Kölner Misch­poke immer im Cae­sars Palace, dem teu­ersten Hotel der Stadt. Das wissen wir von den Erkun­dungen des Fil­me­ma­chers Peter F. Müller in der Szene, zu sehen auf der DVD Wir waren das Miljö“ und nach­zu­lesen im Buch zum Film: Chi­cago am Rhein“.

Fuß­ball spielt dort nur eine Neben­rolle, aber dem 1989 ver­stor­benen Becker war er ziem­lich wichtig. Die Freunde von damals sagen: Er war ein Ver­eins­meier, wie er im Buche steht. Er kaufte sich eine Tril­ler­pfeife und ver­ord­nete seinen Frei­zeit­ki­ckern regel­mä­ßiges Trai­ning: diens­tags und don­ners­tags. Don­ners­tags­abends ging’s anschlie­ßend um 23 Uhr zur Mann­schafts­sit­zung im Hin­ter­zimmer des Klein Köln“. Die wich­tigste Spiel­regel lau­tete: keine Frauen, keine Polizei. Der Fuß­ball­talk lief bis tief in die Puppen, das Klein Köln“ war die erste Spe­lunke der Stadt mit einer Nacht­li­zenz. Die Krumm­heimer, wie man in der Szene sagte, bespra­chen so bri­sante Themen wie: Wer ist der nächste Gegner? Wer hat seinen Bei­trag noch nicht bezahlt? Und wohin geht unsere Sai­son­ab­schluss­fahrt? Karin Cölln, Beckers Lebens­ge­fährtin und wich­tigste The­ken­kraft, trug zu später Stunde rie­sige Kote­letts und Schnitzel hinter die Schie­be­türe. Dazu gab es tablett­weise Kölsch­stangen – nur Beckers Schmal trank Pils. Denn wie sagte er immer: Zwi­schen Leber und Milz, passt immer noch ein Pils.“

Immer im Trikot des aktu­ellen Welt­meis­ters

Egal, was sie im Mann­schafts­kreis bespra­chen, das letzte Wort hatte Becker. Er war nicht nur der auto­ri­täre Pate der lokalen Luden­be­we­gung, son­dern hatte Dau­er­karten aller rele­vanten Orts­ver­eine: FC, For­tuna und Vik­toria. Der Multi-Tri­bü­nen­gast, der die Tril­ler­pfeife inzwi­schen als Mar­ken­zei­chen um den Hals trug, ließ sich auch nicht bei der Mann­schafts­auf­stel­lung rein­reden. Er stellte auch schon mal einen klas­si­schen Ver­tei­diger im Sturm auf, aber keiner wagte es, ihm Wider­worte zu geben“, erin­nert sich der Schmidte Udo. Becker ent­schied auch, dass sein FC Johnny immer das Trikot des aktu­ellen Welt­meis­ters tragen sollte. Also zogen sie Ende der sieb­ziger Jahre auf den Poller Wiesen das der argen­ti­ni­schen Natio­nal­mann­schaft über. Das Beste war gerade gut genug für die Kölner Halb­welt.

Es war eine Zeit, als Kri­mi­nelle noch wie Kri­mi­nelle aus­sahen. Trai­nings­an­züge trugen die Halb­sei­denen sowieso den ganzen Tag, dazu Minipli, Dau­er­welle oder lange Mähne, Schnäuzer waren obli­ga­to­risch. Das galt auch für Gold­ketten um Hals und Hand­ge­lenk sowie Cow­boy­stiefel an den Füßen. Natür­lich kamen alle Mann immer frisch von der Son­nen­bank. Wenn die Frei­be­rufler auf der Wiese am Mün­gers­dorfer Sta­dion trai­nierten, parkte dort ein Fuhr­park aus Mer­cedes SLs, ame­ri­ka­ni­schen Schlitten oder auch mal einem Rolls-Royce. Beckers Stief­sohn ver­wahrte der­weil die teuren Uhren; er trug sie an beiden Armen, hoch bis zur Schulter.

Weil sich rasend schnell her­um­sprach, dass Beckers Schmal eine schlag­kräf­tige und trink­freu­dige Mann­schaft zusam­men­ge­stellt hatte, tru­delten Ein­la­dungen aus ganz Deutsch­land ein. Mit einem gechar­terten Mann­schaftsbus ging es zu den Freund­schafts­spielen, später bis nach Öster­reich und in die Schweiz. Wäh­rend der Fahrt wurde ordent­lich gesoffen und Luden­lieder mit nicht ganz jugend­freien Texten gegrölt. Die Hymne des FC Johnny ging so: Ein Lude wird kommen / und mir die Kuppe nehmen / die ich so schwer ver­dient hab / in einer langen Nacht“. Gesungen wurde sie zur Melodie von Ein Schiff wird kommen“.

Bei den Aus­wärts­spielen wurde immer nur in den besten Schuppen der Stadt gewohnt, in Ham­burg im Luxus­hotel Han­seatic. Die Kol­legen aus St. Pauli ließen sich auch nicht lumpen, sie hatten das Mil­l­ern­tor­sta­dion klar­ge­macht. Die beiden The­ken­mann­schaften zogen sich in der Kabine der Pro­fi­mann­schaft um und duschten anschlie­ßend dort, wo sonst Bun­des­li­ga­spieler Walter Frosch die Kippen aus­drückte.

Im Winter ver­an­stal­teten die Kölner ihre berühmten Hal­len­tur­niere. Auf dem Wimpel, den sie vor den Spielen über­gaben, prangte das Kölner Stadt­wappen, und die Sie­ger­po­kale gerieten so groß, dass sie dem Fern­seh­turm Kon­kur­renz machten. Juwe­lier Schmitze Pitter legte sich für seine besten Kunden beson­ders in Zeug. In der Kabine steckten sie zer­schnit­tene Micky-Maus-Hefte hinter ihre Stutzen. Eine sinn­volle Maß­nahme, weil ihre Gegen­spieler auch mal Kno­chen­bre­cher“ oder Zement­kopp“ gerufen wurden. Bei einem dieser Hal­len­tur­niere gab der Schmidte Udo, selbst kein Kind von Trau­rig­keit, den Schieds­richter. Heute sagt er rück­bli­ckend: Das habe ich einmal und nie wieder gemacht; das war mir zu kri­mi­nell. Die haben mich fast umge­bracht.“ Nach der Sie­ger­eh­rung stieg regel­mäßig die tra­di­tio­nelle Luden­weih­nachts­feier im Klein Köln“. Zu Gast: die großen Kölner Kar­ne­val­stars um King Size Dick und Zeltinger.

Bei den Fuß­ball­spielen gab es ein kleines Pro­blem, denn wer ein rich­tiger Lude war, wollte sich keine Blöße geben. So kam es, dass sie vor Tur­nieren ihre Mann­schaft ver­stärkten, wie das heut­zu­tage nur Olig­ar­chen und Scheichs prak­ti­zieren. Einmal hatten zwei Spieler von For­tuna Köln im Klein Köln“ die Nacht durch­ge­feiert: Noel Camp­bell, Natio­nal­spieler aus Irland, und Gin­taras Olekna­vicius. Stern­ha­gel­voll, wie sie waren, gelang es Beckers Schmal, die beiden zu über­reden, von jetzt auf gleich mit in die Eifel zu fahren. Er konnte, nun ja, sehr über­zeu­gend sein. Die beiden Profis hatten Sams­tag­nach­mittag noch in der Bun­des­liga gespielt, plötz­lich saßen sie neben dem Dicken Johnny, Schmidte Udo und Her­manns Tünn im Mann­schaftsbus und sangen Ein Lude wird kommen“. Der FC Johnny verlor trotz pro­fes­sio­neller Hilfe das erste Spiel, denn sie mussten erst einmal die Getränke der langen Nacht aus­schwitzen. Später, als das Cap­tagon, das alle Spieler immer vorher ein­warfen, end­lich wirkte, wurden sie Tur­nier­sieger. Du konn­test laufen, laufen, laufen“, beschreibt Außen­ver­tei­diger Dicker Johnny die Wir­kung des Auf­putsch­mit­tels.

Zwei Fix­punkte gab es wäh­rend der sieb­ziger und frühen acht­ziger Jahre für den FC Johnny in jeder Saison: die Sai­son­ab­schluss­fahrt nach Spa­nien und das bun­des­weite Luden­tur­nier in Essen, orga­ni­siert von Calypso und seinen Jungs. Zur Meis­ter­schaft in Essen, die der FC Johnny zweimal gewann, kamen kri­mi­nelle Groß­meister aus ganz Deutsch­land in den Pott. Doch wer dort irgend­wel­chen Gla­mour erwar­tete, wurde ent­täuscht. Es war ein ganz und gar gewöhn­li­ches Fuß­ball­tur­nier. Ledig­lich die Fri­suren der Spieler waren etwas ver­we­gener, und die ein­zigen Zuschauer waren die Frauen, die für sie anschaffen gingen. Gespielt wurde völlig unprä­ten­tiös auf Asche, es war wie überall im Frei­zeit­fuß­ball. Nur die Plas­tik­tüte mit den Wert­sa­chen war etwas schwerer: 22 Rolex-Uhren, ein Haufen Ringe und Ketten – und Bar­geld. Nach dem Kicken wurde näm­lich immer zum Zocken gebeten. Schätz­wert der Tüte: eine halbe Mil­lion Mark.
Bei einem der Tur­niere war die tem­po­räre Schatz­truhe aber plötz­lich ver­schwunden. Bevor Fuchse Toni, der auf sie auf­passen sollte, zum Scha­fott geführt wurde, schaffte zum Glück ein kleiner Junge das Corpus Delicti herbei. Die Herren hatten sie, stark ange­trunken, ein­fach am Zaun hän­gen­lassen: eine halbe Mil­lion Mark.

Zu den gele­gent­li­chen Stützen der Kölner Luden gehörte Heinz Flohe, damals Mit­tel­feld­spieler beim 1. FC Köln. Ihn hatte sein Inter­esse für den Box­sport in die Szene ver­schlagen, und er war dar­über ein guter Freund von Dieter Becker geworden. Gegen­über vom Klein Köln“ fanden in den Sar­tory-Sälen die großen Box­kämpfe jener Tage statt. Das Wiegen vor dem Kampf und das Zocken hin­terher wurden in der Sze­ne­kneipe ver­an­staltet. Damals exis­tierte rund um die Frie­sen­straße auch noch ein klas­si­scher Stra­ßen­strich. Pro­mi­nente wie Heiner Lau­ter­bach, Diether Krebs oder Richard Rogler zog es trotzdem ins Klein Köln“. Der Leicht­ge­wichts­boxer René Weller ver­kaufte Gold­schmuck aus dem Koffer. Und auch Pro­fi­fuß­baller konnten dem anrü­chigen Image nicht wider­stehen. Beckers Schmal sorgte eigen­händig dafür, dass keiner der anderen Gäste eine Kamera zückte. Was im Klein Köln“ pas­sierte, sollte dort auch bleiben.

Eine Cor­vette von Bernd Schuster

Die Über­gänge zwi­schen 1. FC Köln und Halb­welt waren auch des­halb flie­ßend. Junge Spieler wie Gerry Ehr­mann oder Bernd Schuster wurden angeb­lich von Tor­jäger Dieter Müller in die Milieu­kneipe geschickt, so erzählen es jeden­falls die Luden von damals. Abels Män, so ist über­lie­fert, kaufte Bernd Schuster später seine Cor­vette ab und machte sie zu seinem Zuhälter-Auto“. Der Lange Tünn, bis heute eine Größe in der Kölner Tür­ste­her­szene, will Schuster sogar seine spä­tere Frau Gaby vor­ge­stellt haben. Er sagt: ein­ge­brockt“. Der Schmidte Udo teilte sich auf Touren mit dem FC Johnny das Hotel­zimmer mit Heinz Flohe. Im Klein Köln“ hängten sie den Kicker“-Starschnitt des Bun­des­li­ga­stars an die Wand. Wenn bekannte Gast­spieler in der Luden­mann­schaft mit­spielten, galt das eherne Gesetz: nicht mit dem Nach­namen anspre­chen und zur Tar­nung eine Gold­kette umhängen. Flohe selbst jedoch schämte sich nicht für seine Freunde. Er posierte bereit­willig auf Mann­schafts­fotos – und nicht nur das. Er prahlte öffent­lich mit seinen Kon­takten zu den schweren Jungs und sagte nach dem Pokal­vier­tel­fi­nale bei Ein­tracht Frank­furt 1973/74 zu den Jour­na­listen: Wenn der Frank­furter Klie­mann nach Köln kommt, schicke ich ihm die Zuhälter auf den Hals. Dem geht es genauso wie Kraut­hausen, dem in Köln der Kiefer brach.“ Der DFB-Kon­troll­aus­schuss sah sich gezwungen, gegen ihn zu ermit­teln, ohne Sank­tionen.

Die Welt der Luden war so ver­füh­re­risch für den köl­schen Jung’ Heinz Flohe, dass er sogar Län­der­spiele mit ihnen bestritt. Auf Gran Canaria gegen Öster­reich und im Sta­dion des FC Malaga gegen eine Luden­aus­wahl aus den Nie­der­landen. Nach dem 2:2 erkun­deten sie in Mar­bella gemeinsam die Luxus­yacht von Waf­fen­händler Adnan Kas­hoggi. Die Jungs vom FC Johnny trafen in Mar­bella auch zwei der legen­dären Post­räuber aus Eng­land. Sie hatten 1963 bei einem Zug­raub eine Mil­lio­nen­summe erbeutet, inzwi­schen ihre Haft­strafe abge­sessen und bas­telten an der Fort­set­zung ihrer kri­mi­nellen Kar­rieren. Flohe, der zu dieser Zeit schon für Deutsch­land spielte, stellte sich kurz­ent­schlossen vor ihren weißen Lam­bor­ghini – und posierte für ein Erin­ne­rungs­foto mit den beiden.