Die Rol­len­ver­tei­lung vor dem Derby war klar: Auf der einen Seite die braven, tap­feren Schalker, denen böse Mächte – allen voran die Borussen – nur aus Neid und Miss­gunst die Meis­ter­schaft ver­saut haben. Und anschlie­ßend haben sich die bösen, bösen, bösen Dort­munder auch noch dar­über gefreut, dass der äußerst red­liche Her­zens­wunsch der Blauen – den BVB in die zweite Liga schießen und gleich­zeitig Meister werden – nicht in Erfül­lung ging. Nein, die Dort­munder spuckten den Mannen aus der Emscher­zone mit Her­zens­lust und voller Genug­tuung in die Suppe. Ein schier unglaub­li­cher Vor­gang, der die schlichten Gel­sen­kir­chener Gemüter stark erhitzte und Rache­ge­lüste wachsen ließ.

Es musste also ein großer Frie­dens­schluss her, um die braven Gel­sen­kir­chener vor den blut­rüns­tigen Horden aus der Metro­pole zu schützen. Der West­fä­li­sche Friede“ wurde neu auf­ge­legt, die Ver­treter kro­chen brav zu Kreuze und übten sich in Demut.
Warum eigent­lich? Was haben sich die Dort­munder vor­zu­werfen? Was hat sich über­haupt irgend­je­mand vor­zu­werfen? Natür­lich gab es in nahezu jedem der ver­gan­genen Derbys irgend­welche ver­balen und non­ver­balen Ent­glei­sungen. Und sicher­lich ist es nicht gerade dees­ka­lie­rend, wenn im West­fa­len­sta­dion Am Tag, als der FC Sch**** starb…“ oder über die Lein­wand Witze über Zecken“ gemacht werden. Ebenso sind flie­gende Becher keine Freude für die Getrof­fenen.

Aber im End­ef­fekt bleibt doch stehen: Es ist ein Derby, da geht es hoch her und es kann auch mal heißer werden als bei nor­malen“ Spielen. Ande­rer­seits sind wir auch Licht­jahre von den Zuständen der 80er Jahre ent­fernt und werden diese wohl auch nie wieder errei­chen. Trotzdem dieses rie­sige Bohai um das dies­jäh­rige Derby. Von den Medien sind wir es nicht anders gewohnt, da wird vor dem Derby tüchtig ange­heizt, Stim­mung gemacht, um dann später live und in Farbe die Bilder zu senden, die wir – liebe Zuschauer – lieber nicht senden würden.“ Dar­über kann man ja inzwi­schen fast schon wieder lachen, sollte doch jedem auf­ge­klärten Zuschauer klar sein, wel­ches Spiel hier gespielt wird.

Warum aber vor allem unser Verein vor dem Derby so klein­laut war, sich so wenig wehrte und zu keiner Zeit vor die eigenen Fans und Spieler stellte, ist wohl nicht nur uns unklar. Da werden von GE-Seite die Spieler Kehl und Wei­den­feller öffent­lich gebrand­markt, beschimpft und von Dort­munder Seite null Reak­tion. Kein Wort davon, dass das hier ein Derby sei und die Schla­cker sich bitte an die eigene Nase fassen sollten, die sie hoch­er­hoben vor dem Derby noch über die B1 tragen wollten.

Erschre­ckend wie rück­gratlos man sich bereit­willig in die zuge­scho­bene Täter­rolle fügte und sowohl Pres­se­ar­tikel, als auch das Geheule der Blauen größ­ten­teils unkom­men­tiert ließ – egal wie lächer­lich die Vor­würfe waren. Die Gel­sen­kir­chener wie­derum durften sich einer mit­lei­digen Presse erfreuen und sich unter dem Deck­män­tel­chen einer Fly­er­ak­tion (wo waren die freund­li­chen Worte Rich­tung Dort­mund eigent­lich auf Ihrer Jah­res­haupt­ver­samm­lung, Herr Schnu­sen­berg?) in die not­wen­dige Der­by­stim­mung bringen. Der­by­stim­mung? Auf Dort­munder Seite totale Fehl­an­zeige. Man wurde nicht müde den Blauen Respekt zu bekunden und Demut zu prak­ti­zieren. Das Ergebnis durfte man mit fas­sungs­losem Ent­setzen am Samstag bestaunen. Eine Mann­schaft, die als per­so­ni­fi­zierte Demut auf­lief und sich schick­sals­er­geben aus der Halle schießen ließ. Dabei hatte sie vor wenigen Wochen erst gezeigt, was mit der not­wen­digen Der­by­ag­gres­si­vität mög­lich ist.

Aller­dings sollten wir Fans in diesem Punkt auch selbst­kri­tisch sein und uns fragen, ob wir selbst aus­rei­chend auf­ge­pusht“ waren. Die all­ge­meine Grund­stim­mung war eine ganz andere als noch vor 3 Monaten. Natür­lich war es ein abso­lutes High­light und eine mör­de­risch gute Party, aber oft­mals hatte man das Gefühl, als hätte man den 12.05. bereit­willig als Pla­cebo genommen, weil man ins­ge­heim einen der­ar­tigen Spiel­ver­lauf erwartet und sogar akzep­tiert hat. Sicher­lich hatte das Duis­burg­spiel nicht gerade Hoff­nungen gemacht, aber das war DAS Derby. Ein Spiel, in dem alles anders ist. Wie oft standen wir in der jün­geren Ver­gan­gen­heit als Meis­ter­schafts­mit­fa­vorit auf dem Platz und mussten uns den­noch im Derby geschlagen geben? Es gab eigent­lich keinen Grund für vor­zei­tige Kapi­tu­la­tion.

Ver­eins­of­fi­zi­elle, Mann­schaft und Fans haben fast durch die Bank schon weit vor dem Anpfiff die weiße Flagge gehisst und das Derby leicht­fertig her­ge­schenkt. Dabei hätte es gerade unsere Auf­gabe als Fan sein müssen, dem Derby das not­wen­dige Feuer zu ver­leihen, wenn man auf offi­zi­eller Seite nach völlig über­zo­genen Vor­würfen ein­knickt wie ein Streich­holz, statt Stolz über einen lei­den­schaft­lich und gemeinsam erkämpften Der­by­sieg zu prä­sen­tieren.

Der BVB verlor am Samstag saft- und kraftlos, vor allem aber ohne jeg­liche Aggres­si­vität, und genau das ist es, was einen Der­by­sieger bei­nahe jedes Mal aus­zeichnet. Die Vor­be­rei­tung auf dieses Spiel ließ schon jeg­liche aggres­sive Grund­stim­mung ver­missen, statt­dessen wurde mit dem Gegner geku­schelt, Tor­wart Wei­den­feller ver­stieg sich gar in die Behaup­tung, für die Fans sei das ein Fuß­ball­fest. Hallo? Für welche Fans? Für die des BVB und des S04? Für die ist es mit über­wäl­ti­gender Mehr­heit DAS DERBY, mehr als ein schnödes Fuß­ball­fest. Im Gegen­teil. Das Derby hat nichts mit Fest­stim­mung zu tun.

Kein Spiel berührt das echte Leben außer­halb des Fuß­balls so, wie es das Derby vermag. Feste, das mögen Spiele zwi­schen Bayern Mün­chen und Real Madrid sein – Derbys sind etwas Beson­deres und müssen auch so gespielt und ange­nommen werden. Im Rück­spiel haben wir wieder die Gele­gen­heit dazu. Schluss mit der Demut, Schluss mit der Unter­wür­fig­keit. Da muss das Der­by­feuer wieder bei allen lodern, statt nur auf Spar­flamme zu glimmen.