Seite 3: Eine Hundertschaft Eltern – beim Gegner

Beim Gegner war eine halbe Hun­dert­schaft Eltern erschienen, es herrschte hei­tere Stim­mung, Kaffee wurde aus Ther­mos­kannen aus­ge­schenkt, und das Mann­schafts­mas­kott­chen, ein rie­siger Plüschbär, hinter dem Tor plat­ziert. Eine Mutter trug ein bedrucktes T‑Shirt: Andere wählen sich ihren Lieb­lings­spieler. Ich habe meinen geboren!“ Ich konnte nur mühsam den Brech­reiz unter­drü­cken. Aber viel­leicht war es auch nur der pure Neid. Denn außer mir waren von unserem Verein nur noch zwei wei­tere Väter anwe­send, einer davon ein starker Rau­cher, der sichtbar unter dem Qualm­verbot auf dem Sport­platz litt und nervös auf und ab tip­pelte.

Der andere war von Woche zu Woche erstaunter, dass noch kein Talents­cout eines ambi­tio­nierten Bun­des­li­gisten ange­rufen hatte, um seinen Sohn zu sichten. Die Ent­täu­schung über die sto­ckende Kar­riere seines Sohnes kom­pen­sierte er dadurch, dass er nach jedem zweiten Spiel seinen Filius zusam­men­fal­tete, wenn der weniger als drei Buden gemacht hatte: So macht das keinen Sinn, Junge!“

Beide fingen, kaum hatte das Spiel begonnen, sofort an, wüste Kom­mandos aufs Feld zu kra­keelen. Nor­ma­ler­weise wäre ich ja sofort in den Kla­ge­chor der Väter über ver­gurkte Zuspiele und ver­passte Chancen ein­ge­fallen, nun aber nervte mich das Gebrülle kolossal. Ich gab statt­dessen den abge­klärten Fach­mann. Die Väter wussten es ja nicht besser. Ich dagegen blickte ana­ly­tisch aufs Feld. Wo andere Spieler sahen, sah ich tak­ti­sche For­ma­tionen. Bezie­hungs­weise, auf dem Klein­feld vor mir, keine tak­ti­sche For­ma­tion.

Unsere Abwehr im Augen­thaler-Modus

Es wurde näm­lich die erwar­tete Abwehr­schlacht. Unsere Truppe holzte von der ersten Minute mit dem Mute der Ver­zweif­lung jeden Ball weg, der ange­flogen kam. In Schild­krö­ten­for­ma­tion ver­schanzte sich das Team in Straf­raum­nähe und trat vor­sichts­halber auf alles, was sich bewegte. Zweimal wälzte sich ein junger Dynamo-Stürmer am Boden, weil er von unserer Abwehr in Augen­thaler-Manier kom­pro­misslos abge­räumt worden war. Als Vater hätte ich dem Bur­schen gleich mal eine rein­ge­reicht („Sind hier nicht am Burg­theater!“), als Trainer gab ich mich kame­rad­schaft­lich („Ent­schul­dige dich, Kon­stantin!“).

Ende der ersten Hälfte erlahmten langsam die Kräfte unserer Truppe. Jetzt war Front­be­gra­di­gung ange­sagt. Wo ist dein Mann, Lukas?“, brüllte ich aufs Spiel­feld. Eine span­nende, gleich­wohl rhe­to­ri­sche Frage. Lukas’ Mann wetzte näm­lich gerade auf unser Tor zu. Uff, knapp daneben! Dem Rau­cher­vater fiel vor Schreck die Ernte-23-Ziga­rette runter, die er heim­lich in der Hand­höhle geraucht hatte. Ver­schieben“, rief ich aufs Spiel­feld. Das sagten sie im Fern­sehen auch immer. Rat­lose Blicke bei meinen Spie­lern. Dann eben nicht.

AN-TI-ZI-PIE-REN!

Ich hatte mich immer noch ver­ständ­li­cher aus­ge­drückt als der E‑Ju­gend-Coach, der neu­lich einen seiner Schütz­linge mit einem Nasen­ab­stand von etwa fünf Zen­ti­me­tern anbrüllte: Was haben wir bespro­chen? Du soll­test anti­zi­pieren! AN-TI-ZI-PIE-REN!“ Aber ich lernte schnell und ver­legte mich auf simple Zwei­wort­an­sagen: Ein­fache Bälle!“ und gerne auch Klarer Elfer!“, nachdem unser Stürmer unweit des Straf­raums auf seine Schnür­senkel getreten war.

Kurz vor Schluss stand es immer noch 0:0. Was auch daran lag, dass sich aus dem geg­ne­ri­schen Team auch nie­mand für die Kreis­aus­wahl auf­drängte. Als ein X‑beiniger Ver­tei­diger zum wie­der­holten Mal am Ball vor­bei­senste, rief eine Mutti auf­mun­ternd hinein: Das kannst du besser!“ Eine klare Not­lüge. In der Nach­spiel­zeit segelte noch mal ein Quer­schläger in den Straf­raum des Geg­ners. Wildes Getümmel, ein Knäuel von jungen Spie­lern trat wüst gegen den Ball. Und ohne dass es von irgend­je­mandem beab­sich­tigt gewesen wäre, rutschte der Ball auf kuriose Weise ins Tor. 1:0 für uns, aus­wärts, beim haus­hohen Favo­riten. Die Jungs umarmten sich über­glück­lich.

Und ich? Klar, ich habe mich schon gefreut. Der Treffer machte mich schließ­lich zum Erfolgs­trainer. Unter meiner Lei­tung hat die Truppe nie ver­loren. Aber dass ich mich nach dem Tor tri­um­phie­rend vor dem Mas­kott­chen des Geg­ners auf­ge­baut und mehr­fach die Becker­faust gemacht haben soll, ent­spricht so nicht der Wahr­heit. Zumin­dest gibt es davon keine Fotos.