Seite 3: Eine Frage der Tradition

Per­alta hält es zudem für unmög­lich, dass jemand unter den Augen der Junta eine Art Trau­er­flor auf die Pfosten malte. Nie­mals!“, sagt er. Alles wurde bis ins kleinste Detail durch­ge­plant. Der Chef-Platz­wart damals hieß Car­litos Men­donca. Er küm­merte sich um alles, immer unter der Auf­sicht eines Mili­tärs namens Colonel Sara­pura. Der begut­ach­tete den Zustand des Platzes, der Netze – alles.“

Trotzdem war die Bema­lung ja da. Warum ließ dieser Colonel das zu? Die Ant­wort bekomme ich von dem 72-jäh­rigen Aldo Pedro Poy, einer Legende des Klubs Rosario Cen­tral. Schauen Sie, ich möchte diese schöne Geschichte nicht rui­nieren“, sagt er zu mir. Aber die Tra­di­tion der bemalten Tor­pfosten gab es schon, als ich noch ein Kind war.“ Poy ist vor allem für einen Flug­kopf­ball berühmt, mit dem er 1971 ein Tor gegen Newell’s Old Boys erzielte, also fast fünf Jahre, bevor die Junta die Macht über­nahm. Jeder Argen­ti­nier kennt die Film­auf­nahmen und Fotos. Und auf denen sieht man deut­lich, dass die Pfosten unten mit schwarzer Farbe bemalt waren, fast dop­pelt so hoch wie sieben Jahre später bei der WM.

Und man kann noch viel weiter zurück­gehen, wirk­lich bis in Poys Kind­heit. Der berühm­teste Elf­meter in der Geschichte des argen­ti­ni­schen Ver­eins­fuß­balls wurde 1962 beim Derby zwi­schen den Boca Juniors und River Plate vom Tor­wart Antonio Roma gehalten. Dabei stand er in La Bom­bonera zwi­schen zwei schwarz bemalten Pfosten. Dann ist da die Tat­sache, dass wir an jedem 14. Mai El Día del Fut­bo­lista Argen­tino begehen, den Tag des argen­ti­ni­schen Fuß­bal­lers. Das Fest geht zurück auf einen Sieg gegen Eng­land 1953. Und wann immer die Bilder wieder gezeigt werden, kann man deut­lich erkennen, dass die Pfosten bemalt waren.

Goal grillo england 1953

14. Mai 1953: Ernesto Grillo trifft zum 1:1 gegen Eng­land.

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Ich glaube, dass die schwarzen Pfosten eine Tra­di­tion sind, die in unserem Land ent­standen ist“, sagt mir ein erfah­rener Kol­lege, der seit 1958 von jeder WM berichtet hat. Es begann wohl Anfang der Drei­ßiger, als sich hier der Pro­fi­fuß­ball ent­wi­ckelte. Aber es dau­erte fast fünf Jahr­zehnte, bis es dem Rest der Welt auf­fiel, näm­lich bis zur WM.“ In der Tat waren die Pfosten fast überall sonst weiß, selbst bei unseren Nach­barn. Eine pro­mi­nente Aus­nahme stellte das Camp Nou dar, wo die Pfosten schon seit 1971 und bis 1989 bei Klub­spielen des FC Bar­ce­lona fast durch­gängig gefärbt waren. Doch erst nach der WM in Argen­ti­nien wurde das kurz­zeitig Mode, etwa in Mexiko und Boli­vien. Als 1984 das Finale des Olym­pi­schen Fuß­ball­tur­niers in Pasa­dena aus­ge­tragen wurde, waren auch dort die Pfosten unten schwarz.

Womit sich drei Fragen stellen. Die erste lautet natür­lich: Warum wurden die Pfosten bemalt? Nahe­lie­gend scheint, dass es eine Art Imprä­gnie­rung war, mit der man die alten Holz­pfosten vor Pilz­be­fall oder Ähn­li­chem schützte. Doch warum musste man das nur in Argen­ti­nien tun? Und warum färbte man die Pfosten auch noch, als sie aus Metall waren? Die Pfosten wurden ein­fach nur zur Deko­ra­tion bemalt“, sagt mir Carlos Per­alta. Ich glaube, ursprüng­lich war es mal dazu gedacht, den Spie­lern eine opti­sche Hilfe zu geben. Die Tor­li­nien sind ja weiß, dazu noch das ganze weiße Kon­fetti im Straf­raum. Durch die dunkle Farbe sahen die Spieler schneller, wo das Tor steht.“