11FREUNDE wird 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­tages-Sto­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Eine Nacht als Uer­dinger Gro­ti­fant.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Es gibt genau zwei Anwei­sungen an den Gro­ti­fanten. Ers­tens: Mach ordent­lich Radau. Und zwei­tens: Mach nicht so viel Radau, dass es zum Spiel­ab­bruch kommt. Was mir der Pres­se­spre­cher vom KFC Uer­dingen zehn Minuten vor dem Anpfiff damit eigent­lich sagen will: Bitte, elendes Green­horn, versau es nicht!

Der Gro­ti­fant ist kein gewöhn­li­ches Mas­kott­chen, in der deut­schen Fuß­ball­land­schaft ist er berüch­tigt. Was vor allem an Andreas Bos­heck liegt. Der steckte die ver­gan­genen 13 Jahre im Kostüm des Plü­sche­le­fanten und man könnte sagen, dass er sich in dieser Zeit nicht immer im Griff hatte. Einmal pol­terte er wut­ent­brannt aufs Spiel­feld, riss sich den Ele­fan­ten­kopf von den Schul­tern und stellte den Schieds­richter wegen einer Roten Karte zur Rede. Ein anderes Mal legte er sich mit dem geg­ne­ri­schen Tor­hüter an. Der ihn kurz­ent­schlossen per Faust­hieb nie­der­streckte.

Hof­fent­lich wird das Sta­dion nicht voll!

Für Bossi“, wie ihn hier alle nennen, war das Leben als Gro­ti­fant mehr als ein Job, er blieb stets Fan. Und sorgte nicht für Kra­wall, weil er das wollte, son­dern weil er nicht anders konnte. Doch seit er in diesem Sommer in den Betreu­er­stab des Regio­nal­li­gisten wech­selte, war die Stelle als Gro­ti­fant vakant. Wes­wegen der Klub sie vor ein paar Wochen per Inserat aus­schrieb. Und ein Kol­lege von mir auf die ulkige Idee kam, sich einen Abend als Gro­ti­fant zu ver­su­chen. Der Verein sagte begeis­tert zu, mein Kol­lege krank­heits­be­dingt wieder ab, die Auf­gabe wurde intern durch­ge­reicht und an einem Frei­tag­abend im November laufe also ich armer Teufel die Uer­dinger Straße in Rich­tung Gro­ten­burg-Sta­dion ent­lang.

Je näher ich dem Spielort komme, desto heller ste­chen die Flut­lichter durch den Abend­himmel. Ein Anblick, der ja eigent­lich Vor­freude aus­lösen soll, denke ich. Doch ich fühle mich bedroht. Die Flut­lichter, diese tücki­schen Biester, sie werden heute auch mich aus­leuchten, dafür sorgen, dass ich mich nicht ver­ste­cken kann, nicht vor den Zuschauern, nicht vor mir selbst. In das Sta­dion passen 34 000 Zuschauer. Ich bete, dass nicht alle kommen. Was, wenn ich ein­fach kün­dige?

Lassen sie mir zumin­dest den Mit­tel­finger?

Ich hatte mich zuvor nur unzu­rei­chend mit den Anfor­de­rungen an ein Mas­kott­chen ver­traut gemacht, ich dachte, ich würde ein­fach hin­fahren in diese west­deut­sche Stadt, mich als Ele­fant ver­kleiden und dann die Aktion halb­wegs glimpf­lich an mir vor­bei­rau­schen lassen. Doch als ich durch Kre­feld laufe, eine Stadt, gefähr­lich nah an Duis­burg, drü­cken sich immer mehr Sorgen in mein Gehirn, als würde sie mir ein durch­ge­knallter Arzt per Spritze direkt in den Schädel inji­zieren. Kann man Mas­kott­chen lernen? Oder ist es eine ange­bo­rene Fähig­keit wie frei­händig rau­chen, was man ent­weder beherrscht oder nach den ersten Ver­su­chen, gepei­nigt von bei­ßendem Rauch in Nase und Augen, lieber wieder blei­ben­lässt? Dann das Kostüm. Wurde es in den ver­gan­genen 13 Jahren gewa­schen? Und wenn nein, warum zur Hölle nicht? Wie schwer ist der Kopf, wie eng ist der Kopf, muss ich tanzen, erwartet Kre­feld akro­ba­ti­sche Finesse? Bekomme ich klo­bige Fäust­linge? Oder lassen sie mir zumin­dest den Mit­tel­finger? 

In den Kata­komben ange­kommen, glaubt der Pres­se­spre­cher mich beru­higen zu können. Nein, der Kopf werde zwar nicht her­kömm­lich gewa­schen, das sei ob der Form leider nicht mög­lich, aber, kein Pro­blem, es gebe ja Febreze. Das Leben kann dir nicht immer Zucker­stück­chen vor den Rüssel halten, denke ich. Danach werden meine Kom­pe­tenzen abge­steckt. Jubeln mit den Fans? Geht in Ord­nung. Nach dem Spiel besoffen ins Ermü­dungs­be­cken (wenn es denn eines gäbe) pin­keln? Nicht in Ord­nung. Krieg ich hin. Zum Abschluss der Ein­wei­sung fällt dann der Satz, der faule Men­schen im All­ge­meinen und mich im Spe­zi­ellen eini­ger­maßen ver­un­si­chert: Das schlimmste ist eigent­lich, wenn du gar nichts machst.“

Dass ich über­haupt die Chance habe, einmal als Gro­ti­fant durchs Leben zu tapsen, ver­danke ich auch Thorsten Harrer. Als Uer­dingen, damals noch für Bayer unter­wegs, Anfang der Neun­ziger einen Namen für das neue Ver­ein­s­tier suchte, schlug Harrer den Namen Gro­ti­fant vor – und über­zeugte die Ver­ant­wort­li­chen. Immerhin war Harrer damals bereits zwölf Jahre alt. 1994, drei Jahre später, wurde der erste reale Gro­ti­fant zum Leben erweckt. Aller­dings kam es zunächst zu Kom­pli­ka­tionen: Das Kostüm war so schwer, dass der Dar­steller über Rücken­schmerzen klagte und, noch schlimmer, unter Abschür­fungen an den Beinen litt. Außerdem, so steht es auf der Home­page, hatte der Träger mit einer ständig beschla­genen Brille zu kämpfen“ und musste etliche Auf­tritte nahezu blind durch­führen“. Ein unhalt­barer Zustand, das Kostüm wurde modi­fi­ziert, aller­dings ging es wieder schief. Das neue, beque­mere Outfit erin­nerte viele Fans eher an einen Amei­sen­bären als an einen Ele­fanten“. Und sah so gru­selig aus, dass sich Kinder vor ihm fürch­teten. Nach einigem Hin und Her und vor­über­ge­hendem Aus­sterben nahm sich Bossi“ der Sache schließ­lich an – und sorgte 2004 mit neuem Kostüm für die Auf­er­ste­hung des Gro­ti­fanten.

Geh nackt rein“

13 Jahre später steht er beim Umziehen neben mir und erteilt mir mit einer Stimme Rat­schläge, so heiser und rau, er muss sie sich hart erar­beitet haben: Geh nackt rein“, sagt er, kann heiß werden.“ Er rela­ti­viert das Wort nackt“ zwar im nächsten Satz, die Buxe solle ich gefäl­ligst anbe­halten, aber ich habe jetzt eine grobe Vor­stel­lung davon, wie er den Job früher ange­gangen ist. Und als ich mich end­lich traue, den Kopf über­zu­stülpen, rieche ich sie auch, die Lei­den­schaft ver­gan­gener Jahre, die Hin­gabe meines Vor­gän­gers und, nun ja, seinen Schweiß. Alles Gewöh­nungs­sache, hoffe ich, und wanke los.

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Nikita Teryo­shin

Zunächst vor das Sta­dion, weg von den Schein­wer­fern, erstmal rein­kommen. Mein Sicht­feld ist so breit wie eine Streich­holz­pa­ckung, die Geräu­sche aus der Umge­bung dumpf wie nach einem gewal­tigen Anschiss von Werner Lorant, an Tür­rahmen bleibe ich ver­läss­lich mit dem stets fröh­lich nach oben abste­henden Rüssel hängen. Aber ich habe Glück. Mein erstes Auf­ein­an­der­treffen mit Men­schen findet mit einer E‑Jugend statt, die heute, beim Spiel gegen Wie­den­brück, an den Händen der Profis ein­laufen wird.

Und die Kinder lieben den Gro­ti­fanten. Oder, noch besser: Sie lieben mich. Sie krei­schen KFC, KFC, KFC“, und ich sta­chele sie, ver­blüf­fend begeis­tert, klat­schend weiter an. Ich posiere bereit­willig für Fotos, recke ihnen die Faust ent­gegen, sie geben sie durch ihre eigenen kleinen Fäuste wieder frei und nach zwei Minuten fühle ich mich unver­hofft wohl in meinem Fell. Bis mich der Sta­di­on­spre­cher erwischt und hinter sich her­schleift, es gehe schließ­lich gleich los, und jetzt würde er mal eine kleine Ansage vor den Fans machen, und dann, dann würde ich mal ein biss­chen abgehen, richtig? Richtig. Grmpf.

Gemeinsam schreiten wir ins Licht, es könnte ein roman­ti­scher Moment sein, hätte ich nicht ordent­lich die Hosen voll. Denn da draußen, auf der Tri­büne, sind wirk­lich viele Men­schen. In der Mitte die Nor­malos, dahinter die wich­ti­geren Nor­malos und, links von beiden, die aktive Fan­szene, mit Trom­meln, mit Tüchern vorm Gesicht und mit Ban­nern. Ich habe keine Ahnung, was genau diese Men­schen vom Gro­ti­fanten erwarten, geschweige denn, was sie von ihm halten.

Immerhin stehen Mas­kott­chen auch für den aus­ufernden Kom­merz, für den Aus­ver­kauf der Sportart, für Event statt Fuß­ball. Also für all das, was vielen Fans gehörig gegen den Strich geht. Außerdem wissen ja alle, dass in dem Kostüm nicht mehr einer von ihnen steckt, nicht mehr Bossi“, der Hard­core-Fan, der sich für den Verein auch mal ver­kloppen ließ. Son­dern irgendein Frisch­ling, der, wenn er ehr­lich ist, unter Druck keinen ein­zigen Spie­ler­namen würde auf­sagen können. Und falls der Per­so­nal­wechsel doch jemandem ent­fallen war, so erin­nert der Sta­di­on­spre­cher in diesem Moment net­ter­weise daran, dass neben ihm im Kostüm ein blu­tiger Anfänger steckt. Der heute sicher sein Bestes geben werde und den man doch bitte unter­stützen möge. So tankt man Selbst­ver­trauen. Also viel­leicht.

Und plötz­lich wird gedabbt!

Aber als wir da so stehen und der Mann zum Volk spricht und ich mich ängst­lich umschaue, was zum Glück nie­mand sieht, da der Gro­ti­fant eisern lächelt, da kommt mir ein Wort in den Sinn. Ein Wort, das sich von den Wör­tern, die in meinem Leben sonst eine gewich­tige Rolle spielen, deut­lich abhebt: per­formen! Ich muss jetzt ablie­fern. Also lie­fere ich ab. Ich packe Tanz­schritte aus, mit denen ich als Junge vor dem Spiegel Break­dancer imi­tierte, ich boxe vehe­ment in die Luft, ich kekse für ein paar Sekunden regel­recht aus und, Ach­tung, dabbe. Und die Zuschauer, sie nehmen es mir zumin­dest nicht übel. Manche lachen, freund­lich sogar, einige klat­schen mit. Geht doch.

Eine halbe Stunde später fällt das 1:0 für Uer­dingen. Was ich natür­lich aus­giebig feiern müsste. Aller­dings ver­schnaufe ich grade in der nahezu kom­plett leeren West­kurve, 100 Meter ent­fernt vom Gewühl, sehe das Tor nicht richtig und reagiere ver­zö­gert und unfassbar steif. Die wenigen Zuschauer, die hier stehen, hono­rieren zumin­dest den Ver­such unbän­diger Freude. Noch ein Tor, denke ich, ver­passe ich nicht. Also plat­ziere ich mich in der zweiten Hälfte wieder vor den Ultras, lau­ernd, als müsste ich das Tor selber machen.

Zehn Minuten später drehe ich durch. Grade hat Marcel Reich­wein für Uer­dingen erhöht, ich sehe es mit meinen eigenen Augen, es pas­siert keine 20 Meter vor meinem Rüssel. Doch im Moment, in dem er trifft, sind meine Erin­ne­rungen daran – gat­tungs­un­ty­pisch – schon wieder gelöscht. Über­schrieben von nur einem Gedanken: Was auch immer Trainer damit meinen, wenn sie auf die Eupho­rie­bremse treten wollen, ich mache jetzt das Gegen­teil. 

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Nikita Teryo­shin
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Nikita Teryo­shin

Wie ein unfassbar agiler Ele­fant stürme ich auf den Rasen, ich klat­sche mit dem ersten Spieler ab, klopfe einem anderen auf die Schulter, brülle genau so, Männer“ und, schlimmer, jetzt haben wir sie an den Eiern“ in die Spie­ler­traube. Aber: Die Jungs, nein, meine Jungs, wehren sich nicht. Einer haut mir kum­pel­haft an den Kopf, andere umarmen mich tat­säch­lich. Für einen kurzen Moment der Ekstase gehöre ich auf eine ver­schro­bene Art und Weise dazu.

Dass das nicht wirk­lich stimmt, macht mir im nächsten Moment Bossi“ klar. Als ich wieder am Spiel­feld­rand ankomme, sprintet er mir ent­gegen. Brül­lend. Hömma, Junge. Dat kannse nich machen, ein­fach auf’n Platz rennen und in die Spieler rein. Dat hab nich ma ich gemacht!“ Dann nimmt er mich in die Arme, breit grin­send, und flüs­tert mir in eines meiner rie­sigen Schlapp­ohren: Alles gut, Junge. Der Schiri schreibet nich auf.“ Puh, denke ich.

Guten Job gemacht“

Dann kommt Kapitän Mario Erb, vom Schieds­richter dazu ange­halten, und ermahnt mich eben­falls, das Feld in Zukunft bitte Feld sein zu lassen. Der Rest des Spiels rauscht an mir vorbei. Das 1:2 und die damit ein­her­ge­hende Chance, mal richtig sauer zu werden, bekomme ich nicht mal mit. Ich bemerke es sogar erst, als ich einen Betreuer frage, warum Wie­den­brück die letzten Minuten denn so Dampf mache, obwohl sie doch im Leben keine zwei Tore mehr auf­holen würden. Pein­lich, denke ich. Doch der Mann ver­zeiht dem Gro­ti­fanten.

Dann pfeift der Schieds­richter ab, Uer­dingen gewinnt und ist Herbst­meister. Die Meute ist gut drauf, ich tobe noch ein biss­chen herum, Hin­setzen, Hin­setzen“, Humpa, Humpa, Täterä“, das volle Pro­gramm. Dann, ich bin phy­sisch wirk­lich am Ende, mein Körper leer­ge­schwitzt, streife ich mir in den Kata­komben den Gro­ti­fanten-Kopf ab und dampfe zufrieden. Als Kapitän Erb an mir vor­bei­läuft, streckt er mir die flache Hand zum Abklat­schen ent­gegen. Guten Job gemacht“, sagt er, und er meint es ernst, das kann ich spüren. Wie gerne hätte ich für ihn trom­petet.

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