Seite 3: Und plötzlich wird gedabbt!

Gemeinsam schreiten wir ins Licht, es könnte ein roman­ti­scher Moment sein, hätte ich nicht ordent­lich die Hosen voll. Denn da draußen, auf der Tri­büne, sind wirk­lich viele Men­schen. In der Mitte die Nor­malos, dahinter die wich­ti­geren Nor­malos und, links von beiden, die aktive Fan­szene, mit Trom­meln, mit Tüchern vorm Gesicht und mit Ban­nern. Ich habe keine Ahnung, was genau diese Men­schen vom Gro­ti­fanten erwarten, geschweige denn, was sie von ihm halten.

Immerhin stehen Mas­kott­chen auch für den aus­ufernden Kom­merz, für den Aus­ver­kauf der Sportart, für Event statt Fuß­ball. Also für all das, was vielen Fans gehörig gegen den Strich geht. Außerdem wissen ja alle, dass in dem Kostüm nicht mehr einer von ihnen steckt, nicht mehr Bossi“, der Hard­core-Fan, der sich für den Verein auch mal ver­kloppen ließ. Son­dern irgendein Frisch­ling, der, wenn er ehr­lich ist, unter Druck keinen ein­zigen Spie­ler­namen würde auf­sagen können. Und falls der Per­so­nal­wechsel doch jemandem ent­fallen war, so erin­nert der Sta­di­on­spre­cher in diesem Moment net­ter­weise daran, dass neben ihm im Kostüm ein blu­tiger Anfänger steckt. Der heute sicher sein Bestes geben werde und den man doch bitte unter­stützen möge. So tankt man Selbst­ver­trauen. Also viel­leicht.

Und plötz­lich wird gedabbt!

Aber als wir da so stehen und der Mann zum Volk spricht und ich mich ängst­lich umschaue, was zum Glück nie­mand sieht, da der Gro­ti­fant eisern lächelt, da kommt mir ein Wort in den Sinn. Ein Wort, das sich von den Wör­tern, die in meinem Leben sonst eine gewich­tige Rolle spielen, deut­lich abhebt: per­formen! Ich muss jetzt ablie­fern. Also lie­fere ich ab. Ich packe Tanz­schritte aus, mit denen ich als Junge vor dem Spiegel Break­dancer imi­tierte, ich boxe vehe­ment in die Luft, ich kekse für ein paar Sekunden regel­recht aus und, Ach­tung, dabbe. Und die Zuschauer, sie nehmen es mir zumin­dest nicht übel. Manche lachen, freund­lich sogar, einige klat­schen mit. Geht doch.

Eine halbe Stunde später fällt das 1:0 für Uer­dingen. Was ich natür­lich aus­giebig feiern müsste. Aller­dings ver­schnaufe ich grade in der nahezu kom­plett leeren West­kurve, 100 Meter ent­fernt vom Gewühl, sehe das Tor nicht richtig und reagiere ver­zö­gert und unfassbar steif. Die wenigen Zuschauer, die hier stehen, hono­rieren zumin­dest den Ver­such unbän­diger Freude. Noch ein Tor, denke ich, ver­passe ich nicht. Also plat­ziere ich mich in der zweiten Hälfte wieder vor den Ultras, lau­ernd, als müsste ich das Tor selber machen.

Zehn Minuten später drehe ich durch. Grade hat Marcel Reich­wein für Uer­dingen erhöht, ich sehe es mit meinen eigenen Augen, es pas­siert keine 20 Meter vor meinem Rüssel. Doch im Moment, in dem er trifft, sind meine Erin­ne­rungen daran – gat­tungs­un­ty­pisch – schon wieder gelöscht. Über­schrieben von nur einem Gedanken: Was auch immer Trainer damit meinen, wenn sie auf die Eupho­rie­bremse treten wollen, ich mache jetzt das Gegen­teil. 

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Nikita Teryo­shin