Hannes Bon­gartz, als Schüler waren Sie deut­scher Meister im Kunst­rad­fahren. Inwie­weit half Ihnen der Sport für Ihre Lauf­bahn als Fuß­baller?
Auf dem Rad erlernte ich die Geschick­lich­keit, die später auf dem Platz meine Hand­lungs­schnel­lig­keit erhöhte. Meine Kör­per­be­herr­schung beim Zwei­kampf, jedes Aus­wei­chen und jede Finte fiel mir leichter, wohl auch weil ich vorher auf dem Rad meine Küren gefahren war. 

Wie kamen Sie zu dieser unge­wöhn­li­chen Sportart?
Ich bin im Bonner Vorort Duis­dorf auf­ge­wachsen. Unser Dorf war für zwei Sport­arten berühmt: für Ringen und Kunst­rad­fahren. Aus unserem Ort kam das legen­däre Kunst­rad­fahrduo Mons­chau und Wein­reis, die mal Welt­meister gewesen waren. Mein Vater war Vor­sit­zender der Rad­sport­freunde. Er wünschte sich, dass mein Cousin und ich im Doppel deren Nach­folger werden.

Aber daraus wurde nichts, weil Sie den Fuß­ball mehr liebten.
Als Jugend­li­cher war ich sport­ver­rückt. Ich war jeden Tag in unserer Sport­halle, machte beim Ringen mit, bei den Kunst­rad­fah­rern, bei den Tur­nern, beim Kicken. Als ich 16 war, gingen meine beiden besten Mit­spieler aus der Fuß­ball­ab­tei­lung von Preußen Duis­dorf zum Bonner SC. Die Her­ren­mann­schaft spielte damals in der zwei­höchsten Spiel­klasse, da kamen zu man­chen Spielen bis zu 20 000 Zuschauer. Also bin ich mit­ge­gangen.

Hatten es die Späher vom SC auf Sie abge­sehen?
Über­haupt nicht, ich wollte nur mit den Kum­pels mit. Dem Bonner SC bin ich also mehr oder weniger zuge­laufen.

Wie reagierte Ihr Vater?
Der hatte schon mit­ge­kriegt, was mir der Fuß­ball bedeutet. Mein Cousin musste wegen eines Herz­feh­lers mit dem Rad­fahren auf­hören, so zer­brach unser Duo. Wegen Fuß­ball hat es bei uns zuhause nur ein ein­ziges Mal Ärger gegegen. Und warum? Es war am Tag meiner Kom­mu­nion. Wir hatten am frühen Nach­mittag ein wich­tiges Spiel. Also habe ich nach dem Mit­tags­essen kurz den Anzug gegen das Trikot getauscht und bin abge­hauen. Mein Onkel war ein­ge­weiht, der hat mich gefahren. Meinen Eltern sagte ich, dass ich kurz einen Spa­zier­gang mache. Als ich zum Kaffee wieder zurückkam, haben sich alle gewun­dert, wo ich so lang war.

Als Kunst­rad­fahrer waren Sie früh an Erfolge gewöhnt. Wie lief das beim Fuß­ball?
Im Prinzip war ich ein Spät­starter. Als ich zum Bonner SC kam, spielte ich einige Zeit in der zweiten A‑Jugend. Meine Kum­pels aus Duis­dorf ver­loren nach vier Wochen die Lust, weil sie nicht zum Ein­satz kamen, und gingen wieder zurück. Aber die Blöße wollte ich mir nicht geben. 

Sie bissen sich durch.
Fuß­ball ist immer auch Glück­sache. Viel hängt davon ab, ob der Trainer einen för­dert oder wie gut das Team ist, in dem man spielt. Als ich zur Her­ren­mann­schaft des SC kam, wurde ich wieder in die Zweite beor­dert. Ich spielte also brav in der Kreis­liga gegen Teams, die teil­weise direkt vom Früh­schoppen aufs Feld kamen. Der SC hatte statt auf die Jugend zu setzen, ein paar abge­half­terte Schalker Profis geholt, um den Auf­stieg zu erzwingen. Ein Rie­sen­fehler. Das Kon­zept ging nach hinten los, schon bald stand der Verein als Absteiger fest und alles lief aus­ein­ander. Erst da ent­schieden die Ver­ant­wort­li­chen, die jungen Leute mit ein­zu­binden, und ich kam zu meinen ersten Ein­sätzen.

Von der Kreis­liga direkt in die Regio­nal­liga West.
So war das damals. Als wir in Essen gegen Schwarz Weiß spielten, lief es für mich ganz manier­lich – und auf der Tri­büne saß Wat­ten­scheid-Mäzen Klaus Steil­mann. Er lud mich am dar­auf­fol­genden Samstag zum Gespräch ein. Sams­tag­vor­mit­tags war bei ihm immer Fuß­bal­lau­dienz.

Ein gutes Spiel reichte, damit Sie den ersten Pro­fi­ver­trag bekamen?
Steil­mann mochte kein Voll­pro­fitum, also bot er mir an, nebenbei in seiner Firma zu arbeiten. Für meinen ersten Zwei-Jahres-Ver­trag bekam ich in Wat­ten­scheid 120 Mark im Monat als Fuß­baller, zehn Pfennig pro gefah­renen Kilo­meter und ein paar Mark Sieg­prämie. Den Rest musste ich durch meinen Job als Kauf­mann bei Steil­mann erwirt­schaften.

In Wat­ten­scheid bekamen Sie Ihren Spitz­namen Spar­gel­tarzan“.
Den ver­passte mir die Bild“-Zeitung. Ich war ein schlak­siger Hänf­ling und ent­sprach über­haupt nicht dem Typus des stäm­migen Profis. Es dau­erte ein Jahr, bis ich voll­wer­tiger Stamm­spieler war, weil ich kör­per­lich noch nicht so weit war.

In der Saison 1973/74 star­teten Sie unter Trainer Kalli Feld­kamp durch. Sie erreichten das Halb­fi­nale im DFB-Pokal und schei­terten nur knapp am Bun­des­li­ga­auf­stieg.
Feld­kamp hielt die Mann­schaft an der langen Leine. Er ver­stand, wie wir Fuß­balller tickten und war sehr nah an der Mann­schaft. Und was ich beson­ders mochte: Er war nicht nach­tra­gend. Ich weiß noch, wie ich mit Rudi Klimke und Jürgen Jen­drossek mal zur Wei­ber­fast­nacht aus­büxte. Der alte Steil­mann hatte uns für einen wich­tigen Sieg ver­spro­chen, eine Sause mit ihm machen. Also haben wir ihn ein­ge­packt und sind mor­gens um acht Uhr nach Köln gefahren. Steil­mann trai­nierte bei uns damals manchmal aus Spaß mit. Wir hatten ver­ab­re­deten, nach­mit­tags zum Trai­ning zurück in Wat­ten­scheid zu sein. Aber als Feld­kamp die Mann­schaft zusam­men­holte, war der ein­zige, der recht­zeitig zurück war, der Alte. Wir waren in Köln ver­sackt.

Und Feld­kamp machte Ihnen tags drauf die Hölle heiß?
Ach was, er brummte uns Geld­strafe auf – und damit war die Sache erle­digt.

In dieser Zeit kur­sierten in den Medien bereits Wech­sel­ge­rüchte. Schalke 04 bezahlte die damals höchste Ablöse in der Geschichte des deut­schen Fuß­balls für Sie: 770 000 Mark.
Dabei waren die Schalker recht knapp bei Kasse. Aber die Schalker Fans, ange­sta­chelt durch die Presse, wollten mich unbe­dingt haben. Also hat Prä­si­dent Oscar“ Sie­bert den Anhän­gern klar gemacht, dass sie für einen Wechsel auch ihren Bei­trag zu leisten hätten. Damit das Geld locker gemacht wurde, mussten die Sta­di­on­be­su­cher auf den Steh­plätzen eine und die auf den Sitz­plätzen zwei Mark mehr bezahlen.

Die soge­nannte Bon­gartz-Mark“. Gab es Ärger mit den Fans, wenn Sie mal nicht so gut spielten?
Och nee, das hielt sich in Grenzen, aber wenn ich heute in Gel­sen­kir­chen unter­wegs bin, spre­chen mich immer noch ältere Leute an: Junge, du schul­dest mir noch zwei Mark.“

Was sagen Sie dann?
Dass sie beim nächsten Gran Canaria Urlaub in Oscars Pub“ ein­kehren, dort fünf Pils trinken und dann beim Deckel einen Euro abziehen lassen sollten. Die Kneipe gehört näm­lich Oscar“ Sie­bert…

Wie kam Ihr Zieh­vater Steil­mann mit Ihren Abwan­de­rungs­ge­danken klar?
Ihm war bewusst, dass er mich nicht halten kann. Er sagte: Wenn du das machen willst, dann geh. Und wenn Du nicht dort zurecht kommst, geben wir Schalke das Geld zurück und du kommst wieder“. Damit hat er sehr viel Druck von mir genommen.

Was machte die Bezie­hung von Steil­mann und Ihnen aus?
Er hatte eine gran­diose Men­schen­kenntnis. In neun von zehn Gesprä­chen erkannte er sofort, welche Fähig­keiten in einem Mensch schlum­mern und wie er sich diese zunutze machen kann. Mit ihm konnte ich jeder­zeit unter vier Augen über Fuß­ball reden, das war vor allem in meiner Trai­ner­zeit wichtig, denn auf sein Wort konnte man sich ver­lassen und er hat den Stress von einem weg­ge­halten.

Waren Sie mit Steil­mann per Sie?
Er sagte Hannes“ zu mir, ich nannte ihn Boss“.

Der Spar­gel­tarzan“ musste bei Schalke 04 unter Trainer Ivica Horvat erstmal ordent­lich schuften.
Das erste halbe Jahr auf Schalke war die Hölle. Horvat wollte, dass ich zulege. Wäh­rend die anderen vor Sai­son­be­ginn zu Freund­schafts­spielen über die umlie­genden Dörfer tin­gelten, rannte ich tagein, tagaus mit der Blei­weste im Revier­park Nien­hausen die Hügel rauf und runter. Als die Saison anfing, war ich platt wie eine Flunder und in der Hin­runde kriegte ich fast gar nichts auf die Reihe.

Es war damals viel Unruhe im Klub, Schalke 04 stand unter dem Ein­druck des Bun­des­li­ga­skan­dals. Sogar Stan“ Libuda war nach einem Jahr bei Racing Straß­burg zurück.
Das war eine Good Will“-Aktion des Klubs. Er trai­nierte nur noch, mehr ging leider nicht mehr. Es war skurril. Die wich­tigsten Spieler fehlten ständig beim Trai­ning, weil sie in Essen vor dem Land­ge­richt aus­sagen mussten. Manchmal wurde die Ein­heit um eine halbe Stunde nach hinten ver­schoben und wir war­teten, bis die Kol­legen im Anzug aus dem Gericht kamen.

Schalke war eine lau­ni­sche Diva. Ständig wurden die Trainer gewech­selt.
Daran war ich aber nicht schuld. Ich würde sagen, dass ich es keinem unserer dama­ligen Trainer beson­ders schwer gemacht habe.

Ihr Team­kol­lege Helmut Kre­mers soll wäh­rend des Kurz­zei­t­enga­ge­ments von Max Merkel wäh­rend eines Spiels gesagt haben: Trainer, ich muss mal zur Toi­lette.“
Das hätte ich mich nie getraut. Merkel war extrem auto­ritär, uns jün­gere Spieler hatte er gut im Griff, auch wenn ich sagen muss, dass man­ches, was wir uns von ihm anhören mussten, heute für eine Klage aus­rei­chen würde. Aber wir haben gekuscht. Die Älteren waren da etwas auf­müp­figer, des­wegen war Merkel bald wieder weg.

Ihnen eilte der Ruf voraus, eine schlam­piges Genie“ zu sein.
Tech­nisch begabten Mit­tel­feld­spie­lern sagt man oft eine gewisse Schlam­pig­keit nach. Denken Sie nur an Günter Netzer oder Hansi Müller. Bei Typen wie Bulle“ Roth oder Kat­sche“ Schwar­zen­beck heißt es im Gegen­satz: Der ver­ge­wal­tigt den Ball.“ Beides ist doch nur zum Teil richtig. Ein Zehner grätscht eben sel­tener.

Wie lief das Pro­fi­leben Mitte der Sieb­ziger auf Schalke ab?
Wir konnten uns völlig frei bewegen. Mit­tags gingen wir nach dem Trai­ning zusammen im Kaufhof“ zum Mit­tag­essen. Vor Heim­spielen fuhren wir am Freitag nach dem Abschluss­trai­ning mit dem Bus nach Flaes­heim und kehrten im Jägerhof“ ein. Dort gab es das beste Essen. Nach dem Dinner gingen wir spa­zieren, vorm Ein­schlafen tranken wir an der Hotelbar noch ein Bier­chen und am Samstag fuhren wir die 35 Kilo­meter zurück bis ins Park­sta­dion.

Und nach den Spielen?
In Gel­sen­kir­chen gingen wir oft in eine Disco namens Python“. Und wenn wir ver­loren hatten, gab es von den Gästen dort auch mal Feuer. So wie der Koh­len­pott halt ist: hart, aber herz­lich.

Ihnen gelang das Kunst­stück, 1976 die Bayern mit einer Welt­klas­se­leis­tung 7:0 zu schlagen und ein Jahr später in Mün­chen mit 1:7 zu ver­lieren.
Und ich Trottel schieße in der Schluss­mi­nute ein Eigentor. Der Ball fiel mir so unglück­lich auf den Fuß, dass ich mit ihm ins Netz stol­perte und mir nichts bes­seres ein­fiel, als zu grinsen. Ein Foto­graf hin­term Tor ließ sich das Bild nicht ent­gehen und am nächsten Tag sah man in allen Zei­tungen, wie ich lächelnd im Tor stehe. Unserem Trainer Friedel Rausch ging die Fratze da natür­lich auch runter.

Was haben Sie ihm gesagt?
Soll ich, wenn eh schon alles ver­loren ist, am Ende noch in Tränen aus­bre­chen?

Ihre größten Spiele erlebten Sie, nachdem Sie 1978 nach Kai­sers­lau­tern wech­selten. Dort trafen wieder auf Kalli Feld­kamp.
Er hatte mich geholt. Schalke war mal wieder knapp bei Kasse, Oscar“ Sie­bert brauchte die Ablöse. Ich kam in das beste Team, in dem ich je gespielt habe, wir spielten vier Jahre in Folge UEFA-Cup.

Real Madrid fegten Sie im Vier­tel­fi­nale 1981/82 mit 5:0 vom Bet­zen­berg. Das beste Spiel Ihrer Lauf­bahn?
Sicher eines der besten. Im Hin­spiel hatten wir in Madrid 3:1 ver­loren. Die Spa­nier traten uns mit einer der­ar­tigen Bru­ta­lität zusammen, sowas kannten wir nicht. Danach war zwei Wochen Aus­nah­me­zu­stand in Kai­sers­lau­tern. Die Bun­des­liga spielte über­haupt keine Rolle mehr – es ging nur noch darum, es Real heim­zu­zahlen. Wir wollten Rache – und die nahmen wir dann auch.

Berühmt-berüch­tigt waren Sie in der aktiven Zeit für Ihren Über­steiger. Woher hatten Sie den Trick?
Es gab einen Angreifer in Aachen, Her­bert Gronen, den hatte ich in den Sech­zi­gern am Tivoli gesehen, und war ganz begeis­tert von seinem Trick gewesen. Also pro­bierte ich es aus – und es wurde zu meinem Mar­ken­zei­chen. Es war eine gute Finte, um vom Gegen­spieler weg­zu­kommen.

Aber wer als Profi für einen Trick bekannt ist, wird es nicht leicht haben, diesen ständig anzu­wenden.
Ich weiß noch, wie ich im Spiel gegen den HSV auf Manni Kaltz zukam. Er rief mir schon von weitem zu: Mach ihn nicht, Hannes, mach ihn nicht.“

Und Sie haben Ihn doch gemacht.
Ich habe es immer wieder ver­sucht, meis­tens ging es auch gut.

Warum haben Sie eigent­lich nur vier Län­der­spiele gemacht?
Ich habe stets ehr­geizig auf meine Ziel hin­ge­ar­beitet, aber wenn ich das Vor­ge­nom­mene erreicht hatte, neigte ich mit­unter zur Zufrie­den­heit. 1976 hatte ich es in den DFB-Kader geschafft – ein lang­ge­hegter Traum ging in Erfül­lung. Aber es gab viele gute Spieler auf meiner Posi­tion, da hätte ich mehr beißen müssen.

Ihren größten Auf­tritt im Natio­nal­trikot hatten Sie im EM-Finale 1976 gegen die Tsche­cho­slo­wakei. Im Elf­me­ter­schießen traten Sie erfolg­reich an.
Es wollte ja kein anderer. Die gingen alle weg, als Helmut Schön sie fragte, ob jemand schießen möchte. Sogar Franz Becken­bauer lief an die Seite. Ich hatte damit kein Pro­blem, aber natür­lich wird das Tor auf dem Weg von der Mit­tel­linie zum Punkt immer kleiner. Und wenn dann der Clown auf der Linie auch noch Faxen macht, kommt man schon ins Grü­beln.

Im Gegen­satz zu Uli Hoeneß aber machten Sie Ihr Tor.
Elf­me­ter­schießen sind ein Ner­ven­spiel. Mein Elfer war halb­hoch ins Eck – auf sicher geschossen. Als Uli die Pille drüber knallte, bin ich gleich zu ihm hin, denn wir teilten wäh­rend der EM das Zimmer. Da rollten auch ein paar Tränen und wir haben später etliche Biere zusammen trinken müssen.

1984 mussten Sie Ihre Lauf­bahn als Inva­lide wegen eines Rücken­lei­dens vor­zeitig beenden. War sofort klar, dass Sie als Trainer wei­ter­ar­beiten?
Nein, ich hatte einen Band­schei­ben­vor­fall, sowas wurde damals noch ope­riert. Aller­dings riet mir Pro­fessor Hein­rich Hess in Saar­louis, ich solle die Ver­let­zung mit Phy­sio­the­rapie behan­deln. Ich hatte noch zwei Jahre Ver­trag in Kai­sers­lau­tern und die Schmerzen waren nicht ganz so extrem. Damals bekam man den B‑Schein als Bun­des­li­ga­spieler noch im Rahmen eines Wochen­end­kurses. Da ich nicht spielen konnte, hatte ich viel Zeit und ich machte da mit, weil es mir als Per­spek­tive für die Zukunft sinn­voll erschien.

Sie wurden also aus Lan­ge­weile Trainer. Aber nur ein Jahr nach Ihrem Abschied als Profi holte Sie Atze“ Fried­rich zurück nach Kai­sers­lau­tern.

Lau­tern war damals der Trainer aus­ge­fallen, Alex­sandar Ristic konnte aus irgend­einem Grund nicht kommen. Mich über­rum­pelte das Angebot, denn es kam nur zwei Monate vor Sai­son­be­ginn, ich hatte gerade in Bot­trop ein Haus gekauft, unsere zweite Tochter war auf die Welt gekommen und ich machte gerade erst die Trai­ner­li­zenz. Ich traf mich jeden Morgen am Breit­scheider Kreuz mit Her­mann Ger­land und Helmut Horsch, weil wir eine Fahr­ge­mein­schaft zur Sport­schule in Köln hatten. Meine Frau sagte: Kai­sers­lau­tern? Wie stellst Du dir das vor?“

Der Trai­nerjob ist eben kein Wunsch­kon­zert.
Also fuhr ich in der Anfangs­zeit viermal in der Woche vor­mit­tags nach Köln in die Sport­schule. Dort sprach ich mit Aus­bilder Gero Bisanz ab, dass ich mit­tags zum Trai­ning nach Kai­sers­lau­tern fahren dürfe. Die Ein­heiten legten wir extra auf den spä­te­reren Nach­mittag und wenn ich in der Pfalz fertig war, fuhr ich zuruck und lag nachts wieder in meinem Bett in Bot­trop. In einem Jahr habe ich ein neues Auto durch­ge­schruppt, so viel bin ich gefahren.

Sie waren der bis dato jüngste Trainer der Bun­des­li­ga­ge­schichte, hatten noch gar keine Lizenz, aber ließen als erster in Deutsch­land mit der Vie­rer­kette spielen.
Diese Idee hatte ich, seit wir 1982 mit dem FCK gna­denlos gegen den IFK Göte­borg ver­loren hatten. Sven Göran Eriksson hatte das Team per­fekt orga­ni­siert, sie haben uns sogar auf dem Bet­zen­berg geschlagen. So wollte ich auch spielen.

Wer war Ihre erste Vie­rer­kette?
Es war wichtig, dass man in der Innen­ver­tei­di­gung einen Schrubber und einen spiel­in­tel­li­genten Mann hatte. Michael Dusek war mein krea­tiver Mann, daneben stand Stefan Majewski, vor dem hatten alle Angst. Dazu kamen Andreas Brehme und Wolf­gang Wolf. Davor brauchte ich einen Sechser, der sehr lauf­stark war und über ein gutes Auge ver­fügte. Also holte ich 1986 Jürgen Groh zurück, der hatte eine Pfer­de­lunge. Mir war klar, dass ich mit diesem System einen Spiel­ma­cher total frei bekomme. Dann haben wir Wolfram Wuttke geholt, der diese Rolle per­fekt spielen konnte, zumin­dest so lange er in der Spur war. Gemeinsam mit Sergio Allievi wurde er zum Traum­paar.

Nur leider sind die beiden dann auch traum­haft abge­hoben.
Wuttke hat bei mir sogar den Sprung zum Natio­nal­spieler geschafft, nur leider war er bald nicht zu mehr regu­lieren.

Haben Sie sich mit Wuttke Ihr eigenes Grab in Kai­sers­lau­tern gegraben?
Das kann man so sagen. Ich habe ihn schon in der Jugend bei Schalke beob­achtet, er konnte mit dem Außen­rist härter schießen als andere mit dem Spann, aber er war eben auch einer, der die posi­tiven Erfolge nicht für sich nutzen können. Er hat ein­fach nicht mehr zuge­hört – und dann wird es schwer für einen Trainer. Ernst Happel hatte in Ham­burg auch Pro­bleme mit ihm.

Ihre erfolg­reichste Zeit als Trainer erlebten Sie dann unter Ihrem Zieh­vater Klaus Steil­mann bei Wat­ten­scheid 09.
Der Anruf kam aus hei­terem Himmel. Steil­manns Ziel war immer die in die Bun­des­liga gewesen. Mit Trainer Gerd Rog­gen­sack stand das Team 1989 kurz davor. Doch in der ent­schei­denden Phase kam der Coach und bat Steil­mann, zum Sai­son­ende gehen zu können. Da brach für ihn eine Welt zusammen. Er wollte Rog­gen­sack direkt ent­lassen, ich habe ihm davon abge­raten, doch am Ende schaffte die Mann­schaft den Auf­stieg nicht. Für mich war es ein Vor­teil, denn ich konnte mich in Ruhe über das Team infor­mieren und die Stö­ren­friede raus­nehmen. So schafften wir den Auf­stieg ein Jahr später.

Ihr größter Erfolg?
Defi­nitiv. Mit Wat­ten­scheid 09 auf­zu­steigen, das war schwerer als mit dem FC Bayern Meister zu werden.

Der Klub hatte nie große Wirt­schafts­kraft. Warum hat es für Sie in Wat­ten­scheid so gut geklappt?
Mir lag das fami­liäre Ver­eins­leben. Ich hatte mit Steil­mann zu tun und konnte ent­scheiden. In Glad­bach etwa musste ich stets die Mei­nungen eines Vor­stands und eines Auf­sichts­rats kana­li­sieren.

Hatte Steil­mann Ahnung vom Fuß­ball?
Es ging. In erster Linie war er Geschäfts­mann. Die besten Spieler hat er immer ver­kauft. Er sagte dann: Guck halt, Du fin­dest schon einen neuen.“ Aber er ließ sich oft von den Spie­lern bequat­schen. Er konnte ihnen kaum einen Wunsch abschlagen. Man­chen hat er sie sogar unter Wert ver­kauft, damit sie zu einem bes­seren Verein wech­seln konnten.

Sie haben mal gesagt, als Trainer würden Sie anstreben, ein Mit­tel­ding aus sach­li­chem Ana­ly­tiker wie Jupp Heynckes und einem Moti­va­ti­ons­künstler wie Kalli Feld­kamp zu werden. Haben Sie das geschafft?
Ich denke, mir ist es immer gelungen, Dis­zi­plin und spie­le­ri­sche Ethik zu ver­mit­teln. Manchmal wäre es viel­leicht gut gewesen, etwas härter zu sein. Aber das ist eben auch eine Frage des Natu­rells.

Im März 1994 mussten Sie nach fast fünf Jahren den Posten in Wat­ten­scheid räumen.
Wir haten vier Jahre in Folge immer die besten Spieler ver­loren: Mau­rice Banach, Thorsten Fink, Markus Schupp und­so­weiter. Als es nicht lief, wurde plötz­lich die Tochter von Steil­mann Prä­si­dentin. Sie brauchte wohl etwas Zer­streuung. Schon nach dem ersten Gespräch mit ihr um die Weih­nachts­zeit 1993 war mir klar, dass es zu Ende geht. Sie wollte den Klub mit neuen Mar­ke­ting­ideen umkrem­peln, das passte nicht. Ich bin dann eines Mor­gens zum Boss“ gegangen und habe ihm gesagt, dass mir daran gelegen sei, unsere Freund­schaft nicht aufs Spiel zu setzen, er möge sich doch bald nach einem neuen Coach umschauen.

Par­allel zum Fuß­ball waren Sie stets ein ambi­tio­nierter Traber. 1997 wurden Sie sogar deut­scher Ama­teur­meister. Wie kamen Sie zu dem Sport?
Das rührt aus meiner Schalker Zeit her. Mitte der Sieb­ziger gingen wir Don­ners­tag­abends immer in der Clique auf die Trab­renn­bahn: Klaus Fischer, Rolf Rüss­mann, Nor­bert Nigbur und ich. Am Anfang wet­teten wir einen kleinen Pott, aber irgend­wann kam der Klaus und fragte, ob wir nicht zusammen ein Pferd kaufen wollen.

Wie­viel Pferde haben Sie heute noch?
Zwi­schen­durch hatte ich sogar mal vier oder fünf. Das Trai­ning mit den Tieren war zur aktiven Lauf­bahn ein schöner Aus­gleich zum stres­sigen Pro­fi­ge­schäft. Jetzt habe ich mit einem guten Freund nur noch ein Pferd: El Con­chita“. Die Stute hat fast alles gewonnen, aber ich möchte das Pferd nicht auf Gedeih und Ver­derb aus­knaut­schen. Im Herbst nehmen wir sie aus dem Renn­be­trieb. Die hat nach so viel Erfolg das Recht, selbst zu denken. Geld ist im Trab­s­port sowieso nicht mehr zu machen.

Was ist der Unter­schied zwi­schen Fuß­bal­lern und Pferden?
Pferde sind leichter zu trai­nieren.

Warum?
Weil Pferde keine Wider­worte geben.