Seite 2: Der Leierkastenmann und Asi-Erich, Fußballgott

Walter Bir­kner

Lei­er­kas­ten­mann“ / FCN
Schnee­regen und Abstiege, er trotzt allen Wider­ständen und spielt Die Legende lebt“.

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Robert Eikel­poth

Seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert die­selbe Pro­zedur: Walter Bir­kner parkt am Ver­eins­ge­lände des FCN. Er wuchtet seinen etwa zwölf Kilo schweren Lei­er­kasten aus dem Auto und läuft zum Sta­dion. Dann spielt er los, nahe des Max-Mor­lock-Platzes, stun­den­lang, alle Club-Lieder. Er hat jedes ein­zelne gekauft, tau­sende Euro hat das gekostet. Fast aus­nahmslos jeder Fan steuert ihn auf dem Weg zum Block an und wirft ihm Klein­geld in den Korb. Hobb etz!“ Die Legende lebt. Kurz vor dem Anpfiff packt Bir­kner den Lei­er­kasten ein, setzt sich ins Auto und hört die Spiele im Radio, direkt vor dem Sta­dion. Nur beim Derby gegen Fürth im Februar sah er die erste Hälfte auf der Tri­büne. Zur Pause hielt er es nicht mehr aus, die Auf­re­gung war zu groß. 

Asi-Erich“

Fuß­ball-Gott“ / Schalke
Seit meh­reren Jahr­zehnten findet kein Aus­wärts­spiel und damit keine Party ohne ihn statt.

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Robert Eikel­poth

Da war Hal­li­galli“, sagt Erich, lacht kehlig und bietet den Umste­henden vor dem Pfle­ge­heim noch Ziga­retten an. Doch für seine Besu­cher ist es zu früh für eine fil­ter­lose Roth-Händle. Die dunklen Haare fallen ihm über die Ohren, die knö­chernen Hände flirren durch die Luft, dann erzählt er, wie er in den sieb­ziger Jahren mal wieder pleite war. Plötz­lich aber winkte durch ein Stück Papier die große Ver­hei­ßung: ein Wett­schein. 

Erich gewann über 20 000 D‑Mark beim Pfer­de­rennen. So irre viel Geld. Er unter­nahm das in seinen Augen einzig Rich­tige, stieg mit seinen Kum­pels ins Taxi und ließ sich zum Aus­wärts­spiel des FC Schalke nach Mün­chen kut­schieren. Den Rest der Kohle ver­ru­derte er in den fol­genden drei Wochen. Von sol­chen Geschichten gibt es hun­derte. Erich ist eine Kult­figur der Fans, sie nennen ihn mit auf­rich­tiger Aner­ken­nung Asi-Erich, Fuß­ball­gott“. Erich ist für sie kein Clown, son­dern eine treue Seele. Einer, der immer schon da war. Eine Figur, von der ihnen mit­unter schon in Kind­heits­tagen erzählt wurde. Einer, mit dessen Leben sie nichts gemein haben, wohl aber das für manche Wich­tigste: die bedin­gungs­lose Liebe zu einem Fuß­ball­verein.

Vor einigen Monaten ver­ließ er mor­gens das Pfle­ge­heim, in dem er seit einer Hüft-OP lebt, um sich zum 40 Kilo­meter ent­fernt statt­fin­denden Revier­derby auf­zu­ma­chen. Viele Fans trauten ihren Augen nicht, als sie Erich vor dem Sta­dion trafen. Er war mit seinem Rol­lator gekommen.

Strip-Adi

Der Prä­si­dent“ / SGE
Ein Mann, der in die Welt auszog, um sich für die Ein­tracht aus­zu­ziehen. Selbst in Litauen.

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Robert Eikel­poth

Man­fred Adel­mann lacht sich immer noch schlapp. Der Körper bebt, der kahle Kopf wogt hin und her. Er hält sich die Hände vors Gesicht, schüt­telt sich und gluckst, wenn er von all seinen Auf­tritten erzählt. Adel­mann, den alle nur Adi“ nennen, wurde als Stripper berühmt, obwohl bei ihm nicht unbe­dingt eine Ver­wechs­lungs­ge­fahr mit den Chip­pen­dales besteht. Strip-Adi“ ist Auto­di­dakt. 

Aus einer Laune heraus for­derten ihn seine Kum­pels bei einem Euro­pa­po­kal­spiel 1988 in Basel zur ersten Ein­lage heraus, danach wurde der Strip obli­ga­to­risch. In Berlin verlas er die Mann­schafts­auf­stel­lung von Ein­tracht Frank­furt auf dem Rasen und ließ dann die Hüllen fallen. In Litauen sorgte der Bür­ger­meister bei einer ähn­li­chen Aktion im Fan­block für Adis umge­hende Ver­haf­tung. Auch das konnte ihn nicht auf­halten, er war mit der SGE in Baku, Tel Aviv und in Moskau bei minus 25 Grad. 

Die Spiele sind für einen wie ihn das letzte große Aben­teuer. Bei einem Pokal­kick in Verl lief er auf den Rasen zu einer Blas­ka­pelle, die in der Halb­zeit spielte. Er ent­riss dem Diri­genten den Takt­stock und über­nahm in Unter­hose das Kom­mando, bevor er Dop­pel­pässe mit den sich auf­wär­menden Ersatz­spie­lern voll­führte. Er lacht und sagt: Die Kapelle hat keine Panik auf­kommen lassen – und ich erst recht nicht.“