Seite 2: Zweifel kommen auf

Ich ent­deckte einige Fehler. So schrieb er zum Bei­spiel, das berüch­tigte Fol­ter­camp Club Atle­tico, in dem die Gefan­genen zu den Klängen von Hitler-Reden miss­han­delt wurden, hätte diesen Namen getragen, weil es in der Nähe der Heimat meines Ver­eins stand, dem Club Atle­tico Boca Juniors. Dabei gibt es Tau­sende von Ver­einen in Argen­ti­nien, die so heißen. Aber solche Unge­nau­ig­keiten berührten ja nicht die Geschichte mit den Tor­pfosten, die blieb fas­zi­nie­rend und ergrei­fend.

So wird Valen­tini mit den Worten zitiert: Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der ver­schwunden war. Alle vom Sta­di­on­per­sonal wollten pro­tes­tieren. Die Mütter der Ver­schwun­denen demons­trierten auf der Plaza de Mayo, und wir wussten, dass die Welt zusah. Wir über­legten, ob wir eine Bot­schaft in den Rasen mähen oder etwas auf die Wer­be­banden schreiben sollten – etwas, das die Fern­seh­ka­meras ein­fangen würden.“ Aber das war natür­lich viel zu gefähr­lich, und so, sagt Valen­tini, ent­stand die Idee mit den schwarzen Tor­pfosten.

Als ich nach der Frauen-EM in meine Heimat zurück­kehrte, stellte ich fest, dass die Geschichte der bemalten Pfosten es auch auf argen­ti­ni­sche Zei­tungs­seiten und Web­sites und sogar bis ins Radio geschafft hatte. Doch nie­mand schien sie geprüft zu haben. Oder viel­leicht wollte es auch nie­mand, weil die Story ein­fach zu schön klang. Schließ­lich waren drei der schlimmsten Ver­bre­cher aus der Zeit der Dik­tatur – Jorge Videla, Edu­ardo Mas­sera und Orlando Agosti – nicht bloß Mit­glieder von River Plate, son­dern zogen großen poli­ti­schen Nutzen aus der Orga­ni­sa­tion der Welt­meis­ter­schaft 1978, wäh­rend sie gleich­zeitig Fol­te­rungen und Exe­ku­tionen anord­neten, Men­schen bei leben­digem Leib aus Flug­zeugen werfen ließen oder die in Gefan­gen­schaft gebo­renen Kinder von ent­führten Frauen ver­kauften.

Erste Selt­sam­keiten

Dass es bei dieser WM eine ver­bor­gene Geste gegen die Mör­der­bande gegeben haben sollte, war daher zutiefst befrie­di­gend. Die berühmten Fotos vom Finale im Estadio Monu­mental, der Heim­stätte von River Plate, bekamen eine völlig neue Bedeu­tung, denn plötz­lich erkannten wir, dass sie eine Art Was­ser­zei­chen trugen – schwarze Streifen unten an den Tor­pfosten als Mahnmal gegen den Terror. Jetzt kannten wir einen neuen Helden, einen Sta­di­on­an­ge­stellten mit Namen Eze­quiel Valen­tini, der mit seinen bloßen Händen – und einem Pinsel – gegen die schlimmsten Schurken in der Geschichte unseres Landes gekämpft hatte.

Seltsam nur, dass jemand, der ihn kennen muss, ihn nicht kennt. Dieser Jemand ist Carlos Per­alta. Er arbeitet seit 1978 in ver­schie­denen Posi­tionen für River Plate und ist als Zeug­wart eine solche Legende, dass der dama­lige Natio­nal­trainer Daniel Pas­sa­rella ihn mit zur Welt­meis­ter­schaft 1998 in Frank­reich nahm. Als ich Per­alta die Geschichte von den Pfosten erzähle, run­zelt er die Stirn. Ich erin­nere mich an einen Valen­tini“, sagt er. Doch der war im Vor­stand, und sein Sohn hatte nie mit Arbeiten im Sta­dion zu tun.“