Seite 2: „Ich habe meinen Lieblingsspieler geboren“

Wir trafen uns am hei­mi­schen Sport­platz, und ich ver­suchte mir einen Über­blick über das Spie­ler­per­sonal zu ver­schaffen. Schnell begriff ich, dass es im Spiel nur darum gehen konnte, mög­lichst lange ein tor­loses Unent­schieden zu halten. Das Gros der Beleg­schaft hielt nach wie vor die Fuß­spitze für die geeig­netste Form, den Ball zu schießen. Und vor allem in der Abwehr ging es drunter und drüber. Links ver­tei­digte der schon erwähnte kom­pakte Knirps, der schon nach drei Minuten mit hoch­rotem Kopf vor sich hin­schnaufte. Und da saß er noch in der Kabine.

Rechts daneben wer­kelte ein hoch­ge­schos­sener Lulatsch, der so unsi­cher über den Platz stakste, als habe er gerade erst das Laufen gelernt. Unsere Boh­nen­stange hatte trotz seiner langen Beine den gemäch­li­chen Antritt einer Wan­der­düne. Bis der sich mal in Bewe­gung gesetzt hatte, saß der Rest der Truppe im Sport­ler­heim beim Abend­essen. Vorne sah es nicht viel besser aus, der Sturm bestand aus einem kurz­sich­tigen Drei­kä­se­hoch, der es fer­tig­brachte, vor Eck­bällen stets aus­giebig seine Brille zu putzen, und einem Fum­mel­könig, dem es offenbar aus reli­giösen Gründen unter­sagt war, den Ball auch mal abzu­spielen. Statt­dessen ver­strickte er sich in toll­kühne Dribb­lings, um danach nahezu wehrlos den Ball zu ver­lieren und völlig ent­kräftet auf den Rasen zu sinken.

Zyklop Inkasso“ als Sponsor

Im Osten ange­kommen, betraten wir die aus­ge­dehnte Sport­an­lage des Klubs, wo bereits reges Treiben herrschte. Die geg­ne­ri­sche Mann­schaft war bereits voll­ständig ver­sam­melt. Sehr viele Dus­tins und Stef­fens, auch wurde hier das Kin­der­haar offenbar flä­chen­de­ckend mit dem Hand­ra­sierer geschnitten. Dafür hatte es gerade einen neuen Tri­kot­satz gegeben. Der Sponsor war jeden­falls schon mal klasse. Es warb der sym­pa­thi­sche Geld­ein­treiber Zyklop Inkasso“ mit dem ebenso for­mi­da­blen Wer­be­spruch: Wir können kein Auge mehr zudrü­cken!“ Da musste man auch erst mal drauf kommen.

Wir bekamen unseren Kabi­nen­schlüssel in die Hand gedrückt und ich machte mich see­lisch bereit für meine erste flam­mende Kabi­nen­an­sprache. Dafür musste ich mir aller­dings erst noch einmal die Namen der Jungsdrauf­schaffen. Beim eigenen Sohn war ich mir eini­ger­maßen sicher, aber hieß der lange Lulatsch neben ihm nun Kon­stantin oder Georg? Und der kas­ten­för­mige Junge mit dem Bürs­ten­haar­schnitt? Leon oder Lukas?

Wo sind die Pässe?

Egal, die Mann­schaft war ja der Star. Es sollte unge­fähr so laufen wie in Die Bären sind los“, wo Walter Matthau als Morris But­ter­maker eine Gruppe krumm­bei­niger und kurz­sich­tiger Außen­seiter ins Base­ball­fi­nale führt. Against all odds! Des­halb würde ich die Truppe nun bis in die Haar­spitzen moti­vieren, jeden Ein­zelnen ein­dring­lich fixieren und ihm eine per­sön­liche Bot­schaft mit­geben. Ich holte tief Luft, um dem Team mal so richtig Feuer unterm … da klopfte es an die Kabi­nentür und der Schieds­richter lugte herein. Denken Sie an die Spie­ler­pässe? Ich warte!“ Ach, richtig, ich hatte vom Jugend­ob­mann die Spie­ler­pässe mit auf den Weg bekommen.

Als ich die Mappe durch­blät­terte, war ich doch eini­ger­maßen beein­druckt. Alles sauber und ordent­lich aus­ge­füllt, sogar die Geburts­daten stimmten. Das kannte ich aus meiner Jugend anders. Damals wurden Spie­ler­pässe fröh­lich zwi­schen den Alters­stufen durch­ge­reicht. In der Mappe unserer C‑Ju­gend-Mann­schaft fand sich damals der ver­gilbte Pass eines schüch­ternen Jungen, von dem ich sicher wusste, dass er letztes Jahr gehei­ratet hatte. Ein anderer hatte ein der­ar­tiges Aller­welts­ge­sicht, dass er über viele Jahre stets her­an­ge­zogen wurde, wenn bei einem anderen Kicker der Pass fehlte.

Ich trug die Auf­stel­lung hin­über zum Schieds­richter. Der­weil rannte die Mann­schaft hoch­mo­ti­viert aufs Feld, die Spieler klatschten sich ab und schworen sich im Kreis aufs Spiel ein. Das Team brannte lich­terloh. Also jetzt nicht unseres, son­dern das des Geg­ners. Mein Team bedurfte erst einmal einer freund­li­chen Ermah­nung des Schieds­rich­ters, bevor es gemäch­lich und por­ti­ons­weise aufs Spiel­feld schlurfte.