Stefan Reinartz, seit dieser Saison sind Sie Co-Trainer bei der B‑Jugend von Bayer 04 Lever­kusen. Dem­entspre­chend sollte dieses Inter­view auch bei einer Trai­nings­ein­heit im Jugend­leis­tungs­zen­trum statt­finden. Sie haben das aber strikt abge­lehnt. Wieso?
Ich möchte die Jungs so ein wenig von der medialen Beob­ach­tung fern halten. Außerdem mache ich das doch erst seit fünf Monaten. Ich will nicht, dass das jetzt schon so dar­ge­stellt würde, als würde ich etwas ganz Tolles leisten. Das wäre mir unan­ge­nehm.

Pro­fi­spieler und Jugend­trainer in einer Person, das ist eine im heu­tigen Profi-Fuß­ball äußerst unge­wöhn­liche Kon­stel­la­tion. Wie kam es dazu?
Der aktu­elle Chef­trainer der B‑Jugend, Tom Cichon, und sein Assis­tent Andrzej Buncol haben vor der Saison Ver­stär­kung für ihr Team gesucht. Es ist gar nicht so leicht, gute Trainer für den Jugend­be­reich zu finden. Bei der Suche hat Tom, der damals übri­gens mein Co-Trainer in der A‑Jugend war, irgend­wann offenbar an mich gedacht und ein­fach mal ange­rufen.

Ging es dabei auch darum, dass Sie das Trai­ner­team durch Ihre beson­dere Rolle als Profi mit spe­zi­ellen Ein­bli­cken berei­chern könnten?
Es hat natür­lich schon einen beson­deren Touch, weil ich erst 23 bin und selbst in der Bayer-Jugend aus­ge­bildet worden bin. Das sollte man aber auch nicht zu hoch hängen. Letzt­lich bin ich ein ganz nor­maler Co-Trainer.

Ist diese enge Bin­dung zum Jugend­be­reich des Ver­eins, bei dem Sie zum Profi gereift sind, eine beson­dere Moti­va­tion? Eine Art Dan­ke­schön?
So altru­is­tisch sind die Beweg­gründe dann doch nicht. Mir macht es letzt­lich ein­fach enorm viel Spaß, außerdem ist es eine gute Chance, um die Erfah­rung schon mal zu machen.

Welche Auf­gaben über­nehmen Sie im Trai­nings­be­trieb in erster Linie?
Ein bis zweimal pro Woche bin ich bin ich beim Trai­ning dabei. Dann komme ich zwei Stunden vor Trai­nings­be­ginn und wir spre­chen über ein­zelne Spieler, ana­ly­sieren ältere Par­tien und über­legen uns, was wir ver­bes­sern können. Beim Trai­ning über­nehme ich hin und wieder die ein oder andere Übungs­form. Leider konnte ich aber bisher erst bei einem Spiel dabei sein, weil ich am Wochen­ende mit den Profis unter­wegs bin.

Was sind Ihre ersten Ein­drücke von der Arbeit als Trainer?
Mich hat über­rascht, wie viele Themen anfallen, die mit dem Fuß­ball nichts zu tun zu haben – und wie wenig du dich dadurch letzten Endes wirk­lich mit Fuß­ball beschäf­tigst. Du hast 20 Kinder in einem schwie­rigen Alter, 20 Schulen, 40 Eltern­teile und ganz viel Orga­ni­sa­ti­ons­kram, in dem man irgendwie mit drin hängt.

In der Regel schafft nur ein Bruch­teil der Spieler aus den Junio­ren­bun­des­ligen den Sprung in den Pro­fi­fuß­ball. Sie haben es geschafft. Inwie­fern sehen Sie sich da in der Rolle, den Nach­wuchs­spie­lern Rat­schläge zu geben?
Ich denke, dass da über­schätzt wird, in wie weit man wirk­lich Tipps geben kann. Es gehört ein­fach viel Glück dazu. Ich war zum Bei­spiel damals ein­fach in einem enorm starken Jahr­gang, in dem wir durch die hohe Leis­tungs­dichte gegen­seitig gepusht haben. In der A‑Jugend sind wir Meister geworden. Das war ein Sprung­brett, über das man es ein­fa­cher in eine Leihe bei einem Pro­fi­verein geschafft hat.

Der Alters­un­ter­schied zwi­schen Ihnen und den Spie­lern ist relativ klein. Sehen Sie trotzdem Unter­schiede zu Ihrer Spiel­erge­nera­tion?
Es gibt neue Ent­wick­lungen, die es für die jungen Spieler schwie­riger macht, sich im Fuß­ball zu pro­fes­sio­na­li­sieren. Ganz­tags­schulen zum Bei­spiel: Die Spieler haben fünf- bis sechsmal Trai­ning, dazu zwei- oder dreimal bis um 17 Uhr Schule. Das kann auf Dauer nur schwer funk­tio­nieren. Was mitt­ler­weile eben­falls enorm früh beginnt, ist die Sache mit den Spie­ler­be­ra­tern.

Die B‑Jugendspieler haben pri­vate Berater?
Schon sehr viele, ja. In dem Alter sind die Spieler unge­mein beein­flussbar und werden auf ein sehr kom­plexes Span­nungs­feld aus Trainer, Eltern, Berater und Schule los­ge­lassen. Als Verein muss man da auf­passen.

Nehmen Sie die Spieler zur Seite, wenn Sie sehen, dass sie sich mit Dingen beschäf­tigen, mit denen sie sich noch nicht beschäf­tigen sollten?
Ich spreche viel mit den Spie­lern. Aber ich muss auch sagen, dass ich mich in der Hin­sicht in den ersten Monaten noch zurück­ge­halten habe. Erst einmal musste ich die Jungs kennen lernen. Ich hatte lange nichts mit dem Jugend­fuß­ball zu tun. Da kann ich jetzt nicht mit Pauken und Trom­peten kommen und sagen: So wird’s gemacht, so wirst du Profi!“

Wie ist das Ver­hältnis zwi­schen Ihnen und den Spie­lern?
Anfangs haben mich die Spieler gesiezt. Das war völlig merk­würdig. Ich bin 23 und kann mich nicht daran erin­nern, dass das jemals jemand gemacht hätte. Ich denke aber schon, dass es ein Vor­teil ist, dass ich hier im Verein gleich­zeitig auch Profi bin. Das ist mein Faust­pfand. Da kommen die Jungs dann gerne mit vielen Fragen – auch wenn viele nicht unbe­dingt mit dem Fuß­ball, son­dern viel mehr mit allem zu tun haben, was im Pro­fi­sport noch so drum herum pas­siert. Natür­lich erzähle ich gerne mal die eine oder andere Geschichte – aber der Fuß­ball muss im Mit­tel­punkt stehen.

Im Ama­teur­fuß­ball ist es Gang und Gäbe, dass ältere Spieler die jün­geren trai­nieren. Im Pro­fi­be­reich sind Sie ein Exot. Woran fehlt es bei den Kol­legen? Zeit? Oder Enga­ge­ment?
Zeit haben wir Pro­fi­fuß­baller alle genug. Wenn ich ehr­lich bin, denke ich, dass die meisten ein­fach über­haupt nicht auf die Idee kommen. Ich würde das hier ver­mut­lich auch nicht machen, wenn ich nicht gefragt worden wäre. Dazu kommt, dass Spieler, die nicht gerade im Verein aus­ge­bildet worden sind, ein­fach kei­nerlei Draht zur Jugend­ab­tei­lung haben.

Was sagen die Kol­legen denn zu Ihrer Frei­zeit­ge­stal­tung?
Den einen oder anderen Spruch musste ich mir schon anhören. Es war aber weder ein beson­ders guter dabei, noch kamen so viele blöde Kom­men­tare wie ich es erwartet hatte. Das habe ich ein­fach mal so gewertet, dass es ver­mut­lich doch gar nicht so ver­kehrt ist, was ich da mache. Ein Mit­spieler macht sich sogar ernst­hafte Gedanken, eben­falls im Jugend­be­reich ein­zu­steigen.