Seite 2: Goldene Tore und ganz viel Haut

Das Golden Goal 

Hoch­span­nung in 30 Minuten, Bri­sanz in jeder Szene, Schüsse, die die Welt bedeuten. 1993 star­tete die FIFA den legen­dären Ver­such, jede Ver­län­ge­rung per Golden Goal zur unwei­ger­li­chen Pei­ni­gung aller zehn Fin­ger­nägel ver­kommen zu lassen. 

Der Erfolg? Hielt sich in Grenzen. Natür­lich erin­nern wir uns alle an Bier­hoffs Tor gegen die Tsche­chen 1996. Oder an David Tre­ze­guets Volley-Kanone im EM-Finale 2000 gegen die Ita­liener. Die über­wie­genden Erin­ne­rungen lassen jedoch an grau­sames Ball­ge­schiebe und Mann­schaften zurück­denken, die aus lauter Angst, ein Tor zu kas­sieren, wie ver­stei­nert den Pfiff zum Elf­me­ter­schießen herbei sehnten. 

Nach zehn Jahren been­dete die FIFA den Spuk. Unge­schoren kam die Regel nicht davon: Kaiser Franz bezeich­nete das Golden Goal als den größten Schmarrn aller Zeiten“. Wer die Regel erfunden hat, müsse man zum Feind des Fuß­balls“ erklären, pol­terte Becken­bauer. 

Wei­tere Per­sön­lich­keiten des Welt­fuß­balls, wie der dama­lige Spa­nien-Trainer Iñaki Sáez, spra­chen sich für fest­ge­legte Zeit­rahmen aus, in denen die Ver­län­ge­rungen gespielt werden sollten. So hätte die Mann­schaft, die ein Tor kas­siert, die Chance, noch einmal zu reagieren. Auch das Silver Goal, bei dem ein Team gewann, wenn es nach der ersten Hälfte der Ver­län­ge­rung in Front lag, wurde nach nur zwei Jahren wieder vom Hof gejagt.

Gelb für nackte Haut

Er traf, zog sich oben rum aus und wurde in Asien zum Start. Jeder hat die Bilder noch im Kopf, vom jubelnden Carsten Janker, der gerade zum zwi­schen­zeit­li­chen 4:0 gegen Saudi Ara­bien traf. Seit 1996 gibt’s in Deutsch­land Gelb für das Aus­ziehen des Tri­kots, seit 2002 auch bei FIFA-Tur­nieren. 

Das Zeigen des nackten Ober­kör­pers gelte in isla­mi­schen Län­dern als Belei­di­gung, begrün­dete ein gewisser Joseph Blatter die Ent­schei­dung einst. Man­chen Fans war es egal, andere reagierten empört. So zum Bei­spiel die ehe­ma­lige par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tärin Mar­ga­reta Wolf. 

Nachdem Cris­tiano Ronaldo seine Por­tu­giesen im EM-Halb­fi­nale 2004 gegen die Nie­der­länger in Front schoss und wegen Tri­kot­aus­zie­hens ver­warnt wurde, schritt sie zur Tat. Zusammen mit Evelin Schönhut-Keil, ehe­ma­lige Grünen-Par­tei­vor­sit­zende in Hessen, schrieb sie eine Beschwerde-Mail an den dama­ligen DFB-Prä­si­denten Ger­hard Meyer-Vor­felder. Dieser solle doch bitte für eine Ände­rung der strengen Klei­der­ord­nung sorgen. Die Poli­ti­ke­rinnen ver­wiesen auf die hohe Anzahl weib­li­cher Zuschauer und for­derten: Weg mit der gelben Karte – her mit dem frei­wil­ligen Zeigen sport­li­cher Oberkörper!“Der Antrag wurde (leider) abge­lehnt. 

Mitt­ler­weile gilt das Aus­ziehen des Tri­kots als kleiner Rit­ter­schlag für einen Fuß­baller. Das Auf­lehnen gegen eine Regel, das bereit­wil­lige Akzep­tieren einer Strafe. Der Jubel habe Sym­bol­cha­rakter: Die Arbeit am Körper ist nicht bloß Selbst­zweck, das will man auch zur Schau stellen“, sagte Robert Gugutzer, Pro­fessor für Sozi­al­wis­sen­schaften des Sports, einst der SZ. 

Die FIFA legte all der Emo­tio­na­lität mal ganz tro­cken Ketten an: Das Aus­ziehen des Tri­kots nach einem Tor ist unnötig. Solch über­mäs­siger Tor­jubel ist von den Spie­lern zu ver­meiden“, heißt es dazu im offi­zi­ellen Regel­werk.