Fuß­ball­fans dürfen das: Sie dürfen unrea­lis­ti­sche Hoff­nungen hegen und die ganze Welt davon in Kenntnis setzen. Kurz vor der Pause ent­rollte der Anhang von Hertha BSC am Fuße der Ost­kurve ein Trans­pa­rent, auf dem er, in zuläs­siger Form, die Ein­stel­lung zur TSG Hof­fen­heim und ihren Erfolgen kundtat: »Jede Sei­fen­blase zer­platzt einmal«.



In der ersten Halb­zeit deu­tete noch nicht allzu viel darauf ihn, dass der Ber­liner Fuß­ball-Bun­des­li­gist sie zum Platzen bringen würde. Hertha stand zwar defensiv sehr sicher, brachte die Hof­fen­heimer aller­dings auch nicht allzu sehr in Ver­le­gen­heit. Nach der Pause aber ver­setzte Hertha dem Auf­steiger den ent­schei­denden Stich. Dank einer gran­diosen kämp­fe­ri­schen Leis­tung und durch ein Tor von Andrej Woronin stürzten die Ber­liner die TSG Hof­fen­heim von der Tabel­len­spitze. »Man darf der Mann­schaft ein Rie­sen­kom­pli­ment machen«, sagte Her­thas Manager Dieter Hoeneß nach dem 1:0‑Sieg. »Es war eine außer­ge­wöhn­liche Ener­gie­leis­tung.«

Die Hof­fen­heimer hatten von Beginn an Schwie­rig­keiten. Hertha schaffte es, den Tabel­len­führer sehr effi­zient seiner Stärken zu beraufen. Vom fla­chen, offen­siven Spiel, mit der der Auf­steiger die Nation bisher ver­blüfft hatte, war nur wenig zu sehen. Die Ber­liner zwangen ihren Gegner dazu, gegen seine Natur erstaun­lich viele hohe Bälle zu spielen. »Für unsere Ver­hält­nisse haben wir nicht prä­zise genug gespielt«, sagte Trainer Ralf Rang­nick. »Aber das sei den Jungs auch mal zuge­standen. Sie sind keine Maschinen.« Fünf Mal hatte Hof­fen­heim zuvor hin­ter­ein­ander gewonnen. »Irgend­wann ist auch mal gut«, sagte Her­thas Kapitän Arne Fried­rich. In Berlin endete nun die Sie­ges­serie. Sehr zur Freude der 58 862 Zuschauer. »Die Mann­schaft hat die Chance genutzt zu zeigen, dass es sich lohnt, ins Olym­pia­sta­dion zu kommen«, sagte Michael Preetz, Her­thas Leiter der Lizenz­spie­lerab­tei­lung.

Fast 60 000 Zuschauer kamen ins Olym­pia­sta­dion – Sai­son­re­kord


Die Ver­suche der Hof­fen­heimer, ihre indi­vi­du­ellen und tech­ni­schen Stärken aus­zu­spielen, wirkten ein wenig zu non­cha­lant; es fehlte ihren Angriffen an Ent­schlos­sen­heit und Ziel­stre­big­keit. »Die Mann­schaft spielt mit sehr viel Selbst­ver­trauen«, sagte Hoeneß über die TSG. »Heute hat sie ihren Meister gefunden.« Vor der Halb­zeit sprang nur ein ansehn­li­cher und gefähr­li­cher Spielzug für den Tabel­len­führer heraus, den Andreas Beck über die rechte Seite vor­be­rei­tete. Seine flache Her­ein­gabe erreichte am kurzen Pfosten Chinedu Obasi, dessen Schuss aller­dings ging am Tor vorbei.

Die man­gelnde Gefahr der Hof­fen­heimer war auch Her­thas kon­zen­trierter Arbeit in der Defen­sive geschuldet. Selbst Stürmer Andrej Woronin hielt sich fast ebenso oft am eigenen Straf­raum auf wie an dem der Hof­fen­heimer. »Wir haben als Mann­schaft sehr gut defensiv gear­beitet«, sagte Fried­rich. Manager Hoeneß hob vor allem den Anteil der beiden Innen­ver­tei­diger Fried­rich und Simunic hervor: »Welt­klasse, das geht nicht besser.«

Im Spiel nach vorne besitzt Hertha noch Luft nach oben


Im Spiel nach vorne besitzt Hertha noch Luft nach oben: Die erste Chance hatte die Mann­schaft erst nach der Pause, sie ent­sprang dem Zufall. Nach einem Abpraller kam Maxi­mi­lian Nicu 15 Meter vor dem Tor frei zum Schuss. Der Ball ging am Tor vorbei. Der Mit­tel­feld­spieler war es auch, der Hof­fen­heims Tor­hüter Daniel Haas nach etwas mehr als einer Stunde zum ersten Mal zum Ein­greifen zwang. Sein Vol­ley­schuss von der Straf­raum­grenze lan­dete jedoch genau in den Armen des Tor­hü­ters. Auf der Gegen­seite hatte Demba Ba die beste Mög­lich­keit, Hof­fen­heim in Füh­rung zu bringen: Sein Schuss flog durch die Beine von Jaroslav Drobny – und knapp am Pfosten vorbei.

Manager Hoeneß sah seine Mann­schaft zwar »häufig unter Druck, aber wir sind nicht geschwommen«. Zwanzig Minuten vor Schluss stram­pelten sich die Ber­liner end­gültig frei. Nach feinem Zuspiel von Nicu stand Woronin plötz­lich vor Haas, der Ukrainer schloss die Chance kühl und über­legt ab. Trotzdem ver­zich­tete der Tor­schütze nach dem Spiel auf seine Teil­nahme an den Fei­er­lich­keiten vor der Ost­kurve. Eine Szene in letzter Minute hatte ihn derart erregt, dass er vor allen anderen wütend vom Platz stürmte. Der ein­ge­wech­selte Waleri Domowt­schiski hatte bei einem Konter den besser pos­tierten Woronin zweimal über­sehen. Beim ersten Mal schei­terte er an Haas, beim zweiten lan­dete der Ball am Außen­netz.

Es reichte auch so zu einem Sieg, der Hertha auf Platz fünf der Tabelle brachte. »Wenn wir so spielen, haben wir gute Chancen, ganz oben dabei zu sein«, sagte Arne Fried­rich. »Aber es ist ganz wichtig, dass wir nicht abheben.«