Otto Reh­hagel wagte auf seine alten Tage eine tak­ti­sche Inno­va­tion: Anders als zuletzt fing Berlin in einem 4 – 4‑2-System an. Adrian Ramos agierte in der Spitze leicht hinter Pierre-Michel Lasogga, Spiel­ge­stalter Raf­fael wurde dafür auf die Sech­ser­po­si­tion zurück­ge­zogen. Diese Marsch­route ging nicht auf: Der spiel­stärkste Her­thaner war auf seiner tie­feren Posi­tion ver­schenkt. Ohne ihn fehlte den Ber­li­nern in Halb­zeit eins Krea­ti­vität in Straf­raum­nähe. Den vier auf­ge­bo­tenen Offen­siv­kräften war anzu­merken, dass sie als gelernte Stürmer alle­samt spie­le­risch limi­tiert sind. Nicht einmal fünfzig Pro­zent der Pässe im letzten Drittel kamen beim Mit­spieler an.

Lau­tern kon­tert stark

Mit dieser Krea­ti­vi­täts­lo­sig­keit in der geg­ne­ri­schen Hälfte spielte die alte Dame den Lau­te­rern in die Karten. Die roten Teufel konnten sich ganz auf ihre solide Defen­sive ver­lassen, ohne dabei groß gefor­dert zu werden. Mit ihrem 4 – 1‑4 – 1‑System ver­schlossen sie die Räume. Geschickt ver­schoben sie im Mit­tel­feld und ach­teten beson­ders darauf, dass die Ber­liner Außen­ver­tei­diger ihre Vor­der­leute nicht hin­ter­laufen konnten. Dafür arbei­teten Kon­stan­tinos For­to­unis und Olcay Sahan gewis­sen­haft mit nach hinten.

Ihr Kon­ter­spiel pro­fi­tierte zudem davon, dass Defen­siv­ar­beit nicht unbe­dingt die größte Stärke von Raf­fael ist. Er und sein Mit­tel­feld­kol­lege Ottl gingen bis zur Pause nur 14 Zwei­kämpfe ein, von denen sie zwei Drittel ver­loren. Die roten Teufel nutzten geschickt aus, dass die beiden oft­mals Lücken im Zen­trum frei­ließen. Ihre schlechte Abstim­mung ver­schul­dete einige Kon­ter­si­tua­tionen. Beide Treffer der Lau­terer wurden fol­ge­richtig über die Mit­tel­feld­zen­trale ein­ge­leitet.

Sys­tem­wechsel nach der Pause

Nach der Pause kehrte Reh­ha­gels Team zur bekannten 4−2−3−1 For­ma­tion zurück, Raf­fael durfte nun wieder von der Zeh­ner­po­si­tion aus agieren. Mit der neuen, alten Taktik kehrten auch die etat­mä­ßigen Pro­bleme zurück: Im Spiel­aufbau fehlt jeg­liche Krea­ti­vität. Reh­ha­gels Idee, Raf­fael nach hinten zu ziehen, mag in der Praxis geschei­tert sein, die zweite Hälfte bewies jedoch, dass zumin­dest der Gedanke nicht schlecht war. Denn Andreas Ottl brachte gerade mal drei Pässe ins letzte Drittel, sein Neben­mann Fanol Per­dedaj keinen ein­zigen – ein Armuts­zeugnis für zwei Sechser.

Chancen gab es für die Her­thaner ent­weder nach Geis­tes­blitzen der Indi­vi­dua­listen (Ronny tat sich hier nach seiner Ein­wechs­lung hervor) – oder nach Stan­dard­si­tua­tionen. Der Aus­gleichs­treffer fiel dem­entspre­chend nach einem Eck­ball (60.). Trotz der knappen Füh­rung wirkte es zu keiner Zeit so, als ob Hertha sich gegen die dro­hende Nie­der­lage auf­bäumen würde. Spä­tes­tens nach der Gelb-Roten Karte gegen Peter Nie­meyer konnte sich Lau­tern dank einiger Konter ein klares Chan­cen­plus erar­bei­teten. Der 2:1‑Sieg war voll und ganz ver­dient. Nach dieser krea­ti­vi­täts- und lei­den­schafts­losen Leis­tungen fällt es schwer, die Hoff­nung auf den Nicht­ab­stieg zu ver­lieren. Selbst Reh­ha­gels Kopf-hoch-Rhe­torik wirkt ange­sichts der deso­laten spie­le­ri­schen Lage welt­fremd – mit solch einer Leis­tung wird das Errei­chen der Rele­ga­tion schwer.