Mar­cel­inho, 2002 waren Sie ein Star in Berlin und ein Top­spieler der Bun­des­liga. Doch wäh­rend Bra­si­lien Welt­meister wurde, saßen Sie nur auf der Couch.
Felipe Sco­lari hatte mir ver­spro­chen, mich nach Japan und Süd­korea mit­zu­nehmen. Ich war in einer tollen Form, hatte in der Qua­li­fi­ka­tion fast jedes Spiel gemacht. Doch dann gab es einen Vor­fall.

Was für einen Vor­fall?
Es war Februar und ich war in Berlin in einer Disko ein biss­chen feiern gewesen. Dort hatte ich einen über den Durst getrunken. Dann bin ich besoffen ins Auto gestiegen – und wurde auf dem Kai­ser­damm in Char­lot­ten­burg erwischt.

Mit 70 km/​h zu viel und 1,27 Pro­mille im Blut.
Die Polizei hielt mich an, und dann ging es für mich die Nacht erst mal aufs Revier. Und wenn du als bra­si­lia­ni­scher Natio­nal­spieler bei der Polizei lan­dest, weiß es am nächsten Tag das ganze Land. Felipe Sco­lari galt als Dis­zi­plin­fa­na­tiker. Er rief mich an und fragte, was pas­siert sei. Ich erzählte ihm alles und er sagte, er würde sich wieder bei mir melden. Auf den Anruf warte ich aller­dings noch immer. (Lacht.)

In Bra­si­lien ist die Seleçao heilig. Wie fühlten Sie sich nach diesem unrühm­li­chen Abgang?
Mir tat es unend­lich leid – und es tut bis heute weh. Meine Kol­legen wurden Welt­meister, ich habe mir diese Chance selber ver­bockt. Diese Nacht damals im Februar war der Fehler meines Lebens.

Sie kommen aus dem Bun­des­staat Paraiba im Norden Bra­si­liens. Wie würden Sie das Kind Mar­cel­inho beschreiben?
Als einen Knirps mit extrem großem Ehr­geiz. Ich habe Fuß­ball immer geliebt, war jeden Tag auf den Sand­plätzen bei mir im Viertel. Aber mir ging es um mehr als Spaß: Ich wollte schon als kleiner Junge unbe­dingt Profi werden, um später meiner Mutter ein großes Haus zu kaufen. Ich komme aus armen Ver­hält­nissen. Es war immer mein Traum, meiner Mutter einmal ein so großes Geschenk zu machen.

Ihr Vater war Fuß­baller. Hätte er das nicht erle­digen können?
Mein Vater war ein guter Stürmer. Aller­dings hat er immer nur bei kleinen Ver­einen in der Region gespielt. Und damit längst nicht so viel Geld ver­dient, wie nötig gewesen wäre.

Also zogen Sie bereits mit 16 Jahren ganz allein in die Metro­pole Sao Paulo.
Ich war extrem schüch­tern, fast ängst­lich. Ich komme aus einem kleinen Staat, den ich bis dahin noch nicht ein ein­ziges Mal ver­lassen hatte. Plötz­lich stand ich in einer der größten Städte der Welt und wohnte in einer Art WG mit 15 anderen Jungs.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie besser sind als die anderen?
Ich war als Kind extrem heiß auf den Ball. Und wenn du den Ball immer haben willst, musst du auch viel rennen, um ihn zu bekommen. Also war ich nicht nur tech­nisch gut, son­dern auch lauf­stark. Des­halb haben mir in Bra­si­lien alle gesagt, ich würde es schaffen – auch in Europa.