HIN­WEIS: Dieser Text erschien erst­mals im Januar 2014

Auch wenn Weliko Tar­nowo mit seinen 70 000 Ein­woh­nern gerade einmal die sech­zehnt­größte Stadt Bul­ga­riens ist, rekla­mierte sie nach dem Zusam­men­bruch des Byzan­ti­ni­schen Reichs im 14. Jahr­hun­dert den Titel Drittes Rom“ für sich. Viel­leicht ein biss­chen anma­ßend, aber aus­rei­chend, um 700 Jahre später zu den schönsten Städten des Landes zu zählen. Das Viertel ums Yvailow-Sta­dion ist dafür aber nicht reprä­sen­tativ. Schlag­lö­cher in den Straßen und glanz­lose Gebäude, an denen außen die Kli­ma­an­lagen hängen, lassen eher an sowje­ti­schen Rea­lismus als an mit­tel­al­ter­liche Romantik denken. Und der Rasen des OFC Etar Weliko Tar­nowo ist auf­grund von Instand­set­zungs­maß­nahmen unter Erd­hü­geln und Bau­schutt ver­schwunden.

Der Mann, der unter­halb einer der Tri­bünen des Sta­dions auf­taucht, gehört in jede Samm­lung von Kult­fuß­bal­lern. Sein Pani­ni­bild wird her­vor­ge­kramt, um Kin­dern Angst zu machen oder um Erwach­sene zum Lachen zu bringen. Inzwi­schen aber hat Trifon Iwanow die Haare zurück­ge­gelt und einige graue Här­chen im Ere­mi­ten­bart. Das knall­bunte Trikot aus den Neun­zi­gern ist einer Leder­jacke, einem gestreiften Lacoste-Hemd und einer etwas unvor­teil­haft geschnit­tenen Jeans gewi­chen. Sie ist aber eine gute Wahl, um Iwa­nows Kör­per­fülle zu ver­de­cken, die sich in den zwölf Jahren seit seinem Kar­rie­re­ende ange­sam­melt hat.

Eins ist aber bis heute nicht ver­än­dert: sein irrer Schlaf­zim­mer­blick aus dem immer noch bemer­kens­wert schiefen Gesicht.

Außerdem geht er nach wie vor ent­schlossen in jede neue Begeg­nung. Früher auf dem Rasen hatte der raue Innen­ver­tei­diger stets ein schnelles Tack­ling oder einen Ellen­bo­gen­stoß für den von ihm bewachten Stürmer bereit, eine Spiel­weise, die sein Mit­spieler Hristo Stoitschkow einmal in einem knappen Satz zusam­men­fasste: Er macht keine Gefan­genen.“ Als Iwanow nach langen Ver­hand­lungen einem Treffen zustimmte, stellte er auch gleich klar, was er erwartet: Ich bitte um eine ernst­ge­meinte Bericht­erstat­tung. Vor nicht allzu langer Zeit kamen Jour­na­listen, weil sie gehört hatten, dass ich die ganze Zeit am See­ufer sitze und mir einen Panzer gekauft hätte. Sie haben mich nur dazu befragt.“ Gut, die Nach­richt ist ange­kommen, aber wie ist das Gerücht vom Pan­zer­kauf zustande gekommen? Es ist kein Gerücht. Noch als Spieler habe ich mir tat­säch­lich einen alten Armee­panzer gekauft, ihn auf den Fel­dern hier in der Gegend ein oder zwei Mal aus­pro­biert und wollte ihn dann wieder los­werden. Ich finde nur, dass es deut­lich inter­es­san­tere Geschichten zu erzählen gibt!“

Als Spieler habe ich für Schlag­zeilen gesorgt“

Das ist wohl wahr, auch wenn Trifon Iwanow eigent­lich ein zurück­hal­tender Mensch ist. Wäh­rend die Bala­kows, Stoitsch­kows, Letsch­kows und andere ehe­ma­lige Mit­spieler der ruhm­rei­chen bul­ga­ri­schen Mann­schaft von 1994, die Deutsch­land aus dem Vier­te­fi­nale des WM-Tur­niers beför­derte, Trainer oder Manager geworden sind, wollte er nach seinem Rück­tritt 2001 nichts mehr mit dem Fuß­ball­zirkus zu tun haben. Als Spieler habe ich für Schlag­zeilen gesorgt, heute möchte ich ein ruhiges Leben führen und mich meiner Familie widmen.“ Zuletzt ist Iwanow davon aber ein wenig abge­kommen. Seit kurzem ist er Regio­nal­be­auf­tragter des bul­ga­ri­schen Ver­bandes, was auch mit ein paar finan­zi­ellen Schwie­rig­keiten in Zusam­men­hang stehen soll, wie man mun­kelt. Er hin­gegen spricht von Demut: Meine Sport­aus­bil­dung war noch zu hun­dert Pro­zent durch die Regie­rung finan­ziert, nach dem Zusam­men­bruch des kom­mu­nis­ti­schen Regimes ver­schwand das alles. Also ver­su­chen wir nun, die Sport­schulen wieder zu eröffnen, um Talenten eine Chance zu geben, sich zu ent­wi­ckeln.“

Iwanow scheint zwi­schen dem Heute und der Jahr­tau­send­wende zu leben.

Inzwi­schen gibt es acht sol­cher Schulen in Bul­ga­rien, in Weliko Tar­nowo soll Iwanow eine wei­tere auf­bauen. In seinem Büro steht in einer Ecke ein Flats­creen, dar­unter ein Video­re­korder, in der anderen Ecke Laptop und Fax­gerät. Iwanow scheint zwi­schen dem Heute und der Jahr­tau­send­wende zu leben. Da passt es auch, dass er keine ­E‑Mail-Adresse hat. Ich möchte im Hin­ter­grund bleiben, viele Leute wissen nicht einmal, dass ich das hier über­haupt mache.“

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Was aber unver­gessen ist: Iwanow war ein Innen­ver­tei­diger, der immer etwas Wildes an sich hatte. Guy Roux, der ihn 1992 zu einem Pro­be­trai­ning beim AJ Auxerre einlud, erin­nert sich: Er war ein uner­schro­ckener Ver­tei­diger, der jede Abwehr­ak­tion mit einem Tack­ling ver­bunden hat.“ Juan Merino, in den Neun­zi­gern Ver­eins­wirt bei Betis Sevilla, wo Iwanow ab 1990 und dann wieder ab 1993 spielte, hat ähn­liche Erin­ne­rungen: Als ich ihn das erste Mal sah, war ich total beein­druckt. Er sah aus wie ein Trapper, als käme er direkt aus der Wildnis. Er passte per­fekt ins Bild, das man damals von Män­nern aus dem Ost­block hatte. Nie­mand, dem du nachts alleine in einer engen Gasse begegnen möch­test.“ Eine Visage wie die eines Vor­be­straften, die heute noch dazu führt, dass Iwanow regel­mäßig zum häss­lichsten Spieler aller Zeiten gewählt und ein kleines Tur­nier in Bra­si­lien unter seinem Namen aus­ge­spielt wird.

Irgend­wann nannte mich jemand ›der Wolf‹; das ist geblieben, und damit kann ich gut leben. Ich glaube aber nicht, dass ich den Stür­mern durch mein Äußeres Angst ein­ge­jagt habe. Respekt ent­wi­ckelt sich nur durch das, was du auf dem Rasen zeigst, nicht weil man Hörner oder lange
Haare hat.“

Trifon Iwanow kommt nicht wirk­lich vom Land, aber auch nicht wirk­lich aus der Stadt. Er ist zwar im Dorf Gorna Lipnitza geboren worden, aber im Alter von vier Jahren mit seinem Vater, einem Zim­mer­mann, und seiner Mutter, einer Schnei­derin, sowie seinen beiden Schwes­tern nach Weliko Tar­nowo gezogen. Die Auto­bahn von der Haupt­stadt Sofia dorthin endet auch heute noch einige hun­dert Kilo­meter vorher und lässt einen auf einer Art Land­straße zurück, die sich über die die­sigen Hügel des Bal­kans schlän­gelt, die man hier die alten Berge“ nennt, vorbei an von alten Gäulen bear­bei­teten Äckern.

Es ist schwierig sich vor­zu­stellen, dass fünf der 22 bul­ga­ri­schen Aus­wahl­spieler bei der WM 1994 hier in der Gegend zur Schule gegangen sind. Es gab sechs große Sport­schulen in Bul­ga­rien, unsere brachte die besten Spieler des Nor­dens zusammen“, erklärt Iwanow. Er selbst kam mit elf Jahren dazu, zunächst als Mit­tel­stürmer, bevor er von einem seiner Trainer zum Innen­ver­tei­diger umge­schult wurde. Eine ver­nünf­tige Ent­schei­dung. Er war ein­malig auf dieser Posi­tion, sehr begabt, tech­nisch sehr stark und hat sich unglaub­lich ent­wi­ckelt, so sehr, dass er in jeder Mann­schaft sofort Abwehr­chef wurde“, erin­nert sich Kras­simir Balakow, der mit dem ein Jahr älteren Iwanow zusammen auf­ge­wachsen ist.

In der Fuß­ball­schule haben sich zwei Cha­rak­ter­grund­züge Iwa­nows her­aus­ge­bildet: eine grö­ßere Liebe zum Spiel als zum Trai­ning und die Nei­gung zur Rebel­lion gegen jede Auto­rität. Als er anfing, hatte der Klub drei Trai­nings­ein­heiten pro Tag ange­setzt. Das war für Iwanow ein Pro­blem, weil er schnell keine Lust mehr hatte zu laufen“. Später wurde das nicht anders, wie Gil­bert Gress, 1994 Iwa­nows Trainer bei Neu­châtel Xamax, bestä­tigt: Wenn wir Wald­läufe machten, war es nicht so, dass er ging oder sich durch­zu­schum­meln ver­suchte, er lief ein­fach in seinem Rhythmus. Aller­dings konnte er auch nicht viel schneller sein, denn er hatte kom­plett krumme Beine.“

Und tat­säch­lich, mein Name stand nicht in der Auf­stel­lung“

Iwanow mochte Letzter beim Joggen sein, aber er war Erster, wenn es darum ging, sich Befehlen zu wider­setzen. Unser Jugend­trainer war sehr gut, aber auch sehr streng“, erzählt Balakow. Er bestrafte uns oft, wenn wir nicht genau das machten, was er sagte. Damals im Kom­mu­nismus wurde einem zur Strafe der Schädel rasiert, und Trifon hatte oft sehr kurze Haare.“ So wun­dert es nicht, dass sich Iwanow gerade von dem für seine Strenge bekannten Gil­bert Gress her­aus­ge­for­dert fühlte. Wir durften zum Bei­spiel nicht mit dem Cabrio zum Trai­ning kommen, und natür­lich habe ich genau das gemacht. Alles, was er ver­boten hat, habe ich gerade des­wegen gemacht“, erzählt Iwanow. Aller­dings war die Situa­tion zwi­schen Spieler und Trainer von Beginn an ange­spannt, weil der Ver­eins­prä­si­dent und nicht Gress den Bul­garen ver­pflichtet hatte. Als ich zum Trai­ning kam, hat Gress mich gefragt, wer ich sei und was zur Hölle ich hier mache.“

Und dann erzählt Iwanow noch die Geschichte, wie er eines Tages das Trai­ning ver­ließ, nicht ohne Gress vorher ent­ge­gen­zu­brüllen, er habe keine Ahnung von Fuß­ball. Der Trainer hin­gegen hat ganz andere Erin­ne­rungen an ihr Ver­hältnis: So ein Quatsch! Hatte er getrunken, als er das erzählt hat? Er war immer sehr respekt­voll, auch wenn er ein biss­chen wild war. Bei Trai­nings­be­ginn habe ich jedem meiner Spieler die Hand geschüt­telt und er war der Ein­zige, der dazu auf­ge­standen ist.“

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Viel­leicht hat Iwanow keine große Lust, als guter oder respekt­voller Spieler in Erin­ne­rung zu bleiben, und pflegt lieber das Image eines Hau­de­gens. Als Gress vor einem Heim­spiel seine Ansprache hielt, hörte ich wie gewöhn­lich nicht zu. Dann stand ich auf, um mich vor­zu­be­reiten, als mich ein Mit­spieler seltsam ansah: ›Warum machst du dich warm, du spielst doch gar nicht?‹ Und tat­säch­lich, mein Name stand nicht in der Auf­stel­lung. Also verzog ich mich in das Café auf der Tri­büne, um mir von dort das Spiel anzu­sehen. Ich trank einen Kaffee, rauchte eine Ziga­rette, und auf einmal stand der Prä­si­dent hinter mir: ›Was machst du hier? Spielst du nicht? Ich küm­mere mich darum.‹ Ich bin dann zur 15. Minute ein­ge­wech­selt worden, wir haben 2:1 gewonnen, und ich habe den Sieg­treffer erzielt.“

Auf der anderen Seite des Kon­fe­renz­ti­sches in seinem Büro in den Kata­komben des Yvailow-Sta­dions, zündet Iwanow sich gerade eine dünne lange Ziga­rette an, als der Klub­se­kretär fragt: Kaffee? Tee? Whiskey?“ Als Iwanow hier im Sta­dion in der ersten Mann­schaft von Etar Tar­nowo debü­tierte, war er acht­zehn Jahre alt. Fünf Jahre später wech­selte er in die Haupt­stadt, um dort mit Hristo Stoitschkow, Lju­boslaw Penew und Emil Kosta­dinow die wohl beste Mann­schaft in der Geschichte von ZSKA Sofia zu bilden. Unter dem Regime des kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tors Todor Schiwkow war es Fuß­bal­lern nicht gestattet gewesen, vor dem 28. Lebens­jahr ins Aus­land zu gehen, aber mit seinem Sturz 1989 öff­neten sich die Tore und alle hatten Lust auf etwas Neues. Penew ging zum FC Valencia, Kosta­dinow nach Porto, Stoitschkow zu Barca. Iwanow ent­schied sich für Betis Sevilla, aber die Anfänge dort waren mühsam. Als er ankam, konnte er kein Wort Spa­nisch und hat nur über Gesten mit den anderen kom­mu­ni­ziert, wie ein Taub­stummer“, erin­nert sich Juan Merino, Ver­eins­wirt bei Betis zu dieser Zeit. Aber Iwanow setzte sich nicht nur sport­lich durch. Er brachte es sogar fertig, mit anda­lu­si­schem Akzent zu spre­chen“, sagt Moreno.

Der Prä­si­dent hat den Transfer ver­hin­dert“

Trifon hatte eine große Klappe, das war einer der Gründe, warum die Mann­schaft ihn zum Kapitän machte. Er hatte die Eier zu sagen, was sich sonst keiner traute und bei irgend­wel­chen Unge­rech­tig­keiten ging er auf die Bar­ri­kaden.“ Das Pro­blem war aller­dings, das zwi­schen seinem ersten und zweiten Enga­ge­ment in Sevilla der Haupt­ak­tionär und Prä­si­dent wech­selte. Der neue Mann hieß Manuel Ruiz de Lopera, war eine Art Jesus Gil y Gil aus Sevilla und legte keinen großen Wert auf Kom­mu­ni­ka­tion. Die Infra­struktur des Ver­eins war schlecht, die Arbeits­be­din­gungen alles andere als ideal und die Gehälter wurden nicht immer frist­ge­recht bezahlt. Trifon warf Lopera in einer Tour vor, seine Füh­rung des Klubs wäre der Dritten Welt ange­messen.“

Als 1993 beim FC Bar­ce­lona Ronald Koe­man meh­rere Monate auf­grund einer Ver­let­zung aus­fiel, kam der Klub auf den Bul­garen zu. Sie boten mir einen Ver­trag an, aber der Prä­si­dent hat den Transfer ver­hin­dert“, erklärt Iwanow, wäh­rend er seine dritte Kippe aus­drückt. Er sagte, dass unsere Mann­schaft ohne mich nicht funk­tio­nieren würde. Ich kann es ihm nicht vor­werfen, aus seiner Sicht war es viel­leicht die rich­tige Ent­schei­dung. Aber mit einem Wechsel zum FC Bar­ce­lona wäre meine Kar­riere viel­leicht noch ganz anders ver­laufen.“ Es gibt noch ein zweites Angebot, das sich im Nachhin­ein als ver­passte Chance erwies. Von … Sturm Graz. Damals war ich bei Aus­tria Wien, und Ivica Osim, der Trainer von Sturm Graz, wollte mich holen. Aber meine Frau hatte damals was dagegen. Graz qua­li­fi­zierte sich dann in den fol­genden drei Jahren für die Cham­pions League.“ Der Wolf betont jedoch, dass sich die Fehl­ent­schei­dungen seines Lebens ansonsten an einer Hand abzählen lassen, inklu­sive zweier Roter Karten. Einmal musste ich sechs Spiele aus­setzen, weil ein Spieler von Linz mich als dre­ckigen Bul­garen beschimpft hatte und ich ihm dar­aufhin meinen Ellen­bogen ins Kinn gerammt habe. Und bei einem Freund­schafts­spiel 1991 gegen Ita­lien in Sofia spuckte mir Gian­luca Vialli mitten ins Gesicht. Im nächsten Moment lag er schon auf dem Boden, es war wie bei Zidane und Mate­razzi. Ich war im Unrecht, aber kein mensch­li­ches Wesen hat seine Emo­tionen ständig unter Kon­trolle.“ Trifon Iwanow jeden­falls nicht.

Im Spiel um Platz Drei bei der WM 94 lag Bul­ga­rien gegen Schweden schon nach 40 Minuten mit 0:4 zurück, als Iwanow zwei Minuten später aus­ge­wech­selt wurde und sein Trikot auf den Rasen pfef­ferte. Ich hatte den Trainer gebeten, mich schon vorher raus­zu­nehmen, weil jeder nur für sich spielte, aber er wollte nicht. Nachdem ich es nicht geschafft hatte, Larsson am vierten Tor zu hin­dern, habe ich zur Bank gerufen: Wechsel mich aus oder ich mach mich vom Acker.“

Erstaun­li­cher­weise ist Trifon Iwanow einer der wenigen bul­ga­ri­schen Spieler seiner Genera­tion, der in der Cham­pions League gespielt hat, 1996 mit Rapid Wien. Damals vorm Spiel bei Man­chester United, der Trainer hatte andert­halb Stunden vor Anpfiff seine Ansprache gehalten, ver­ließ Iwanow die Kabine kurz. Als er zurückkam, war nur noch ein Mit­spieler dort, die anderen waren in den Fan­shop gegangen. Als sie zurück­kamen, habe ich ihnen gesagt, dass sie wenigs­tens bis zum Ende der Begeg­nung hätten warten können. Sie hätten sich auf dieses Match wie auf einen Krieg vor­be­reiten müssen, und in ihren Köpfen stünden sie jetzt schon als Ver­lierer fest.“ Rapid verlor mit 0:2, aber Iwanow gelang es zumin­dest, Eric Can­tona an die Leine zu nehmen. Nach dem Schluss­pfiff machte er sich auf den Weg zum Spie­ler­tunnel, wäh­rend die anderen sich auf Le Roi stürzten, um sein Trikot zu ergat­tern. Aber Can­tona stieß sie zurück und sagte ›Mein Trikot ist für Iwanow.‹ Das war ein wirk­lich kost­barer Moment für mich, weil mir ein so großer Fuß­baller seinen Respekt gezollt hat.“

Wechsel mich aus oder ich mach mich vom Acker“

Wie Trifon Iwanow das erzählt, muss dieser Moment sogar eine der schönsten in seinem Fuß­bal­ler­leben gewesen sein. Alles andere fällt dagegen etwas ab, so beson­ders es auch war. Seine erste Beru­fung in die Natio­nal­mann­schaft 1988 etwa. Er wurde im Freund­schafts­spiel gegen die DDR ein­ge­wech­selt und erzielte gleich den Sieg­treffer. Als er hem­mungslos los­ju­belte, bremsten seine Mann­schafts­ka­me­raden den Über­schwang des Neu­lings: Beru­hige dich, Junge, du bist doch gerade erst dabei!“ Oder das Derby 89 gegen Lewski Sofia, das 5:0 gewonnen wurde. Iwanow hatte das erste Tor geschossen, bevor Stoitschkow ein Vie­rer­pack gelang und er im Rück­spiel mit der Nummer 4 auf­lief, um den Rivalen richtig zu demü­tigen. Iwa­nows Vol­leytor aus 25 Metern in Wales beim Playoff-Spiel für die Euro 1996. Wir spielten wahr­schein­lich gegen die beste Mann­schaft, die jemals für Wales auf­ge­laufen war, mit Ryan Giggs und Vinnie Jones. Sie drängten uns in unseren Straf­raum und mein Tor sorgte dafür, dass wir den­noch gewinnen konnten. Aber nein, mein liebstes ist es nicht.“ Nein, sein liebstes Tor hat er 1997 gegen Russ­land geschossen. Es sorgte dafür, dass sich Bul­ga­rien für die WM in Frank­reich qua­li­fi­zierte. In seiner per­sön­li­chen Ruh­mes­halle fällt es ihm schwer, sich für dieses Spiel oder für den legen­dären Sieg 1993 in Frank­reich zu ent­scheiden, als sich Bul­ga­rien durch Kosta­di­nows Tor in letzter Sekunde qua­li­fi­zierte. Wir machten damals ein so starkes Spiel, dass ich von der ersten bis zur letzten Sekunde absolut sicher war, dass wir gewinnen würden.“

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In der End­phase seiner Kar­riere gab es dann aber noch eine große Ent­täu­schung. Nach dem Errei­chen des Halb­fi­nals in den USA, wurde die Welt­meis­ter­schaft in Frank­reich vier Jahre später zur Kata­strophe. Ich war bestimmt der Trau­rigste von allen, denn ich war der Kapitän dieser Mann­schaft, die kom­plett unter ihrem Niveau spielte. Es gab damals Kon­flikte inner­halb des Teams, die das Gemein­schafts­ge­fühl ins Wanken brachten. Nach diesem Schei­tern blieb mir nichts anderes übrig, als meine inter­na­tio­nale Kar­riere zu beenden. Es war vorbei.“

Auch seine Ver­eins­kar­riere kam danach nicht wieder richtig in Schwung. Den Höhe­punkt hatte er zwi­schen 1995 und 1997 bei Rapid Wien erlebt. Iwanow spielte in der Cham­pions League und erreichte das Finale im Euro­pa­pokal der Pokal­sieger, das aller­dings gegen Paris St.-Germain ver­lo­ren­ging. Außerdem wurde er öster­rei­chi­scher Meister und Pokal­sieger. In Öster­reich lernte er außerdem Bier zu trinken, auch wenn ich haupt­säch­lich Whiskey mag, nie­mals Wodka oder Schnaps, nur 12 Jahre alten Black Label.“ Und er hatte Hannes Nouza ken­nen­ge­lernt, Eigen­tümer der Tank­stel­len­kette Avanti und Tri­kot­sponsor von Rapid. Er kam mit dem Pri­vat­flug­zeug und seinen Anwälten nach Sofia und sagte zu mir: ›Ab jetzt spielst du für Rapid!‹ Eine Woche später schickte er sein Flug­zeug, um mich nach Wien zu holen.“ Iwa­nows Blick ver­düs­tert sich. Nouza, den er Papa nannte, ist 2007 ver­storben. Ich war sein Lieb­lings­spieler. Er hat viel für mich getan, und ich hab viel für ihn getan. Ich habe einen seiner fünf Fer­raris gefahren und in seinem Haus gewohnt, wäh­rend er am Ufer der Donau ein neues gebaut hat.“ Iwanow hatte seinen Ver­trag auch nicht mit Rapid, son­dern mit Nouza per­sön­lich geschlossen. Als dieser Rapid ver­ließ und bei Aus­tria als Sponsor ein­stieg, folgte Iwanow ihm eine Saison später. Und auch, als Nouza zum kleinen Wiener Verein Flo­ris­dorfer AC in der fünften öster­rei­chi­schen Liga wei­terzog, spielte Iwanow dort seine letzten drei Pro­fi­jahre.

Noch immer ein biss­chen Wolf im Mann“

Dar­über hinaus half Nouza ihm bei der Vor­be­rei­tung einer beruf­li­chen Kar­riere nach dem Fuß­ball. Nachdem Iwanow mit seinen ehe­ma­ligen Mit­spie­lern von 1995 eine Bank eröffnen wollte – ein kurz­le­biges Aben­teuer, über das er heute selber lacht – kaufte er erst ein Café im Zen­trum von Sofia, um dann zwei Tank­stellen in der Nähe von Weliko Tar­nowo zu eröffnen. Ihr Name: Gama, als Hom­mage an seine zwei Töchter aus erster Ehe: Galina und Marina. Ich werde sie aber ver­kaufen, das ist nicht so mein Ding.“ Zumal es viele Hobbys zu pflegen gibt, die vor allem mit knat­ternden Motoren zu tun haben. Ich mag extreme Sachen: Jetski, Squad fahren, Moto­cross. Ich liebe den Ner­ven­kitzel, den es bedeutet, eine schnelle Maschine mit einem starken Motor zu fahren“, sagt er. Seit er in den Westen gegangen war, ver­prasste er sein Geld für hoch­tou­rige Motoren. Als er neu­lich mit Geschäfts­män­nern aus Weliko Tar­nowo eine Reise in die USA unter­nehmen wollte, führte das sogar zu einem Pro­blem bei der Visa-Ver­gabe. Der Typ in der US-Bot­schaft hat zu mir gesagt: ›Sie bekommen das Visum, aber Sie haben gelogen. Sie haben nur sechs Autos als ihr Eigentum auf­ge­listet, aber ich weiß, dass Sie viel mehr besitzen.‹ Aber es ist ja nicht mein Fehler, wenn es auf den For­mu­laren nicht genug Platz gibt.“

Erstaun­lich bei dieser Moto­ri­sie­rung ist, dass Iwanow behauptet, dass ihm kaum etwas über die Natur geht. Die beste Art zu ent­spannen, ist für mich mit Freunden angeln oder jagen zu gehen. Es geht mir nicht darum, die Tiere zu töten, ich möchte ein­fach Zeit in der Natur ver­bringen.“ Aber bei Trifon Iwanow ist wohl noch immer ein biss­chen Wolf im Mann.

Ruhe in Frieden, Trifon!


HIN­WEIS: Dieser Text erschien erst­mals im Januar 2014