Der Zufall nervt. Ja, schon klar: Rein sta­tis­tisch gesehen, pro­fi­tiert man auch mal von ihm. Der her­ab­stür­zende Toast müsste eigent­lich in der Hälfte aller Fälle mit der Mar­me­la­den­seite nach oben landen, in der eigenen Wahr­neh­mung tut er genau das aber so gut wie nie. Was den Zufall anbe­langt, dürften die meisten von uns Pes­si­misten sein: Er begüns­tigt immer nur die anderen. Erst recht, wenn es um Fuß­ball geht. Wie gesagt: Der Zufall nervt.

Es sei denn, man ist im wei­testen Sinne mit dem FC Bayern ver­ban­delt. Dort gibt es den Zufall nicht, es hat ihn nie gegeben. In den sel­tenen Fällen, da das Schicksal dem Klub nicht hold war, hat man das dort nicht schul­ter­zu­ckend als zwar uner­freu­liche Zumu­tung hin­ge­nommen, die sich aber bei nächster Gele­gen­heit schon wieder aus­glei­chen würde. Nein, es war jedes Mal min­des­tens eine Tra­gödie, die die tief­grei­fende Frage nach der Gerech­tig­keit des Lebens schlechthin auf­warf: Womit um alles in der Welt haben wir das ver­dient?

Anderswo gibt es Zufall, in Mün­chen nur den Dusel

So war es beim Cham­pions-League-Finale 1999 gegen Man­chester United, das in den Schlus­se­kunden denkbar dra­ma­tisch ver­loren ging, weil, so erschien es den Bayern offenbar, irgend­eine schwer ange­trun­kene Gott­heit die Kon­trolle dar­über ver­loren hatte, wie dieses Spiel den Natur­ge­setzen nach aus­zu­gehen hätte. Aller­meis­tens jedoch, das bestimmt sowohl das Eigen- als auch das Fremd­bild der Bayern, pro­fi­tieren sie vom Zufall. Sogar so oft, dass es dafür einen eigenen Begriff dafür gibt: Dusel.

Frei­lich, sie haben über die Jahre die Gabe ent­wi­ckelt, Momente erzwingen zu können, in denen der Dusel den Rest erle­digt. Das ist eine ath­le­ti­sche und psy­cho­lo­gi­sche Kom­pe­tenz, die man neidlos aner­kennen muss, die man, auch wenn das leichter zu ertragen wäre, nicht mit Arro­ganz ver­wech­seln darf und für die der volks­tüm­liche Begriff des Glücks allzu unpräs­zise ist. Glück ist etwas, was einem zufällt, aber die Bayern reißen den Tri­umph ja vom Ast wie einen reifen Apfel, wäh­rend ihre Gegner gar nicht so hoch langen können.

Dusel ist also das Wort für ihre gigan­ti­sche Wil­lens­kraft, auch wenn es etwas täp­pisch klingt – ganz so, als wäre ihnen selbst schwin­delig. Dabei haben sie im Gegen­teil alles unter Kon­trolle – schwin­delig ist viel­mehr den anderen, vor deren Augen sich ein 1:0 soeben in ein 1:2 ver­wan­delt hat. Der Dusel gehört zur Entität des FC Bayern wie der signa­ture sound zu einer Band. Irgend­wann tritt er zu Tage wie ein aus dem Refrain her­vor­krei­schendes Saxo­phon­solo. Beides ist natür­lich Geschmack­sache.

Der Mann, der diesen Sound so ver­läss­lich lie­fert wie einst Cla­rence Cle­mons in Bruce Springsteens E Street Band ist Thomas Müller. Er ist die Krone der Dusel-Evo­lu­tion, in ihm ver­einen sich die For­tune Franz Becken­bauers, die Instinkt­si­cher­heit Gerd Mül­lers und die Ent­schlos­sen­heit Stefan Effen­bergs: Müller ist ein ehr­gei­ziges Sonn­tags­kind, das aus keiner Chance ein Tor macht.