Erschöpft, aber glück­lich schlurften Thiago und Rafinha an diesem Abend im Dezember 2011 durch die Kata­komben des Camp Nou. Ihre ver­schwitzten Tri­kots hatten sie gegen sau­bere T‑Shirts ein­ge­tauscht, die Füße steckten in Bade­lat­schen. Im Keller des rie­sigen Sta­dions war­teten die Jour­na­listen, so wie sie es nach jedem Spiel des FC Bar­ce­lona tun. Barça hatte gerade ein unbe­deu­tendes Spiel zum Abschluss der Grup­pen­phase in der Cham­pions League mit 4:0 gegen Bate Borissow gewonnen. Aber das inter­es­sierte nur am Rande. An diesem Abend galt die allei­nige Auf­merk­sam­keit Thiago und Rafinha. Es war das erste Mal seit Frank und Ronald de Boer, dass wieder ein Brü­der­paar gemeinsam für den FC Bar­ce­lona auf­liefen. Thiago, damals 20 Jahre alt, und Rafinha, 18. Beide aus der ver­eins­ei­genen Talen­te­schmiede La Masia. Beide ein Ver­spre­chen für kom­mende Jahre.

Viel­leicht wusste Thiago schon 2011, dass seine Zukunft nicht in Bar­ce­lona liegen würde
 
Ob das heute schon der Beginn der Zukunft gewesen sei, wollte ein Reporter wissen. Ich hoffe es. Irgend­wann will ich hier gemeinsam mit meinem Bruder glänzen“, ant­wor­tete Rafinha. Seine Stimme über­schlug sich bei­nahe vor Euphorie. Thiago stand daneben – und sagte nichts. Viel­leicht ahnte er bereits damals, dass sein Glück als Fuß­baller nicht in Bar­ce­lona liegen würde.

Seit dem späten Sonn­tag­abend ist diese Ver­mu­tung Gewiss­heit. Thiago wird in der kom­menden Saison für den FC Bayern Mün­chen spielen. Ins­ge­samt betragen die Kosten für den Wechsel 25 Mil­lionen Euro. Ein Schnäpp­chen, wenn man bedenkt, dass Thiagos fest­ge­schrie­bene Ablö­se­summe einmal bei 90 Mil­lionen Euro stand. Doch weil er in der ver­gan­genen Saison nicht auf min­des­tens 60 Pro­zent an Ein­satz­mi­nuten kam, war er bil­liger zu haben. Eine Klausel, die auf Thiagos Berater zurück­zu­führen ist. Pere Guar­diola, dem Bruder des neuen Bayern-Trai­ners Pep Guar­diola.

Thiago oder nix“, hatte Pep Guar­diola am Don­nerstag gefor­dert. Vier Tage später lan­dete der Spieler bereits in Mün­chen, am heu­tigen Dienstag soll er offi­ziell vor­ge­stellt werden. In Bar­ce­lona hatten sich die Ver­ant­wort­lich seit Mai damit abge­funden, dass Thiago geht. Die Frage war nur, wohin. Real Madrid war inter­es­siert und Thiago konnte sich sogar vor­stellen, zum Erz­ri­valen zu wech­seln. Einen grö­ßeren Affront kann man sich in Bar­ce­lona nicht vor­stellen. Es war nur ein kurzer Flirt, aber er zeigte, dass Thiago emo­tional abge­schlossen hatte mit dem Klub, der ihn seit seinem 14. Lebens­jahr unter Ver­trag hatte. Als Reals Inter­esse abkühlte, trat Man­chester United auf den Plan. Aber der Klub aus der Pre­mier League hatte beim Werben gegen Guar­diola und dessen FC Bayern keine Chance. Thiago wollte unbe­dingt zu dem Mann, unter dem er in Bar­ce­lona in die erste Mann­schaft gelangte. Guar­diola oder nix!“ Für Thiago war das schnell klar.

Unter Guar­diolas Nach­folger Tito Vil­a­nova hatte er längst nicht die gleiche Wert­schät­zung erhalten. Es schien so, dass Vil­a­nova in Thiago nicht unbe­dingt den Nach­kommen von Xavi in Bar­ce­lonas Mit­tel­feld sah, woran der Spieler nicht ganz schuldlos war. Thiago zeigte seine besten Spiele im Barça-Trikot, wenn er gemeinsam mit Xavi und Andres Iniesta auf dem Platz stand. Ohne die beiden erfah­renen Mit­tel­feld­lenker wirkte er oft hek­tisch und fiel in alte Ver­hal­tens­muster zurück.

Als Thiago im Alter von 14 Jahren in Kata­lo­nien ankam, war sein Talent unüber­sehbar. Er hatte für das typi­sche Spiel des FC Bar­ce­lona nur einen Makel: Thiago, der älteste Sohn des bra­si­lia­ni­schen Welt­meis­ters Mazinho und der Vol­ley­ball­spie­lerin Valeria Alcan­tara, wollte sich nicht vom Ball trennen. Er war ein Schön­geist, einer, der den Ball gern auch mal mit der Hacke spielte und den ris­kanten Pass bevor­zugte. Thiago war der Gegen­ent­wurf zu seinem Vater, einem phy­sisch starken, defensiv ori­en­tierten Mit­tel­feld­spieler, der Mitte der Neun­ziger durch Ita­lien, Bra­si­lien und Spa­nien tin­gelte und 1994 mit der Seleçao in den USA Welt­meister wurde. Vor Thiago hatten Bar­ce­lonas Jugend­trainer dieses Pro­blem bei einem anderen talen­tierten Jugend­spieler relativ pro­blemlos in den Griff bekommen: Lionel Messi passte sich schnell den neuen Anfor­de­rungen an, bei Thiago aber sollte dieser Pro­zess zäher ver­laufen. Vater Mazinho war trotzdem restlos von den Fähig­keiten seines Sohnes über­zeugt. Er gab seine Fuß­ball­schule in Bra­si­lien auf und zog mit Thiago und Rafinha nach Bar­ce­lona. Hier wähnte er die best­mög­liche Aus­bil­dung für seine Söhne.

Beide durch­liefen anschlie­ßend erfolg­reich alle Jugend­mann­schaften des FC Bar­ce­lona, aber im Gegen­satz zu Rafinha hat Thiago etwas, das man nur schwer lernen kann: Füh­rungs­qua­li­täten. Schön­geist hin oder her: Thiago ist ein gebo­rener Leader. Die spa­ni­sche U21-Aus­wahl führte er vor wenigen Wochen als Kapitän zum EM-Titel. Beim 4:2‑Sieg im Finale gegen Ita­lien erzielt er drei Tore.

Der Ball gehört bei Barça nur Messi

In Bar­ce­lonas team­in­terner Hier­ar­chie fand er sich dagegen unter­halb der Wahr­neh­mung wieder. Nichts Unge­wöhn­li­ches für einen 22-Jäh­rigen, aber Thiago schien zuletzt nicht mehr warten zu können. Nicht mehr warten zu wollen. Erschwe­rend kam hinzu, dass sein Ver­hältnis zu Lionel Messi nicht das Beste gewesen sein soll. Thiagos zeit­weise noch durch­schim­mernde Ball­ver­liebt­heit stieß dem Argen­ti­nier offenbar zuneh­mend auf. Der Ball gehört bei Barça dem vier­fa­chen Welt­fuß­baller. Außer­halb des Platzes unter­nehmen Bar­ce­lonas Spieler viel gemeinsam, es gibt ver­schie­dene Cli­quen, die für Pro­fi­fuß­baller unge­wöhn­lich oft Zeit mit­ein­ander ver­bringen. Thiago gehörte keiner Gruppe an. Er war auch nicht dabei, als Xavi am ver­gan­genen Wochen­ende Hoch­zeit fei­erte und einen Groß­teil des Teams dazu einlud.

Auch beim FC Bayern wird Thiago nicht auf Anhieb eine Füh­rungs­rolle zuge­dacht bekommen. Aber im Ver­gleich zum FC Bar­ce­lona kann er sich in Mün­chen der bedin­gungs­losen Unter­stüt­zung seines Trai­ners sicher sein. Guar­diola baut auf Thiago, weil der viel­seitig ein­setzbar ist und – anders als einige Bayern-Spieler – Guar­diolas System bereits ver­in­ner­licht hat. Wir brau­chen Thiagos Qua­li­täten im Mit­tel­feld“, erklärte Guar­diola unlängst.

Man kann diese Aus­sage als Miss­trau­ens­votum gegen die schon vor­han­denen Spieler im Bayern-Kader ver­stehen. Oder, aus Sicht Thiagos, als großes Kom­pli­ment. Solche Lob­hu­de­leien hat er in Bar­ce­lona schon lange nicht mehr bekommen. Zuletzt vor gut einem Jahr. Als Barças Trainer noch Pep Guar­diola hieß.