Wolf-Dieter Ahlen­felder, sind Sie ein Kult-Schieds­richter?

Zumin­dest tut es meinem Namen keinen Abbruch. Es ehrt mich unheim­lich, dass man mich noch kennt, das ist irgendwo auch eine Ehre.

Ver­missen Sie es eigent­lich, in der Öffent­lich­keit zu stehen?

Da stellen Sie eine Frage, die mir weh tut, da kommen mir die Tränen. Ich habe so eine tolle Zeit erlebt, das kann man sich gar nicht vor­stellen. Das ver­misse ich unheim­lich. Trotzdem: Ob Becken­bauer oder Bier­hoff, die duze ich alle. Der Ahli ist noch ein Begriff, schließ­lich bin ich mit Leib und Seele Schieds­richter. Ich glaube, habe für den Fuß­ball in Deutsch­land einiges getan.

Sehen Sie denn aktuell einen neuen Ahlen­felder?


Meine heu­tigen Schieds­richter-Kol­legen sind alle lieb und nett, aber es kommt keine Freund­lich­keit mehr rüber. Einen Esch­weiler- oder Ahlen­felder-Typ wird man da nicht mehr finden. Das ist wohl auch mit dem Geld ver­bunden. Ich habe mit 24 Mark Tagesspesen ange­fangen, auf­ge­hört habe ich mit 72 Mark. Heute holen die sich 3.000 Euro ab, das sind schon Unter­schiede. Dann sind die nebenbei noch Zahn­arzt, Manager-Berater oder Kla­vier­lehrer – ein Viertel von den Bun­des­liga-Schiris sind schon Dok­toren.

Markus Merk ver­dient auch einiges mit Vor­trägen…

Der hat sich das Bes­sere aus­ge­sucht. Als däm­li­cher Zahn­arzt eine Plombe für 14,90 Euro zu setzen, das würde ich seit der Gesund­heits­re­form auch nicht mehr machen wollen. Der ist schon ein cle­veres Bürsch­chen.

Bedauern Sie es manchmal, nicht 20 Jahre später als Schieds­richter begonnen zu haben?

Ich habe meiner Frau immer gesagt, ich habe einen ver­dammten Scheiß-Jahr­gang erwischt.

Warum man­gelt es im aktu­ellen Schieds­richter-Wesen an Typen?


Das wird von Funk­tio­nären gesteuert, die auf der Tri­büne sitzen und beob­achten. Es sind die größten Gips­köppe aller Zeiten, die dort her­um­laufen. Ich habe keinen Draht zu Funk­tio­nären, die haben meine Kar­riere kaputt­ge­macht.

Was bemän­geln Sie kon­kret?

Die Jungs haben keine Bewe­gungs­frei­heit, sie müssen sich strikt an ihr Regel­werk halten. Ein Bei­spiel: Geht vom Tri­kot­aus­ziehen beim Tor­jubel die Welt unter? Da frage ich mich, ob der Sepp Blatter noch alle auf dem Ofen hat. Die Leute haben noch nie Fuß­ball gespielt, die müssen auch mal über­legen, was in einem Fuß­baller vor­geht. Natür­lich würde ich das Trikot-Über­streifen lieber bei einer Damen-Mann­schaft sehen, aber was soll es? Emo­tionen tun doch keinem weh.

Können Sie sich mit den heu­tigen Refe­rees noch iden­ti­fi­zieren?

Die meisten sind zu steril, ein Schieds­richter kann doch auch mal lachen. Wenn ich gepfiffen habe, war Friede, Freude, Eier­ku­chen. Wir haben früher Spaß gehabt. Aber ich will mich nicht auf­regen.

Aber das machen Sie trotzdem. Wann denn zuletzt?


Beim Spiel zwi­schen Schott­land und Ita­lien, wo der Unpar­tei­ische Schott­land um den Sieg gebracht hat. Das war eine Sauerei, schlichtweg eine Kata­strophe. Und so etwas nennt sich FIFA-Schieds­richter – da flippe ich aus.

Leiden Sie denn manchmal auch mit Ihren Kol­legen mit?

Na klar, das sind doch meine Kum­pels. Das ist ein schweres Amt, das kann nicht jeder. Zum Schieds­richter muss man geboren sein, sonst sollte man lieber auf dem Weih­nachts­markt Cur­ry­wurst ver­kaufen. Wer meint, er sei der Größte, soll mal ein Spiel pfeifen. Nach fünf Minuten macht er sich in die Hose. Ich fie­bere mit den Jungs und freue mich über jeden, der eine gute Leis­tung bringt.

Werden Sie denn immer noch auf der Straße ange­spro­chen?

Wenn wir in Urlaub fliegen und ich zeige meinen Pass vor, flachsen die Zoll­be­amten. Wenn ich zurück­komme heißt es Ahli, du bist schön braun geworden“. Selbst in der tiefsten Türkei fragen mich die Leute, ob sie mich mal anspre­chen dürfen. Da ist man doch stolz drauf.

Min­des­tens jeder zweite will dann auch die Geschichte von dem Halb­zeit­pfiff nach 30 Minuten hören. Nervt das?

Im Nach­hinein hat mich nicht nur die Art und Weise, wie ich gepfiffen habe, berühmt gemacht. Durch die Sache in Bremen bin ich zur Legende geworden. Ich habe ja nichts Böses gemacht. Wie es sich für einen Ruhr­ge­bietler gehört, habe ich mir mal einen genommen. Da habe ich keine Hem­mungen, ich war kein Kind von Trau­rig­keit. Wenn ich sage, dass ich vor Bun­des­liga-Spielen Wasser und Fanta getrunken habe, wäre das eine Lüge. Ich habe mir ein Pilsken rein­getan, und der Fall war erle­digt.

Hat das auch Ihre Beliebt­heit bei den Fans aus­ge­macht?

Die Älteren sagen, der Ahlen­felder war eine Kory­phäe, die haben mich geliebt. Da sind die heute Pflaumen gegen. Kör­per­lich kann ich es mit meinen 63 Jahren nicht mehr. Sonst würde ich denen mal zeigen, wie man ein Spiel pfeift.

Ver­folgen Sie das Fuß­ball-Geschehen noch?

Ich bin Ober­hau­sener, da ver­stehe ich einiges nicht. Zu einem Spit­zen­spiel kommen 2.000 Zuschauer zu RWO. Wenn Essen gegen einen Kegel­club spielt, kommen 12.000, bei Schalke sind es sogar 61.000. Da ist Ober­hausen eine echte Dia­spora.

Pfeifen Sie noch regel­mäßig?


Bei der Ober­hau­sener Berufs-Feu­er­wehr bin ich quasi fest instal­liert, zudem gibt es immer Tur­niere für den guten Zweck. Im Jahr kommen da schon 15 bis 20 zusammen. Dazu war ich auch noch sieben Jahre Mess­diener – wenn ich einmal den Löffel abgebe, mein Platz im Himmel ist schon gesi­chert.