Seite 2: Er ist der Dusel-König

Auch hier gilt: Mül­lers Treffer können kein Zufall sein und schon gar kein Glück, dazu fallen sie viel zu oft – 76 sind es bis­lang für den FC Bayern, 30 für die Natio­nal­mann­schaft. Es muss, auch wenn man es im Ein­zel­fall kaum erkennen kann, ein Prinzip dahinter ste­cken, wie seine Schüsse immer wieder abge­fälscht werden, wie er die Bälle, in der Luft zu einer gro­tesken Figur ver­renkt, mit Stirn, Nase oder Zunge über die Linie drückt, sie hin­ein­sto­chert, abstaubt, wie er nutz­nießt, immer wieder der lachende Dritte ist.

Er spielt Fuß­ball, wie andere Flipper spielen

Nach seinen beiden Tref­fern im gest­rigen EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Schott­land schrieb ein Autor von Spiegel Online“, Müller sei ihm unheim­lich“. In der Tat kann es einem suspekt vor­kommen, dass ein Spieler mit dem Bewe­gungs­ab­lauf eines jungen Ren­tieres, das in einen Nagel getreten ist, derart erfolg­reich ist. Doch nur, wenn man Erfolg zwin­gend mit Schön­heit asso­zi­iert und ihn bei aus­blei­bender Schön­heit für Zufall hält. Mül­lers Geheimnis besteht in seinem Ver­zicht auf Schön­heit: Haupt­sache, das Ding ist drin. Er ist der wohl nüch­ternste Profi in einer in dis­ney­hafte Per­fek­tion veknallten Fuß­ball­welt, die You­tube-Mega­stars wie Lionel Messi und Cris­tiano Ronaldo hul­digt. Das Nächst­lie­gende wirkt darin unfassbar: Dass da jemand Tore nur um ihrer selbst willen schießt. Ohne Schnörkel, ohne Manie­rismen. Das macht Thomas Müller so unbe­re­chenbar, so gefähr­lich.

Zuweilen scheint es, als suche dieser Müller regel­recht die Beine seiner Gegen­spieler, um mit ihrer Hilfe seine Schüsse unhaltbar abzu­fäl­schen – und er findet sie, je dichter die Abwehr­boll­werke werden, die sich vor seiner Mann­schaft auf­bauen, umso öfter. Und wenn nicht, benutzt er eben sein eigenes Stand­bein. Er spielt Fuß­ball, wie andere Flipper spielen. Er ist der Pin­ball Wizard.

Im Studio von RTL sagte er ges­tern Abend, ange­spro­chen auf seine beiden signa­ture goals gegen Schott­land, er schiebe regel­mäßig Son­der­schichten, um solch wun­der­bare Treffer zu erzielen. Kleiner Scherz. Müller spielt damit, dass die Leute ihn latent für harmlos halten, weil er eben Tore schießt, hinter denen eigent­lich keine Absicht ste­cken kann. Jedes von ihnen sieht ja tat­säch­lich so aus, als wäre es sein erstes und sein letztes gewesen, als hätte hier jemand ein­fach nur Glück gehabt. Wie ein Zufall. Und er selbst lacht dann immer so hal­birre, als könnte er es selbst kaum fassen, dass einer wie er einen Blu­men­topf gewinnt. 

Doch eben­so­wenig wie beim FC Bayern, dem Verein, in dem er groß wurde, bei dem er als D‑Jugendlicher Patrik Andersson in der vierten Minute der Nach­spiel­zeit den Frei­stoß von Ham­burg hat ver­wan­deln sehen, mit dem er an drei Cham­pions-League-End­spielen teil­nahm und vier Mal Deut­scher Meister wurde, in dem er von klein auf lernte, dem Schicksal Befehle zu erteilen, kennt Thomas Müller keinen Zufall. Er ist der Dusel-König. Der Mann, der das Glück erzwingen kann.