Seite 3: „Wir machten damals ein so starkes Spiel“

Im Spiel um Platz Drei bei der WM 94 lag Bul­ga­rien gegen Schweden schon nach 40 Minuten mit 0:4 zurück, als Iwanow zwei Minuten später aus­ge­wech­selt wurde und sein Trikot auf den Rasen pfef­ferte. Ich hatte den Trainer gebeten, mich schon vorher raus­zu­nehmen, weil jeder nur für sich spielte, aber er wollte nicht. Nachdem ich es nicht geschafft hatte, Larsson am vierten Tor zu hin­dern, habe ich zur Bank gerufen: Wechsel mich aus oder ich mach mich vom Acker.“

Erstaun­li­cher­weise ist Trifon Iwanow einer der wenigen bul­ga­ri­schen Spieler seiner Genera­tion, der in der Cham­pions League gespielt hat, 1996 mit Rapid Wien. Damals vorm Spiel bei Man­chester United, der Trainer hatte andert­halb Stunden vor Anpfiff seine Ansprache gehalten, ver­ließ Iwanow die Kabine kurz. Als er zurückkam, war nur noch ein Mit­spieler dort, die anderen waren in den Fan­shop gegangen. Als sie zurück­kamen, habe ich ihnen gesagt, dass sie wenigs­tens bis zum Ende der Begeg­nung hätten warten können. Sie hätten sich auf dieses Match wie auf einen Krieg vor­be­reiten müssen, und in ihren Köpfen stünden sie jetzt schon als Ver­lierer fest.“ Rapid verlor mit 0:2, aber Iwanow gelang es zumin­dest, Eric Can­tona an die Leine zu nehmen. Nach dem Schluss­pfiff machte er sich auf den Weg zum Spie­ler­tunnel, wäh­rend die anderen sich auf Le Roi stürzten, um sein Trikot zu ergat­tern. Aber Can­tona stieß sie zurück und sagte ›Mein Trikot ist für Iwanow.‹ Das war ein wirk­lich kost­barer Moment für mich, weil mir ein so großer Fuß­baller seinen Respekt gezollt hat.“

Wechsel mich aus oder ich mach mich vom Acker“

Wie Trifon Iwanow das erzählt, muss dieser Moment sogar eine der schönsten in seinem Fuß­bal­ler­leben gewesen sein. Alles andere fällt dagegen etwas ab, so beson­ders es auch war. Seine erste Beru­fung in die Natio­nal­mann­schaft 1988 etwa. Er wurde im Freund­schafts­spiel gegen die DDR ein­ge­wech­selt und erzielte gleich den Sieg­treffer. Als er hem­mungslos los­ju­belte, bremsten seine Mann­schafts­ka­me­raden den Über­schwang des Neu­lings: Beru­hige dich, Junge, du bist doch gerade erst dabei!“ Oder das Derby 89 gegen Lewski Sofia, das 5:0 gewonnen wurde. Iwanow hatte das erste Tor geschossen, bevor Stoitschkow ein Vie­rer­pack gelang und er im Rück­spiel mit der Nummer 4 auf­lief, um den Rivalen richtig zu demü­tigen. Iwa­nows Vol­leytor aus 25 Metern in Wales beim Playoff-Spiel für die Euro 1996. Wir spielten wahr­schein­lich gegen die beste Mann­schaft, die jemals für Wales auf­ge­laufen war, mit Ryan Giggs und Vinnie Jones. Sie drängten uns in unseren Straf­raum und mein Tor sorgte dafür, dass wir den­noch gewinnen konnten. Aber nein, mein liebstes ist es nicht.“ Nein, sein liebstes Tor hat er 1997 gegen Russ­land geschossen. Es sorgte dafür, dass sich Bul­ga­rien für die WM in Frank­reich qua­li­fi­zierte. In seiner per­sön­li­chen Ruh­mes­halle fällt es ihm schwer, sich für dieses Spiel oder für den legen­dären Sieg 1993 in Frank­reich zu ent­scheiden, als sich Bul­ga­rien durch Kosta­di­nows Tor in letzter Sekunde qua­li­fi­zierte. Wir machten damals ein so starkes Spiel, dass ich von der ersten bis zur letzten Sekunde absolut sicher war, dass wir gewinnen würden.“

» Das bewegte Leben des Trifon Iwanow in der Bil­der­ga­lerie

In der End­phase seiner Kar­riere gab es dann aber noch eine große Ent­täu­schung. Nach dem Errei­chen des Halb­fi­nals in den USA, wurde die Welt­meis­ter­schaft in Frank­reich vier Jahre später zur Kata­strophe. Ich war bestimmt der Trau­rigste von allen, denn ich war der Kapitän dieser Mann­schaft, die kom­plett unter ihrem Niveau spielte. Es gab damals Kon­flikte inner­halb des Teams, die das Gemein­schafts­ge­fühl ins Wanken brachten. Nach diesem Schei­tern blieb mir nichts anderes übrig, als meine inter­na­tio­nale Kar­riere zu beenden. Es war vorbei.“

Auch seine Ver­eins­kar­riere kam danach nicht wieder richtig in Schwung. Den Höhe­punkt hatte er zwi­schen 1995 und 1997 bei Rapid Wien erlebt. Iwanow spielte in der Cham­pions League und erreichte das Finale im Euro­pa­pokal der Pokal­sieger, das aller­dings gegen Paris St.-Germain ver­lo­ren­ging. Außerdem wurde er öster­rei­chi­scher Meister und Pokal­sieger. In Öster­reich lernte er außerdem Bier zu trinken, auch wenn ich haupt­säch­lich Whiskey mag, nie­mals Wodka oder Schnaps, nur 12 Jahre alten Black Label.“ Und er hatte Hannes Nouza ken­nen­ge­lernt, Eigen­tümer der Tank­stel­len­kette Avanti und Tri­kot­sponsor von Rapid. Er kam mit dem Pri­vat­flug­zeug und seinen Anwälten nach Sofia und sagte zu mir: ›Ab jetzt spielst du für Rapid!‹ Eine Woche später schickte er sein Flug­zeug, um mich nach Wien zu holen.“ Iwa­nows Blick ver­düs­tert sich. Nouza, den er Papa nannte, ist 2007 ver­storben. Ich war sein Lieb­lings­spieler. Er hat viel für mich getan, und ich hab viel für ihn getan. Ich habe einen seiner fünf Fer­raris gefahren und in seinem Haus gewohnt, wäh­rend er am Ufer der Donau ein neues gebaut hat.“ Iwanow hatte seinen Ver­trag auch nicht mit Rapid, son­dern mit Nouza per­sön­lich geschlossen. Als dieser Rapid ver­ließ und bei Aus­tria als Sponsor ein­stieg, folgte Iwanow ihm eine Saison später. Und auch, als Nouza zum kleinen Wiener Verein Flo­ris­dorfer AC in der fünften öster­rei­chi­schen Liga wei­terzog, spielte Iwanow dort seine letzten drei Pro­fi­jahre.

Noch immer ein biss­chen Wolf im Mann“

Dar­über hinaus half Nouza ihm bei der Vor­be­rei­tung einer beruf­li­chen Kar­riere nach dem Fuß­ball. Nachdem Iwanow mit seinen ehe­ma­ligen Mit­spie­lern von 1995 eine Bank eröffnen wollte – ein kurz­le­biges Aben­teuer, über das er heute selber lacht – kaufte er erst ein Café im Zen­trum von Sofia, um dann zwei Tank­stellen in der Nähe von Weliko Tar­nowo zu eröffnen. Ihr Name: Gama, als Hom­mage an seine zwei Töchter aus erster Ehe: Galina und Marina. Ich werde sie aber ver­kaufen, das ist nicht so mein Ding.“ Zumal es viele Hobbys zu pflegen gibt, die vor allem mit knat­ternden Motoren zu tun haben. Ich mag extreme Sachen: Jetski, Squad fahren, Moto­cross. Ich liebe den Ner­ven­kitzel, den es bedeutet, eine schnelle Maschine mit einem starken Motor zu fahren“, sagt er. Seit er in den Westen gegangen war, ver­prasste er sein Geld für hoch­tou­rige Motoren. Als er neu­lich mit Geschäfts­män­nern aus Weliko Tar­nowo eine Reise in die USA unter­nehmen wollte, führte das sogar zu einem Pro­blem bei der Visa-Ver­gabe. Der Typ in der US-Bot­schaft hat zu mir gesagt: ›Sie bekommen das Visum, aber Sie haben gelogen. Sie haben nur sechs Autos als ihr Eigentum auf­ge­listet, aber ich weiß, dass Sie viel mehr besitzen.‹ Aber es ist ja nicht mein Fehler, wenn es auf den For­mu­laren nicht genug Platz gibt.“

Erstaun­lich bei dieser Moto­ri­sie­rung ist, dass Iwanow behauptet, dass ihm kaum etwas über die Natur geht. Die beste Art zu ent­spannen, ist für mich mit Freunden angeln oder jagen zu gehen. Es geht mir nicht darum, die Tiere zu töten, ich möchte ein­fach Zeit in der Natur ver­bringen.“ Aber bei Trifon Iwanow ist wohl noch immer ein biss­chen Wolf im Mann.

Ruhe in Frieden, Trifon!


HIN­WEIS: Dieser Text erschien erst­mals im Januar 2014