Hannes Bon­gartz, als Schüler waren Sie deut­scher Meister im Kunst­rad­fahren. Inwie­weit half Ihnen der Sport für Ihre Lauf­bahn als Fuß­baller?
Auf dem Rad erlernte ich die Geschick­lich­keit, die später auf dem Platz meine Hand­lungs­schnel­lig­keit erhöhte. Meine Kör­per­be­herr­schung beim Zwei­kampf, jedes Aus­wei­chen und jede Finte fiel mir leichter, wohl auch weil ich vorher auf dem Rad meine Küren gefahren war. 

Wie kamen Sie zu dieser unge­wöhn­li­chen Sportart?
Ich bin im Bonner Vorort Duis­dorf auf­ge­wachsen. Unser Dorf war für zwei Sport­arten berühmt: für Ringen und Kunst­rad­fahren. Aus unserem Ort kam das legen­däre Kunst­rad­fahrduo Mons­chau und Wein­reis, die mal Welt­meister gewesen waren. Mein Vater war Vor­sit­zender der Rad­sport­freunde. Er wünschte sich, dass mein Cousin und ich im Doppel deren Nach­folger werden.

Aber daraus wurde nichts, weil Sie den Fuß­ball mehr liebten.
Als Jugend­li­cher war ich sport­ver­rückt. Ich war jeden Tag in unserer Sport­halle, machte beim Ringen mit, bei den Kunst­rad­fah­rern, bei den Tur­nern, beim Kicken. Als ich 16 war, gingen meine beiden besten Mit­spieler aus der Fuß­ball­ab­tei­lung von Preußen Duis­dorf zum Bonner SC. Die Her­ren­mann­schaft spielte damals in der zwei­höchsten Spiel­klasse, da kamen zu man­chen Spielen bis zu 20 000 Zuschauer. Also bin ich mit­ge­gangen.

Hatten es die Späher vom SC auf Sie abge­sehen?
Über­haupt nicht, ich wollte nur mit den Kum­pels mit. Dem Bonner SC bin ich also mehr oder weniger zuge­laufen.

Wie reagierte Ihr Vater?
Der hatte schon mit­ge­kriegt, was mir der Fuß­ball bedeutet. Mein Cousin musste wegen eines Herz­feh­lers mit dem Rad­fahren auf­hören, so zer­brach unser Duo. Wegen Fuß­ball hat es bei uns zuhause nur ein ein­ziges Mal Ärger gegegen. Und warum? Es war am Tag meiner Kom­mu­nion. Wir hatten am frühen Nach­mittag ein wich­tiges Spiel. Also habe ich nach dem Mit­tags­essen kurz den Anzug gegen das Trikot getauscht und bin abge­hauen. Mein Onkel war ein­ge­weiht, der hat mich gefahren. Meinen Eltern sagte ich, dass ich kurz einen Spa­zier­gang mache. Als ich zum Kaffee wieder zurückkam, haben sich alle gewun­dert, wo ich so lang war.

Als Kunst­rad­fahrer waren Sie früh an Erfolge gewöhnt. Wie lief das beim Fuß­ball?
Im Prinzip war ich ein Spät­starter. Als ich zum Bonner SC kam, spielte ich einige Zeit in der zweiten A‑Jugend. Meine Kum­pels aus Duis­dorf ver­loren nach vier Wochen die Lust, weil sie nicht zum Ein­satz kamen, und gingen wieder zurück. Aber die Blöße wollte ich mir nicht geben. 

Sie bissen sich durch.
Fuß­ball ist immer auch Glück­sache. Viel hängt davon ab, ob der Trainer einen för­dert oder wie gut das Team ist, in dem man spielt. Als ich zur Her­ren­mann­schaft des SC kam, wurde ich wieder in die Zweite beor­dert. Ich spielte also brav in der Kreis­liga gegen Teams, die teil­weise direkt vom Früh­schoppen aufs Feld kamen. Der SC hatte statt auf die Jugend zu setzen, ein paar abge­half­terte Schalker Profis geholt, um den Auf­stieg zu erzwingen. Ein Rie­sen­fehler. Das Kon­zept ging nach hinten los, schon bald stand der Verein als Absteiger fest und alles lief aus­ein­ander. Erst da ent­schieden die Ver­ant­wort­li­chen, die jungen Leute mit ein­zu­binden, und ich kam zu meinen ersten Ein­sätzen.

Von der Kreis­liga direkt in die Regio­nal­liga West.
So war das damals. Als wir in Essen gegen Schwarz Weiß spielten, lief es für mich ganz manier­lich – und auf der Tri­büne saß Wat­ten­scheid-Mäzen Klaus Steil­mann. Er lud mich am dar­auf­fol­genden Samstag zum Gespräch ein. Sams­tag­vor­mit­tags war bei ihm immer Fuß­bal­lau­dienz.

Ein gutes Spiel reichte, damit Sie den ersten Pro­fi­ver­trag bekamen?
Steil­mann mochte kein Voll­pro­fitum, also bot er mir an, nebenbei in seiner Firma zu arbeiten. Für meinen ersten Zwei-Jahres-Ver­trag bekam ich in Wat­ten­scheid 120 Mark im Monat als Fuß­baller, zehn Pfennig pro gefah­renen Kilo­meter und ein paar Mark Sieg­prämie. Den Rest musste ich durch meinen Job als Kauf­mann bei Steil­mann erwirt­schaften.

In Wat­ten­scheid bekamen Sie Ihren Spitz­namen Spar­gel­tarzan“.
Den ver­passte mir die Bild“-Zeitung. Ich war ein schlak­siger Hänf­ling und ent­sprach über­haupt nicht dem Typus des stäm­migen Profis. Es dau­erte ein Jahr, bis ich voll­wer­tiger Stamm­spieler war, weil ich kör­per­lich noch nicht so weit war.

In der Saison 1973/74 star­teten Sie unter Trainer Kalli Feld­kamp durch. Sie erreichten das Halb­fi­nale im DFB-Pokal und schei­terten nur knapp am Bun­des­li­ga­auf­stieg.
Feld­kamp hielt die Mann­schaft an der langen Leine. Er ver­stand, wie wir Fuß­balller tickten und war sehr nah an der Mann­schaft. Und was ich beson­ders mochte: Er war nicht nach­tra­gend. Ich weiß noch, wie ich mit Rudi Klimke und Jürgen Jen­drossek mal zur Wei­ber­fast­nacht aus­büxte. Der alte Steil­mann hatte uns für einen wich­tigen Sieg ver­spro­chen, eine Sause mit ihm machen. Also haben wir ihn ein­ge­packt und sind mor­gens um acht Uhr nach Köln gefahren. Steil­mann trai­nierte bei uns damals manchmal aus Spaß mit. Wir hatten ver­ab­re­deten, nach­mit­tags zum Trai­ning zurück in Wat­ten­scheid zu sein. Aber als Feld­kamp die Mann­schaft zusam­men­holte, war der ein­zige, der recht­zeitig zurück war, der Alte. Wir waren in Köln ver­sackt.

Und Feld­kamp machte Ihnen tags drauf die Hölle heiß?
Ach was, er brummte uns Geld­strafe auf – und damit war die Sache erle­digt.

In dieser Zeit kur­sierten in den Medien bereits Wech­sel­ge­rüchte. Schalke 04 bezahlte die damals höchste Ablöse in der Geschichte des deut­schen Fuß­balls für Sie: 770 000 Mark.
Dabei waren die Schalker recht knapp bei Kasse. Aber die Schalker Fans, ange­sta­chelt durch die Presse, wollten mich unbe­dingt haben. Also hat Prä­si­dent Oscar“ Sie­bert den Anhän­gern klar gemacht, dass sie für einen Wechsel auch ihren Bei­trag zu leisten hätten. Damit das Geld locker gemacht wurde, mussten die Sta­di­on­be­su­cher auf den Steh­plätzen eine und die auf den Sitz­plätzen zwei Mark mehr bezahlen.

Die soge­nannte Bon­gartz-Mark“. Gab es Ärger mit den Fans, wenn Sie mal nicht so gut spielten?
Och nee, das hielt sich in Grenzen, aber wenn ich heute in Gel­sen­kir­chen unter­wegs bin, spre­chen mich immer noch ältere Leute an: Junge, du schul­dest mir noch zwei Mark.“