Philipp Lahm ist ein großer Fuß­baller. Als er noch in der Jugend des FC Bayern Mün­chen kickte, hegte der Vor­stand an der Säbener Straße jedoch ernst­hafte Zweifel an der Bun­des­li­ga­taug­lich­keit des schmalen Künst­lers. Nur Her­mann Ger­land machte sich bei Kamin­ge­sprä­chen mit Uli Hoeneß und Karl Heinz Rum­me­nigge zum Anwalt des kleinen Mannes und schimpfte thea­tra­lisch über seinem Rot­wein­glas: Was wollt Ihr denn? Der Junge macht alles richtig, der bringt seine Kol­legen nie in Bedrängnis. Was immer er auch tut.“ Soweit man das Geschehen auf dem Rasen betrachtet, hat diese Aus­sage bis heute Bestand. Abseits des Rasens ist Lahm offenbar um eine Image­kor­rektur bemüht, aber das tut an dieser Stelle nichts zur Sache.

Der Größte aller Zeiten

Wer der ganz­heit­li­chen Ana­lyse nach dem Ger­land­schen Prinzip jedoch folgt, also bei einem Spieler auch die Per­sön­lich­keit abseits des Rasens und nach der Kar­riere bei der Bewer­tung mit­ein­be­zieht, kommt an Horst Hru­besch als dem größtem aller Zeiten unmög­lich vorbei. Natür­lich, Idole sind Pro­jek­ti­ons­flä­chen. Kein Mensch ist in der Lage, ein legen­den­um­ranktes Image, das sich auf der Grund­lage sport­li­cher Tri­umphe her­aus­schält, in der Rea­lität ständig zu bestä­tigen. Doch ich bin über­zeugt: Die öffent­liche Wahr­neh­mung von Horst Hru­besch ist nahezu deckungs­gleich mit dem Men­schen dahinter.

So sehr man in den Archiven kramt, es gibt kein Indiz, in der sich ein Kol­lege von ihm im Stich gelassen fühlte. Als er noch bei Rot-Weiß Essen kickte, mussten die Mit­spieler den Ball nur scharf in den Sech­zeh­nern bolzen, irgendwie wuch­tete der Lange seinen Qua­drat­schädel schon in die Schuß­bahn. In der Zweit­liga-Nord-Saison 1977/78 wurde er mit 42 Tref­fern Tor­schüt­zen­könig.

Dabei wirkte Hru­besch als sei er im Neben­beruf Gas-Wasser-Instal­la­teur. Stets trug er Staub stolz im Gesicht, die Haare schweiß­nass und unsor­tiert wie abge­la­dener Müll auf den Halden der späten Sieb­ziger. Der Schlamm klebte ihm am Trikot. Sätze klumpten aus seinem Mund wie Pflas­ter­steine. Jedes Wort ein kleines Erd­beben, das jedoch schneller endete, als es begonnen hatte. Sie nannten ihn Kopf­bal­lun­ge­heuer“, weil er nicht wie Jung-Sieg­fried aussah. Aber hinter den groben Zügen ver­barg sich das große Herz des ehr­li­chen Mannes, der instinktiv den Unter­schied zwi­schen Gut und Böse erkannte. Als er Deutsch­land 1980 in Rom mit zwei Toren zum Euro­pa­meister köpfte, hatte er mit seinem kon­ge­nialen Partner Kaltz längst ein Patent ange­meldet, dessen System er wie folgt erklärte: Manni Banane, ich Kopf, Tor!“

Als von Per­so­na­lity“ noch keine Rede war

Wer wissen möchte, worin auch cha­rak­ter­lich der Unter­schied zwi­schen einem wie ihm und, sagen wir, Cris­tiano Ronaldo liegt, sollte sich ansehen, wie Hru­besch zum ent­schei­denden Elf­meter gegen Frank­reich bei der WM 1982 antritt. Auf dem Weg vom Mit­tel­kreis zieht er sich die Hose am Bünd­chen zurecht, wie ein ver­le­gener Pen­näler, der im Tanz­kurs seinen Schwarm auf­for­dern möchte. Und was macht er, als er emo­ti­onslos den Ball in die Maschen gedro­schen hat? Er wuchtet seinen Kadaver in die Höhe wie ein Flie­gen­ge­wichtler und rennt zum wei­nenden Uli Stie­like, der immer noch glaubt, sein ver­schos­sener Straf­stoß habe den Deut­schen das Finale gekostet. Uli, alles klar.

Wäh­rend Paul Breitner sich für Rasier­wasser den Voll­bart abra­sieren ließ, sich als Bild-Kolum­nist ver­dingte und Toni Schu­ma­cher die Kol­legen per Ent­hül­lung­buch als rot­wein­süchtig outete, drehte Hru­besch ein Din-A-4-Blatt in die Schreib­ma­schine und tippte ein Sach­buch: Dorsch­an­geln vom Boot und an den Küsten.“ Als Lars Bas­trup im Euro­pa­cup­fi­nale gegen Juve 1983 von Claudio Gen­tile der Kiefer gebro­chen wurde, half HSV-Kapitän Hru­besch gerade in der Abwehr aus. Sein Mit­spieler Thomas von Heesen sagt heute: Wenn der Horst das mit­ge­kriegt hätte, wäre Gen­tile ein toter Mann gewesen.“

Als die Mann­schaft vor dem Match gegen die Ita­liener am Auf­gang zur Sie­ger­eh­rung vorbei kam, brüllte Hru­besch mit der Unver­fro­ren­heit des Bolz­platz­he­roen: Kann ich hier nachher den Pokal abholen oder wo is das?“ Ein Satz, der die Kör­per­span­nung seiner Kol­legen nach­haltig straffte. Seinen Abschied aus Ham­burg fei­erte er in der Dis­co­thek Tenne“ in Hamm. Hru­beschs Party soll alles bisher Dage­we­sene in der Geschichte der feten­er­fah­renen Truppe von Ernst Happel in den Schatten gestellt haben. Keiner der Betei­ligten redet noch über die Ereig­nisse, aber alle lächeln viel­sa­gend. Er hat sich offenbar nicht lumpen lassen.

Wech­sel­hafte zweite Kar­riere

Natür­lich traf er später auch beruf­liche Fehl­ent­schei­dungen. Die größte wohl, als er sich von Erich Rib­beck vor der EM 2000 als dessen Assis­tent rekru­tieren ließ. Nach der Bla­mage gegen Por­tugal saß der große, starke Hru­besch auf der deut­schen Ersatz­bank und weinte wie ein kleiner Junge. Um ihn herum standen hoch­be­zahlte Profis und schau­spie­lerten mit leerem Blick, was sie wohl unter dem Gefühl Ent­täu­schung“ ver­standen. Er konnte als Ein­ziger nicht fassen, dass Natio­nal­spieler sich so kampf- und wil­lenlos ergaben. Als 2004 mit Klins­mann die Revo­lu­tion beim DFB aus­brach, rech­nete er fest damit, sich seine Papiere holen zu können. Doch irgendwie haben die mich wohl ver­gessen,“ sagte er später, als er in einem Jahr gleich meh­rere Titel mit Junio­ren­teams holte.

Er lebt auf einem Rei­terhof in der Peri­pherie von Uelzen und züchtet Edel­haf­linger, weil die genauso seien wie Men­schen. Die könnten auch nur funk­tio­nieren, wenn man ihnen Ver­trauen schenkt. Er sitzt in der Küche mit seiner sym­pa­thi­schen Frau und beide rau­chen Kette. Und wenn der Hund mal nicht pariert, blökt Hru­besch mit dem iro­ni­schen Unterton des Mecker­r­ent­ners: Ruhe! Sitz!“ Und seine Frau maß­re­gelt ihren Gatten freund­lich: Horst, nicht so laut.“

In Inter­views kehrt eine Rede­wen­dung ständig wieder. Hru­besch leitet fast jede Ant­wort ein, indem er sagt: Nochmal, ich bleibe dabei…“ Sogar wenn er vorher noch gar nichts gesagt hat. Es kommt ihm wohl so vor, als habe er alles schon viel zu oft erzählt. Auf einer Kachel in der Küche klebt ein Hanuta-Bild­chen von Joa­chim Löw. Wer hätte das gedacht? Der große Par­tei­vor­sit­zende aus­ge­rechnet bei Hru­besch an der Wand, diesem knor­rigen Gegen­ent­wurf zum poly­glotten Mod aus Frei­burg. Hru­besch klopft auf die Kachel über Löws Por­trät und sagt: Aber da drüber is auch noch ein biss­chen Platz…“ Lieber Horst Hru­besch, für diese Erin­ne­rungen, die ich hier nochmal Paroli laufen lassen durfte, möchte ich abschlie­ßend nur ein Wort sagen: Vielen Dank.