Trauer kennt fünf Phasen. Zuerst kommt das Leugnen („Das kann nicht sein!“), dann die Wut („Warum ich?“), das Ver­han­deln („Wäre es nicht mög­lich…?“), die Depres­sion („Das Spiel ist aus!“) und schließ­lich die Akzep­tanz („Es ist gut so!“).

Auf Schalke sind sie noch nicht in der Phase der Depres­sion, auch wenn es den Anschein hat, und schon gar nicht sind sie bei der Akzep­tanz. Sie ste­cken gerade mitten in der Ver­hand­lungs­phase. Die bekannte Psych­ia­terin Eli­sa­beth Kübler-Ross schrieb dazu, der Trau­ernde oder Ster­bende habe den Wunsch, das eigene Schicksal durch bestimmte Hand­lungen noch abzu­wenden. Es käme dabei vor, dass er Wün­sche äußert, die den Ange­hö­rigen sehr unrea­lis­tisch erscheinen.

Der Wunsch nach alten Erfolgen

Viele Men­schen auf Schalke haben sich in den ver­gan­genen Tagen Ralf Rang­nick zurück­ge­wünscht. Als Trainer, Sport­di­rektor, Phi­lo­soph, Manager, Ver­trau­ens­lehrer, was auch immer. Ran­gick, der Rang­nick-Dinge tut. Die Fans hingen Trans­pa­rente auf. Pro Neu­an­fang, pro Rang­nick“, stand auf einem. Rang­nick oder nix“, auf einem anderen. Eine Online-Peti­tion für ihn hatte bis Samstag über 50.000 Unter­stützer.

Diese Phase 3, Ver­han­deln, ist nicht Schalke-spe­zi­fisch, sie kommt bei jedem dar­benden Tra­di­ti­ons­klub vor. In Ham­burg machte sich in den ver­gan­genen Jahren alle paar Tage irgend­eine Fan­gruppe, ein Mäzen oder ein anderer semi-wich­tiger Mensch für eine Rück­kehr von Felix Magath stark. In Kai­sers­lau­tern kur­siert oft der Name Marco Kurz, wenn es mal wieder nicht so gut läuft. Es ist die alte Fan-Sehn­sucht nach Typen, die irgend­wann in der Ver­gan­gen­heit mal erfolg­reich in ihren Klubs waren, ein wich­tiges Tor geschossen oder die Mann­schaft zum Auf­stieg geführt haben. Der Rang­nick-Wunsch auf Schalke schien aller­dings gar nicht so unwahr­schein­lich. 

Rang­nick hat zwei Amts­zeiten beim FC Schalke gehabt, die erste lief von Sep­tember 2004 bis Dezember 2005, die zweite von März 2011 bis Sep­tember 2011. Macht eine Net­to­ar­beits­zeit von gerade mal einem Jahr und neun Monaten. Aber er ist den meisten Fans sehr gut in Erin­ne­rung, laut Sta­tistik hat er Wett­be­werbs­über­grei­fend (88 Spiele) 1,82 Punkte pro Spiel geholt. Die Mann­schaft spielte oft ansehn­li­chen Fuß­ball und gewann unter ihm 2011 das DFB-Pokal-Finale (in das die Mann­schaft noch unter Magath ein­ge­zogen war).

Fünf Stunden! Schalke ver­han­delt mit Rang­nick“

Bild-Zeitung

Dieser Mann also sollte nun Schalke retten, nicht sofort, aber bald, dem­nächst, ja doch gerne schleu­nigst. Und er war sich so gut wie einig mit Schalke. So jeden­falls konnte man unter der Woche in zahl­rei­chen Medien, vor allem aber in der Bild-Zei­tung lesen: Rang­nick-Hammer auf Schalke“ (13. März), Jetzt beginnt der Macht­kampf um Rang­nick“ (14. März), Fan-Auf­stand für Rang­nick“ (15. März), Boss tele­fo­niert schon mit Rang­nick-Berater“ (16. März), Der geheime Rang­nick-Kreis“ (17. März), Heute startet der Poker um Rang­nick“ (18. März), Fünf Stunden! Schalke ver­han­delt mit Rang­nick“ (19. März). Und dann: Rang­nick sagt Schalke ab“ (20. März).

Es klingt für viele wie das nor­male Enter­tain­ment-Wochen-Pro­gramm auf Schalke, das mit der obli­ga­to­ri­schen Nie­der­lage am Bun­des­li­ga­spieltag endete. 0:3 gegen Glad­bach, aber das nur am Rande.

Für einige mag es auch wie ein klas­si­scher Rang­nick klingen. Denn der wäre ja vor einem Jahr fast beim AC Mai­land Trainer oder Sport­di­rektor oder alles geworden. 2016 war er quasi schon Natio­nal­trainer in Eng­land. Und immer wieder lehnte er angeb­lich Jobs bei Chelsea, Arsenal und AS Rom ab. Oft (auch jetzt) war er als Bun­des­trainer im Gespräch. Meis­tens, weil er sich selbst ins Gespräch brachte. Rang­nick, der auch solche Rang­nick-Dinge tut. Und der nun, nach einer Woche als Bild“-Titel-Boy, ver­kün­dete: Ich hätte mich gerne auf Schalke ein­ge­bracht. Leider sehe ich mich auf­grund der zahl­rei­chen Unwäg­bar­keiten inner­halb des Ver­eins der­zeit nicht in der Lage, die sport­liche Ver­ant­wor­tung bei S04 zu über­nehmen.“ Laut Bild“ soll er die Ver­pflich­tung des 32-jäh­rigen Danny Latza in der ver­gan­genen Woche als schal­lende Ohr­feige“ emp­funden haben, denn er wollte mit einer jungen Mann­schaft neu anfangen. 

Von außen blickt man wie so oft irri­tiert auf die Vor­gänge der ver­gan­genen Woche. Zusam­men­ge­fasst: Eine Initia­tive namens Tra­di­tion und Zukunft“ möchte gerne Ralf Rang­nick nach Schalke holen. Sie trifft sich mit ihm, sie ver­han­delt mit ihm. Alles offenbar ohne das Wissen des Auf­sichts­rates, dem seit dem Ende von Cle­mens Tön­nies der Rechts­an­walt Jens Buchta vor­steht.

Dieser erklärt in einem Inter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung“, dass AR-Mit­glied Stefan Gesen­hues ihm jüngst von seinen Kon­takten zu einer Gruppe berichtet habe, die mit Ralf Rang­nick über ein Enga­ge­ment als Vor­stand und Trainer von Schalke 04 gespro­chen hätte. Buchta: Man habe bereits gewisse Kon­di­tionen aus­ge­han­delt, sagte Gesen­hues. Diese Kon­di­tionen, etwa zur Gehalts­frage und zur Lauf­zeit, hat er auch bereits in Eck­punkten umrissen.“ Weiter erklärt Buchta im Inter­view, an Rang­nick störe sich der AR gar nicht. In der Halb­zeit­pause des Spiels gegen Glad­bach sagte er bei Sky“ außerdem, man werde nie­manden im Rat finden, der gegen Rang­nick sei. Nur die Vor­ge­hens­weise der Initia­tive hätte ihm nicht gefallen: Man muss sich das ein­fach mal vor­stellen: Da hat eine nicht-legi­ti­mierte Gruppe mit Rang­nick gespro­chen und ihm im Namen des Ver­eins ein Angebot gemacht.“

Gegen­sei­tige Vor­würfe

Uwe Kemmer, ein Mit­glied dieser nicht-legi­ti­mierten Gruppe“, war bis vor wenigen Monaten Teil des Auf­sichts­rates. Damals soll er schon in Allein­gängen mit mög­li­chen Sport­vor­stand-Kan­di­daten ver­han­delt haben, etwa mit dem ehe­ma­ligen Schalker Erik Stof­fels­haus, der zuletzt mit Loko­mo­tive Moskau Meister in Russ­land geworden war. Auch der Name Oliver Ruh­nert, aktuell Union Berlin, ehe­mals Schalke, soll gefallen sein. Rang­nick sei da noch kein Thema gewesen.

Die Initia­tive wie­derum übt scharfe Kritik an der Ver­eins­füh­rung, vor allem an Buchta, der erklärt hatte, dass man Rang­nick nicht ange­spro­chen habe, weil wir meinten, wir könnten ihm nicht die Rah­men­be­din­gungen bieten, wie er sie in Leipzig und Hof­fen­heim hatte“. Jörg Gra­bosch, ein Mit­glied der Gruppe, erwi­derte bei Sky“: Das Argu­ment ist vor­ge­schoben. Man fragte bei Krö­sche an, der eben­falls nicht für einen Kreis­liga-Etat eine Mann­schaft auf­bauen kann oder will.“

Ach ja, Markus Krö­sche, Sport­vor­stand von RB Leipzig. Der wurde tat­säch­lich auch auf Schalke gehan­delt. Unter der Woche, nach der 836. her­aus­po­saunten Rang­nick-Interna erklärte Krö­sche, potz­blitz, er stehe nicht mehr zur Ver­fü­gung. Aber auch das nur am Rande.

Ich habe keine Lust mehr auf poli­ti­sche Pos­sen­spiele“

Ralf Rangnick

Man könnte jetzt mal wieder sagen: Trans­pa­renz ist wichtig, völ­lige Trans­pa­renz über die Vor­gänge. Alles­auf­den­tisch­pa­cker. Funk­tio­näre, die auf Macht ver­zichten. Offi­zi­elle, die sich selbst zurück­nehmen. Ehr­lich­keit. Aber wahr­schein­li­cher scheint es, dass Schalke kom­mende Saison in schwarz-gelben Tri­kots auf­läuft.

In diesem ganzen Rem­mi­demmi muss man diesmal sogar fest­halten, dass man alle Par­teien irgendwie ver­stehen kann. Jens Buchta, der nicht unbe­dingt ein Mann der Tat ist, aber der sich auch nicht von außen über­rum­peln lassen will. Die geheime Gruppe, die ange­sichts der Lethargie des Auf­sichts­rates eigen­in­itiativ han­deln möchte. Die Fans, die so sehr auf einen Heils­bringer gehofft haben und nun annehmen müssen, dass der Verein wirk­lich jeden kom­pe­tenten Trainer oder Funk­tionär ver­grault. Und ja, sogar Ralf Rang­nick, der auf diesen Irr­sinn offenbar doch lieber ver­zichten möchte. Der nun eine Woche in königs­blauen Likes und Lie­bes­er­klä­rungen baden konnte und dann belei­digt gesagt hat: Ich habe keine Lust mehr auf poli­ti­sche Pos­sen­spiele, ich bin es leid.“

Oh, sorry, das Zitat ist ja von 2004, als Ralf Rang­nick nach Strei­te­reien mit Rudi Assauer auf Schalke hin­ge­worfen hatte. Andere Zeiten. Damals hieß er auch noch Rolf Rang­nick.