Seite 2: „In den ersten Wochen duschte er mit Badehose“

Jürgen Schröder ist tat­säch­lich sofort dabei. Und er findet das ganz schön ver­rückt, schließ­lich sei erst vor kurzem ein Fil­me­ma­cher in Neu­bran­den­burg gewesen, der eine Doku­men­ta­tion über Cherif machen wollte. Es gab aller­dings kein Bewegt­bild mehr, wes­wegen das Pro­jekt bald wieder beer­digt wurde.

An einem Dienstag Ende Juli erscheint Schröder zu einem Treffen am Neu­bran­den­burger Markt­platz. Er hat etliche Foto­alben und Zei­tungs­aus­schnitte aus den frühen Sech­zi­gern mit­ge­bracht, außerdem zwei wei­tere Mit­spieler von damals: Peter Krabbe und Harry Mehr­wald. Die drei Herren sind mitt­ler­weile um die 70, aber gut in Form und ein­ge­spielt wie damals: der auf­ge­kratzte Krabbe, der ein­fach mal drauf los­spricht. Der elo­quente Schröder, der das Gesagte ein­ordnet. Und der zurück­hal­tende Mehr­wald, der nickt und die Punkte setzt. Pelé war ein feiner Kerl“, sagt Krabbe zu Beginn und berichtet von tollen Taten und noch tol­leren Toren. Schröder sagt: Der hätte auch in der Ober­liga spielen können.“ Und Mehr­wald ergänzt still: Wirk­lich. n guter Junge!“

In den ersten Wochen duschte er mit Bade­hose“

Gut Deutsch konnte Cherif schon am Tag ihres Ken­nen­ler­nens, denn er hatte zuvor einen Sprach­kurs in der Nähe von Dresden gemacht. Trotzdem sei ihm das Leben in Deutsch­land anfangs fremd gewesen. Er trank keinen Alkohol, ernährte sich vege­ta­risch und hörte ganz andere Musik. Die Frauen begrüßte er mit Madame, was ihnen gefiel. Schröder, der als Lehrer arbei­tete, nannte er Pro­fessor. In den ersten Wochen duschte er mit Bade­hose“, sagt Mehr­wald. Bis wir ihm sagten, dass er sie ruhig aus­ziehen kann.“

Sie berichten von ihrem ersten Treffen in der Turn­halle. Mit so einem, dachten sie, könnten sie viel­leicht in die Ober­liga auf­steigen. Also haben wir sofort Trainer Gott­fried Eisler Bescheid gesagt“, sagt Krabbe. Und auch Eisler soll begeis­tert gewesen sein.

Dann legen sie Zei­tungs­aus­schnitte und Bilder auf den Tisch. In einem Artikel aus der Fuß­ball­woche“ erfährt man, dass Sou­ley­manes Vater eine Bana­nen­plan­tage in West­afrika besaß: Er musste schwer arbeiten, um von seinem kleinen Gewinn, den ihm die fran­zö­si­sche Koope­ra­tion zuer­kannte, die acht­köp­fige Familie zu ernähren.“ Auf den Por­trät­fotos blickt der junge Cherif mit wachen Augen in die Kamera, auf den Spiel­fotos erkennt man einen kräf­tigen jungen Mann, mas­sive Beine, den Ober­körper oft nach vorne gebeugt, stets bereit für den nächsten wuch­tigen Schuss. 1,75 Meter, 75 Kilo schwer war er, so steht es in einem Steck­brief.

Fuß­ball­spielen lernte er mit einer Zitrone

Guck mal hier“, sagt Krabbe und legt ein Foto auf den Tisch. Das Bild hat sonst nie­mand. Eine echte Rarität.“ Es zeigt Cherif auf einer stark ver­schneiten Straße in Hen­nigs­dorf in der Ober­havel. Wenige Minuten später bestritt der Stürmer, gerade 18 Jahre alt, sein erstes Freund­schafts­spiel für den SCN, mit Hand­schuhen und drei T‑Shirts unterm Trikot. Aber er konnte sich schnell anpassen“, sagt Krabbe. Hat mal erzählt, dass er das Fuß­ball­spielen mit einer Zitrone gelernt hat.“

Einmal, so sagen sie, schwebte er waa­ge­recht durch den Straf­raum und schoss den Ball im Flug per Hacke ins Tor. Ein anderes Mal, gegen BSG Stahl Eisen­hüt­ten­stadt, trickste er den Tor­hüter beim Elf­meter aus. Er legte sich den Ball auf den Punkt und ging zwei Meter zurück. Danach machte er wieder zwei Schritte nach vorne, und es sah so aus, als wollte er sich den Ball noch einmal zurecht­legen. Im Run­ter­beugen aber schoss er ihn mit der Picke seines Stand­beins ins Tor. Wahn­sinn“, jubelt Krabbe. Das beste Tor des Jahr­zehnts!“