Alles ist ange­richtet zum klasyk po polsku, dem pol­ni­schen Klas­siker. Rekord­meister Legia Wars­zawa emp­fängt Górnik Zabrze, den Rekord­sieger ver­gan­gener Tage. 15 gegen 14 Meis­ter­titel. Doch das ist Geschichte – die Rea­lität bedeutet für beide Klubs: Abstiegs­kampf. Mit­ten­drin: Lukas Podolski.

Gegen Legia steht er zum siebten Mal in Folge in der Startelf. Obwohl Podolski vor dem Spiel noch kein Tor geschossen hat, ist die Auf­merk­sam­keit des pol­ni­schen Fern­se­hens wei­terhin vor allem auf ihn gerichtet. Er ist der erste Spieler, den die Kamera beim Auf­wärmen ein­fängt, über ihn wird wäh­rend der Ein­blen­dung der Auf­stel­lung am meisten berichtet. Immer wieder wird dabei in der Vor­be­richt­erstat­tung die Erzäh­lung vom zurück­ge­kehrten Welt­meister aus­ge­packt.

Über­haupt: Welt­meister. Mistrz świata. Der Begriff fällt in pol­ni­schen Medien fast schon auto­ma­tisch, sobald Podolski erwähnt wird. Es ist, als hätte man seinen Zweit­namen Josef gestri­chen und durch Welt­meister ersetzt: Lukas Welt­meister Podolski. Wahl­weise wird auch das Welt“ weg­ge­lassen, die Bedeu­tung und damit gar die Last auf seinen Schul­tern aber nicht geringer: Der Meister ist gekommen, um es zu richten.

Im Osten nichts Neues

Doch zwi­schen Erwar­tungs­hal­tung und Rea­lität klaffte in Zabrze bisher eine große Lücke. Natür­lich hat nie­mand öffent­lich aus­ge­spro­chen, dass Podolski Górnik wieder nach Europa schießen würde – gehofft haben es aller­dings ver­mut­lich einige Fans. Im Gespräch mit 11FREUNDE ver­suchte er bereits zu Sai­son­be­ginn die Hoff­nungen etwas zu dämmen: Man muss rea­lis­tisch sein. Wir können nicht von heute auf morgen Erfolg haben und wir werden auch nicht plötz­lich Meister sein, nur weil ich hier spiele.“

Und der Erfolg ließ lange auf sich warten. Vor dem Klas­siker gegen Legia gelang dem Rück­kehrer in neun Spielen erst eine Vor­lage, zwi­schen­zeit­lich wurde er durch eine Corona-Infek­tion aus­ge­bremst. Nach 13 Spielen stand Górnik nur auf dem 13. Platz. Zuletzt blieb der Klub vier Spiele lang sieglos. Ange­spro­chen auf den bis­he­rigen Sai­son­ver­lauf zeigte sich der Wahl­k­ölner rea­lis­tisch: Nichts hat geklappt!“, ant­wor­tete er lachend auf die Frage vom ligain­ternen Sender Eks­t­ra­klasa TV, was sein Team bisher geschafft hätte.

Den feh­lenden Erfolg machte er am man­gelnden Glück in den letzten Spielen fest: Wir ver­lieren nur knapp. 0:1, 1:2. Wir müssen ruhig bleiben und weiter arbeiten. Es gibt noch viele Par­tien zu spielen.“ Seine Worte hörten sich schon ein biss­chen nach Durch­hal­te­pa­rolen im Abstiegs­kampf an: Wir müssen Cha­rakter zeigen.“ Man muss sich dabei nichts vor­ma­chen: beendet Górnik die Saison im Mit­tel­feld der Tabelle, ist das ein Rie­sen­er­folg. In den letzten 12 Jahren stieg Zabrze zweimal aus der Eks­t­ra­klasa ab.

Abseits des Fuß­ball­platzes

Zwi­schen­zeit­lich flachte die Begeis­te­rung und der Trubel um seine Person jedoch so sehr ab, dass die Zei­tung Super Express Sport“ einen Artikel aus dem Jahr 2008 her­vor­kramte. Podolski erklärte damals dem Sender VIVA, dass er gänz­lich auf Alkohol ver­zichten würde. Im trink­freu­digen Polen anschei­nend eine Schlag­zeile, die auch 13 Jahre nach dem ursprüng­li­chen Erscheinen eine grö­ßere Daseins­be­rech­ti­gung hatte, als nim­mer­müde Berichte über seine wöchent­li­chen Anstren­gungen auf dem Fuß­ball­platz.

Auch im Gespräch mit Eks­t­ra­klasa TV schnitt man den sport­li­chen Erfolg nur kurz an. Wich­tiger schien zum Bei­spiel die Frage, mit wel­chem ehe­ma­ligen Mit­spieler er gerne bei Zabrze zusam­men­ge­spielt hätte (mit Phillip Lahm) oder ob es schon wei­tere Busi­ness-Ideen gäbe: Viel­leicht werde ich einen Döner-Imbiss eröffnen. In Polen gibt es näm­lich keine guten Döner. Ein eigener Imbiss wäre ein Hit! Damit gewinne ich die pol­ni­sche Döner­meis­ter­schaft!“

Und dann kam Legia

Zurück zum pol­ni­schen Klas­siker. Kurz vor dem Spiel eröff­nete eine Stimme aus dem Off die vor­be­rei­tende Spiel­ana­lyse: Welt­meister Podolski konnte Górnik bisher nicht helfen, Legia konnte über­haupt nie­mand helfen.“ Einmal mehr stand der ehe­ma­lige Natio­nal­spieler im Fokus der Mode­ra­toren. In der Gesprächs­runde machte sich dar­aufhin eine kol­lek­tive, fast schon trot­zige Stim­mung breit: Heute wird Poldi“ seinen Moment haben. Wenn nicht jetzt, wann dann?

In der 23. Spiel­mi­nute sprang Gór­niks Trainer, Jan Urban, schon vor­sichts­halber von seinem Sitz auf. Nach einer Ecke kam Podolski aus dem linken Halb­feld frei zum Schuss und don­nerte die Kugel mit seinem berüch­tigten linken Fuß an die Latte. Es wäre zu schön gewesen“, resü­mierte das Kom­men­ta­toren-Duo Maciej Iwański und Kazi­mierz Węgrzyn nicht ohne spür­bare Ernüch­te­rung in ihren Stimmen.

Ein krummes Ding

Sieben Minuten später belohnte sich Zabrze für eine beein­dru­ckende erste Hälfte und erzielte das 1:0. Keine zwei Minuten später folgte der Moment, auf den die ganze pol­ni­sche Liga mona­te­lang warten musste: Lukas Podolski schoss sein erstes Tor in der Eks­t­ra­klasa. Ein abge­wehrter Ball sprang ihm vor die Füße. Sein Nach­schuss traf zunächst aber­mals den Tor­wart, der zweite Nach­schuss saß dann. Ein krummes Ding. Aber: End­lich ist es der Podolski, den wir sehen wollten!“, jubelten die Kom­men­ta­toren.

Das Spiel wurde in der zweiten Hälfte noch richtig dra­ma­tisch. Legia glich inner­halb von einer Minute aus und erst in der Nach­spiel­zeit traf Krzy­sztof Kubica zum erlö­senden 3:2 für Górnik. Sechs Minuten vor dem Ende der Partie wurde Podolski unter großem Applaus aus­ge­wech­selt. In den letzten Spiel­mi­nuten stimmten die Fans sogar Lukas-Podolski-Sprech­chöre an. Er scheint end­lich ange­kommen zu sein.