Seite 2: Bei Westangeboten ins Schwanken geraten

Mit­unter gingen mit Ihnen die Pferde durch. Beim Pokal­fi­nale gegen Mag­de­burg 1965 stand es in der 82. Minute 1:1. Weil direkt danach im Sta­dion die Frie­dens­fahrt gestartet werden sollte, durfte es keine Ver­län­ge­rung geben. Also gab der Schieds­richter einen zwei­fel­hafter Elf­meter und pfiff direkt danach ab. Was Sie nicht unkom­men­tiert ließen.
Den Scheiß­pokal könnt ihr selber behalten“, gerichtet an Schieds­richter Riedel. Ich wurde für zehn Wochen Saison-Spiel­zeit gesperrt, weil ich das Ansehen der sozia­lis­ti­schen Sport­be­we­gung geschä­digt hätte.

Ihr Ver­hältnis zum Staat war zu dieser Zeit ambi­va­lent. Sie waren auf­brau­send, mit­unter rebel­lisch. Vor allem waren Sie aber: Fuß­baller.
Mit Leib und Seele. Es ging ja auch alles so schnell in den ersten Jahren: erstes Ober­li­ga­spiel mit 19 Jahren, erstes A‑Länderspiel, dann bald schon die erste Reise mit der Natio­nal­mann­schaft nach Süd­ame­rika. Ich bin mit offenem Mund durch diese Länder gefahren. Die Welt ken­nen­lernen. In aus­ver­kauften Sta­dien vor 40 000 Leuten spielen. Und was da los war! Wenn wir aus dem Flug­hafen kamen, war­teten schon die Reporter und Foto­grafen auf uns. 
Deutsch­land war denen ein Begriff. Ob wir aus Mün­chen, Köln und Frank­furt kämen? Nein, riefen wir, wir kommen aus Leipzig, Jena und Ros­tock. Das ist Ost­deutsch­land. Aleman ori­ental!“ Das fanden die Reporter komisch. Warum wir dann nicht eine gemein­same Natio­nal­mann­schaft bilden würden, hakten sie nach. Gute Frage.

Gute Fuß­baller bekommen gute Ange­bote. Auf den Reisen ins nicht­so­zia­lis­ti­sche Aus­land wurde um Sie geworben, bis­weilen offi­ziell, bis­weilen dis­kret.
Natür­lich hatte ich mit Roland dar­über gespro­chen. Aber uns ging es ja gut. Wir hatten einen Traumjob, hatten unser Hobby zum Beruf gemacht. Das bedeu­tete nicht, nicht hin und wieder ins Schwanken zu kommen. 1962 bat mich wäh­rend eines Ban­ketts in Malmö ein Deut­scher aus Bremen vor die Tür, dort stand ein Mer­cedes. Der Mann bot mir 80 000 Mark direkt auf die Hand und sagte: Sie werden weg­ge­fahren und brau­chen sich um nichts zu küm­mern.“ Ich habe dann abge­lehnt und blieb in Jena.

Das blieb nicht die ein­zige Anfrage.
Ich bin nach der Wende mit meinem Anwalt zur Akten­ein­sicht gefahren. Und in meiner Akte fanden wir dann Post­karten und Briefe von Hertha BSC und Werder Bremen, ich hätte nach Spa­nien wech­seln können oder nach Frank­reich. Als ich damals unsere Funk­tio­näre gefragt hatte, wie­gelten die immer ab. Keine ernst­haften Anfragen, hieß es immer. 
Von wegen.

Als Sie noch als Jugend­li­cher beim SC Motor Schö­ne­beck in der Nähe von Mag­de­burg spielten, wollten Sie bereits nach Jena. Ihr Bruder war das große Vor­bild.
Roland war sieben Jahre älter als ich und spielte bereits unter Georg Buschner beim SC Motor Jena, wie der Verein damals hieß. Es war eigent­lich schon aus­ge­macht, dass ich in die Jugend­ab­tei­lung von Mag­de­burg wech­seln würde. 
Aber irgend­wann kam Buschner mit einer ganzen Armada aus Funk­tio­nären nach Schö­ne­beck und sprach bei meinen Eltern vor. Ich wusste davon gar nichts und war unter­wegs. Buschner war­tete eine Stunde lang auf mich.