Hin­weis: Dieses Inter­view erschien erst­mals in 11FREUNDE #136. Die Aus­gabe ist hier bei uns im Shop erhält­lich. 

Peter Ducke, Hans Meyer wurde einmal gefragt, ob er nicht auch einmal gerne Welt­stars vom Schlage eines Ronald­inho trai­nieren wolle. Meyers Ant­wort: Junger Mensch, ich hab’s in Jena doch gehabt, Peter Ducke!“
Das hat mich sehr gefreut. Weil er das ja nicht hätte sagen müssen. Er hätte ja auch die ganzen anderen groß­ar­tigen Spieler dieser Zeit nennen können. Lothar Kurb­ju­weit, Harald Irm­scher. Aber nein, Ducke.

Dabei hatten Sie anfangs Schwie­rig­keiten mit­ein­ander, als Meyer mit nur 29 Jahren Trainer bei Carl Zeiss Jena wurde. Man­chen Spie­lern fiel der Wechsel vom alt­ge­dienten Coach Georg Buschner, der als Natio­nal­trainer zum Ver­band wech­selte, zu Meyer leicht.
Ich hab mich zunächst schwer getan. Buschner war für mich die Respekts­person schlechthin. Und nun sprach ein Trainer, der jünger war als ich, im glei­chen Ton wie der große Meister mit mir. Da hab ich mich gefragt: Darf der das? Und wie gehe ich damit um?“

Er hat Sie auch mal gesperrt.
Ja, ich hatte mal das Trai­ning sausen lassen und war statt­dessen mit der Klasse meines Sohnes auf einen Aus­flug gefahren. Weil da eine adrette Leh­rerin mit­fuhr. (Lacht) 

Letzt­lich haben Sie sich zusam­men­ge­rauft.
Meyer war ja zuvor schon Assis­tenz­trainer bei Buschner gewesen und kannte mich. Er wusste, wie er mich zu nehmen hatte und wie er mich errei­chen konnte. Ich war ja kein ein­fa­cher Spieler.

Sie waren impulsiv, auf­brau­send, bis­weilen jäh­zornig.
Bis­weilen? 
Nein, ganz massiv. Ich war voller Emo­tionen, wenn ich auf den Platz lief. Aber das hat mich und mein Spiel aus­ge­macht. Sonst hätte ich auch draußen als Ball­holer stehen können.

Ihr Spiel hat pola­ri­siert.
Das war mir bewusst. Und ich habe das geliebt. Wenn bei Aus­wärts­spielen die Auf­stel­lung ver­lesen wurde und bei meinem Namen wild gepfiffen wurde. So ein Pfeif­kon­zert, das war Musik in meinen Ohren. In Erfurt zum Bei­spiel musste man von den Kabinen zum Spiel­feld durch die Tri­büne. Da saßen die Zuschauer links und rechts und brüllten: Peter Ducke, du Schau­spieler!“ Buschner ist dann immer hin und hat gesagt: Ihr wärt doch froh, wenn ihr einen sol­chen Schau­spieler hättet!“ Dabei hat mir das gar nichts aus­ge­macht.

Es gibt das Mey­er’­sche Wort, Sie hätten immer nur das gemacht, was Sie wollten. Das ist für einen Trainer nicht immer ein­fach.
Sicher nicht. Aber die Mann­schaft wusste, dass sie durch mich pro­fi­tiert, und hat mich des­halb auch oft geschützt. Wie oft ist mein Bruder Roland wäh­rend des Spiels ange­kommen, wenn ich mich mal wieder mit dem Schieds­richter ange­legt hatte, hat mich weg­ge­zogen und ange­schnauzt: Jetzt ver­schwinde hier!“

Die Gegner boten gegen Sie die här­testen Kaliber auf. Das spornte Sie aller­dings eher noch an.
Da waren ein paar harte Jungs dabei. Alois Glau­bitz aus Zwi­ckau, der Mag­de­burger Man­fred Zapf, unser Michael Strempel in Jena war auch hart im Nehmen. Manche folgten mir auf Schritt und Tritt, schon wenn wir auf den Platz gingen. 
Wich ich nach links oder rechts aus, kamen sie gleich hin­terher. Und wenn mich mal wieder einer umge­hauen hatte, habe ich schon mal gesagt: Jetzt triff doch wenigs­tens einmal den Ball!“

Mit­unter gingen mit Ihnen die Pferde durch. Beim Pokal­fi­nale gegen Mag­de­burg 1965 stand es in der 82. Minute 1:1. Weil direkt danach im Sta­dion die Frie­dens­fahrt gestartet werden sollte, durfte es keine Ver­län­ge­rung geben. Also gab der Schieds­richter einen zwei­fel­hafter Elf­meter und pfiff direkt danach ab. Was Sie nicht unkom­men­tiert ließen.
Den Scheiß­pokal könnt ihr selber behalten“, gerichtet an Schieds­richter Riedel. Ich wurde für zehn Wochen Saison-Spiel­zeit gesperrt, weil ich das Ansehen der sozia­lis­ti­schen Sport­be­we­gung geschä­digt hätte.

Ihr Ver­hältnis zum Staat war zu dieser Zeit ambi­va­lent. Sie waren auf­brau­send, mit­unter rebel­lisch. Vor allem waren Sie aber: Fuß­baller.
Mit Leib und Seele. Es ging ja auch alles so schnell in den ersten Jahren: erstes Ober­li­ga­spiel mit 19 Jahren, erstes A‑Länderspiel, dann bald schon die erste Reise mit der Natio­nal­mann­schaft nach Süd­ame­rika. Ich bin mit offenem Mund durch diese Länder gefahren. Die Welt ken­nen­lernen. In aus­ver­kauften Sta­dien vor 40 000 Leuten spielen. Und was da los war! Wenn wir aus dem Flug­hafen kamen, war­teten schon die Reporter und Foto­grafen auf uns. 
Deutsch­land war denen ein Begriff. Ob wir aus Mün­chen, Köln und Frank­furt kämen? Nein, riefen wir, wir kommen aus Leipzig, Jena und Ros­tock. Das ist Ost­deutsch­land. Aleman ori­ental!“ Das fanden die Reporter komisch. Warum wir dann nicht eine gemein­same Natio­nal­mann­schaft bilden würden, hakten sie nach. Gute Frage.

Gute Fuß­baller bekommen gute Ange­bote. Auf den Reisen ins nicht­so­zia­lis­ti­sche Aus­land wurde um Sie geworben, bis­weilen offi­ziell, bis­weilen dis­kret.
Natür­lich hatte ich mit Roland dar­über gespro­chen. Aber uns ging es ja gut. Wir hatten einen Traumjob, hatten unser Hobby zum Beruf gemacht. Das bedeu­tete nicht, nicht hin und wieder ins Schwanken zu kommen. 1962 bat mich wäh­rend eines Ban­ketts in Malmö ein Deut­scher aus Bremen vor die Tür, dort stand ein Mer­cedes. Der Mann bot mir 80 000 Mark direkt auf die Hand und sagte: Sie werden weg­ge­fahren und brau­chen sich um nichts zu küm­mern.“ Ich habe dann abge­lehnt und blieb in Jena.

Das blieb nicht die ein­zige Anfrage.
Ich bin nach der Wende mit meinem Anwalt zur Akten­ein­sicht gefahren. Und in meiner Akte fanden wir dann Post­karten und Briefe von Hertha BSC und Werder Bremen, ich hätte nach Spa­nien wech­seln können oder nach Frank­reich. Als ich damals unsere Funk­tio­näre gefragt hatte, wie­gelten die immer ab. Keine ernst­haften Anfragen, hieß es immer. 
Von wegen.

Als Sie noch als Jugend­li­cher beim SC Motor Schö­ne­beck in der Nähe von Mag­de­burg spielten, wollten Sie bereits nach Jena. Ihr Bruder war das große Vor­bild.
Roland war sieben Jahre älter als ich und spielte bereits unter Georg Buschner beim SC Motor Jena, wie der Verein damals hieß. Es war eigent­lich schon aus­ge­macht, dass ich in die Jugend­ab­tei­lung von Mag­de­burg wech­seln würde. 
Aber irgend­wann kam Buschner mit einer ganzen Armada aus Funk­tio­nären nach Schö­ne­beck und sprach bei meinen Eltern vor. Ich wusste davon gar nichts und war unter­wegs. Buschner war­tete eine Stunde lang auf mich.

Ihr erster Ein­druck von Buschner?
Eine ein­drucks­volle Figur. Er war ja Sport­wis­sen­schaftler am Institut für Kör­per­er­zie­hung und ließ in Jena nach den neu­esten Erkennt­nissen trai­nieren. Kein ein­falls­loses Kraft­trai­ning, son­dern Akzente auf Beweg­lich­keit und Schnel­lig­keit, mit Gym­nastik und Akro­batik. Wich­tiger aber war seine Per­sön­lich­keit, seine Aus­strah­lung. Wenn Buschner sprach und seine Gedanken mit großen Gesten unter­mau­erte, dann hörten alle zu. Er war ein großer Rhe­to­riker, ein bril­lanter Denker.

Und er formte eine Mann­schaft, die den DDR-Fuß­ball der sech­ziger Jahre prägte.
Ohne Buschner hätte es die großen Erfolge in Jena schlichtweg nicht gegeben. Wir wurden 1960 gleich FDGB-Pokal­sieger und dann 1963 Meister. Und wir spielten einen tech­nisch beschla­genen, ath­le­ti­schen, schnellen, schön anzu­se­henden Fuß­ball.

Zwei schwere Ver­let­zungen bestimmten den Ver­lauf Ihrer Kar­riere maß­geb­lich. Die erste, zuge­zogen 1966 in Mexiko in einem Freund­schafts­spiel gegen Sparta Prag, durch einen üblen Tritt des Ver­tei­di­gers Jiri Tichy.
Ich war los­ge­laufen, hatte einige Gegner aus­ge­spielt und wollte gerade abziehen, da kam Tichy her­an­ge­eilt und ging mit gestrecktem Bein rein. Schien- und Waden­bein gebro­chen. Aus dem mexi­ka­ni­schen Kran­ken­haus wurde ich dann bald über­führt, schon weil die nötigen Devisen fehlten. Das Bein war ein­fach zusam­men­ge­bunden worden, alles wuchs falsch zusammen.

In Thomas Striddes ver­dienst­voller Bio­grafie Die Peter-Ducke- Story“ wird die Reha­bi­li­ta­tion als lange Lei­dens­zeit beschrieben.
Das war sie auch. Ich wurde noch einmal ope­riert. Dann wurde trai­niert. Die Mus­ku­latur musste auf­ge­baut werden. Die Bewe­gungs­ab­läufe mussten wieder rund werden. Nach vier­zehn Monaten stand ich das erste Mal wieder auf dem Rasen und hab zunächst in der Reser­ve­mann­schaft gespielt. Ich brannte vor Ehr­geiz und wollte mich unbe­dingt wieder her­an­kämpfen.

Wurden Sie jemals wieder der Alte?
Schwer zu sagen. Die Erfolge der Jahre danach spre­chen eher dafür. Die Meis­ter­schaften, die Wahl zum Fuß­baller des Jahres 1971, der dritte Platz bei Olympia.

Aber Ihr legen­därer Antritt! Hans Meyer sagt, was Sie durch die mexi­ka­ni­sche Ver­let­zung ein­ge­büßt hätten, sei nur des­halb nicht auf­ge­fallen, weil Sie quasi hin­kend noch besser gewesen seien als die meisten anderen.
Wer wollte ihm da wider­spre­chen?

Als die DDR-Natio­nalelf 1974 end­lich zu einem großen Tur­nier fahren durfte, waren Sie nur Ein­wech­sel­spieler. Wieder eine Ver­let­zung.
Ich hatte mich im Februar im Spiel gegen den BFC Dynamo ver­letzt, Tor­hüter Creydt war auf mein Knie gefallen, Meniskus- und Innen­band­schaden. Danach hatte ich mich wieder her­an­ge­ar­beitet, die eigent­liche Ope­ra­tion sollte nach der WM statt­finden. Ich wollte unbe­dingt spielen und saß dann beim Spiel gegen West­deutsch­land in Ham­burg draußen. Statt­dessen ließ Buschner Spar­wasser spielen, der dann auch noch das Siegtor schoss, wäh­rend ich mich draußen warm lief. Obwohl Busch­ners Taktik auf­ge­gangen war, habe ich mich benach­tei­ligt gefühlt.

Haben Sie Buschner später noch einmal darauf ange­spro­chen?
Ja, sicher. Er hat mir gesagt, er habe mich immer auf der Rech­nung gehabt. Aber auch in den anderen Spielen bin ich ja nur ein­ge­wech­selt worden. Das waren schwere Tage.

Zurück in die sech­ziger Jahre nach Jena. Als Fuß­baller müssen Sie in der nicht über­mäßig großen Stadt echte Stars gewesen sein.
In der ersten Zeit arbei­teten wir jungen Fuß­baller vor­mit­tags im Zeiss-Werk und trai­nierten nach­mit­tags. Wenn wir am Wochen­ende gewonnen hatten, drän­gelten sich die jungen Arbeiter am Montag um unsere Werk­bank und wir mussten erzählen. Wir haben die vom Arbeiten abge­halten. Bis es dem Meister zu bunt wurde und er uns aus­ein­an­der­trieb. Später wurden wir frei­ge­stellt und haben von mor­gens bis abends trai­niert.

Noch ein Wort von Hans Meyer. Der war sich sicher: In Jena ist alles über­schaubar. Wenn da einer gesoffen hat, wusste ich das am nächsten Tag!“
Das war so. Es wusste ja auch jeder, wo wir hin­gingen. Wir trafen uns immer im Schwarzen Bären“, zu Weih­nachts­feiern, Partys, an Sil­vester oder ein­fach nur so. Wenn wir rein­kamen, kamen gleich die Kellner und fragten, was wir gerne hätten, ein Bier­chen oder erst mal einen Kaffee? Rührei oder Kar­tof­feln? 
Wir sind da aber nie auf allen Vieren raus­ge­kro­chen. Wenn wir richtig was trinken wollten, sind wir nach Rudol­stadt gefahren. 

Sie waren nie unbe­ob­achtet. Weder von der Öffent­lich­keit noch vom Staat. Die nach der Wende ver­öf­fent­lichten Akten geben davon ein ein­drucks­volles Zeugnis.
Die Kellner wurden natür­lich hin­terher befragt: Was hat der Ducke denn so gemacht und gesagt? 
Aber das waren die Bedin­gungen, unter denen wir damals lebten und mit denen wir uns zu arran­gieren hatten. Wenn wir mit Jena oder der Natio­nalelf unter­wegs waren, waren immer aus­rei­chend Funk­tio­näre dabei, die auf­passten. Erfah­rene, durchaus ange­nehme Leute vom DFV, vom Fuß­ball­ver­band. Dass da der eine oder andere Berichte schrieb, konnte man sich denken. Aber sie inter­es­sierten uns nicht, wir wollten ja vor allem Fuß­ball spielen. Einer sagte mir später: Wir hatten immer eine Auge auf dich. Du wärst nicht weit gekommen. Du warst immer abge­si­chert.“ Ande­rer­seits lag es ja auch im Inter­esse des Staates, dass wir reisten und reprä­sen­tierten, als sport­liche Bot­schafter.

So durch­schaubar und banal die Motive waren, so irra­tional gebär­dete sich der Staat bei der Abwehr ver­meint­li­cher Repu­blik­feinde. Sie wurden Anfang 1980 wegen einer Peti­tesse in die Pro­vinz ver­bannt.
Wegen einer Auto­fahrt im Citroën. Ich arbei­tete zu diesem Zeit­punkt als Jugend­trainer beim FC Carl Zeiss und musste mor­gens früh zum Trai­ning. Weil ich zu diesem Zeit­punkt kein Auto hatte und gerade ein Cousin meiner Frau aus dem Westen zu Besuch war, nahm ich dessen Auto, einen Citroën. Sofort hieß es: Klas­sen­feind in der Woh­nung. Ich wurde aus dem Klub aus­ge­schlossen und in den Land­kreis ver­bannt, als Stütz­punkt­trainer in Kahla und Eisen­berg. 

Ein Abstell­gleis.
So emp­fand ich das. All das, was ich mir auf­ge­baut hatte und was mit dem Namen Peter Ducke“ ver­bunden wurde, sollte plötz­lich nichts mehr wert sein. Ich bin dann aller­dings recht bald Sport­lehrer geworden, im Neu­bau­ge­biet Lobeda, und es bis zum Vor­ru­he­stand 2005 geblieben.

Mit­ten­drin die Wende, eine wirk­liche Zäsur. Eine neue Welt, in der sich jeder zurecht­finden musste.
Schwierig war das, für uns alle. Weil jeder sich fragen musste, was kann ich mit rüber­nehmen in die neue Zeit? Was zählt über­haupt noch von dem, was du geleistet hast? Rück­bli­ckend auf die letzten zwanzig Jahre kann ich sagen, dass ich das alles ganz gut hin­be­kommen habe.

Und dann plötz­lich große Auf­re­gung. Sie sollten als IM Jens Bensen“ für die Staats­si­cher­heit aktiv gewesen sein.
Ein per­fider Name, zusam­men­ge­setzt aus dem Namen meines Sohnes und meinem Geburtsort Bensen. Als das publik wurde, gab es Schlag­zeilen. 
Peter Ducke bei der Stasi! Ich dachte, ich bin im fal­schen Film. Dabei exis­tierte über­haupt keine Ver­pflich­tungs­er­klä­rung. Ich habe erst später nach­weisen können, dass ich abge­schöpft worden bin. Wie viele andere in gesell­schaft­lich her­aus­ge­ho­benen Stel­lungen auch.

Sie haben maß­geb­lich die erfolg­reichste Ära des Klubs geprägt. Andern­orts wäre eine Person wie Sie in die Ver­eins­ar­beit ein­ge­bunden. Ihr Ver­hältnis zum FC Carl Zeiss?
Ist wech­sel­haft. Ich bin selten bei den Spielen, wie viele andere alte Spieler auch. Und wenn ich im Sta­dion bin, habe ich den Ein­druck, dass die vom Verein nur miss­trau­isch fragen: Was hat denn der Ducke jetzt schon wieder vor?“

Und was hat der Ducke jetzt so vor?
Schönen Fuß­ball schauen. 
Neu­lich war ich in Bar­ce­lona, im Camp Nou, und habe Lionel Messi gesehen. Fas­zi­nie­rend, wie er das Spiel an sich reißt, die Bälle ver­teilt. Fas­zi­nie­rend aber auch, wie seine Mit­spieler ihn schützen und abschirmen. Ein biss­chen hat mich das an früher erin­nert.