11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Seit dem 23. März ist​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ auf dem Markt, mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Echte Fan­kurven-Uni­kate.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Andora“

Kos­mo­naut und Kos­mo­polit“ / Union Berlin
Der Künstler reiste um die Welt, seit 1968 auch mit den Eisernen“

Union1 RZ Kopie
Robert Eikel­poth

Wer diesen Mann einmal gesehen hat, ver­gisst das Bild nicht. Der graue Bart, die durch­drin­genden Augen, Gesichts­züge wie mit der Hand­kante gezogen. Und dann einen Union-Berlin-Helm auf dem Kopf. Seine Signatur: Andora. Unter­wegs im Uni­versum.“ Ein Fan und Künstler. Für beides ist eine Prise Wahn­sinn nicht abträg­lich. 

Andora steht im Sitzen und trom­melt mit der Stimme. Er nimmt die rote Brille in der Mitte aus­ein­ander. Schiebt den Pull­over hoch, legt die Tat­toos frei, das umge­stal­tete Union-Logo mit dem Schriftzug: 1. FC Pop­kunst. Die Alte Förs­terei is ne Kathe­drale à la Gaudi“, sagt er. Die Hose ist auf­ge­rissen, die weißen Schuhe mit bunten Farb­sprit­zern flirren wie Kon­fet­ti­regen, an der Hand rotiert der Toten­kopf-Ring mit blau-rotem Gehirn. Er nippt an meh­reren Glä­sern, mal Tee, mal Port­wein, schmaucht Zigarre. Dann springt er durch den Raum voll mit Union und Kunst, ein Wim­mel­bild der Lei­den­schaft, das Mau­so­leum eines Lebens. Als Popart-Künstler, Heizer, Küster, Fahr­stuhl­führer, Schrift­steller. Er soff mit Lemmy in den USA und bemalte Raketen in Russ­land.

Wer im ganzen Uni­versum unter­wegs ist, schätzt die Erdung der Heimat. Beim Sta­di­onbau von Union, in der Gemein­schaft der Positiv-Bekloppten, blühte er auf. Dit“, sagt Andora und pustet Rauch in die Luft, dit war die Chance meines Lebens.“

Lothar Dohr

Der Schreck vom Nie­der­rhein“ / RWE
Im Alter von 14 Jahren stieg er auf den Zaun und heizte fortan 30 Jahre lang den Massen ein.

Essen portrait RZ Kopie
Robert Eikel­poth

Es gibt Bands, die haben diesen einen großen Hit geschrieben. Sie können viele andere Sachen aus­pro­bieren, doch die Leute wollen diesen Hit hören, weil er sie ihrer selbst und all ihrer Erin­ne­rungen ver­ge­wis­sert. Lothar Dohr aus Essen schrieb diesen Hit im Alter von vier­zehn Jahren. Die Lyrics lauten: Wer ist der Schreck vom Nie­der­rhein? Wer sam­melt alle Punkte ein? Wer spielt den Gegner an die Wand? Wer schießt die Tore am lau­fenden Band?“ Die Menge ant­wor­tete auf jede Frage: Nur der RWE!“ 

Lothar Dohrs Madison Square Garden war die Essener Hafen­straße, die Heimat von Rot-Weiss, seine Bühne war auf der Stange“. Als Junge klet­terte er sie im Jahr 1974 hinauf, vor die Masse der Zuschauer und peitschte an. Immer und immer wieder. Der Frage-Ant­wort-Hit wurde zu einem jahr­zehn­te­lang gepflegten Ritual, Dohr hatte nur noch einen Namen: Der Schreck vom Nie­der­rhein“. Er sagt:„Die Zeiten wurden härter, all die Abstiege! Aber ich kann diesen Verein nicht ver­lassen, trotz allem.“ 

Boris Becker zog irgend­wann nach Wim­bledon, Dohr wohnt gegen­über vom Sta­dion an der Essener Hafen­straße. Er arbeitet in einer Con­tai­ner­land­schaft mit­ten­drin, als Fan­be­treuer, mit Blick auf die Ränge und die Stange. Lange war er nicht mehr dort oben, der Rücken, der Blut­hoch­druck ver­wehrten es.

Doch bei der Auf­stiegs­feier im Jahr 2011 for­derten Tau­sende: Lothar auf die Stange!“ Und tat­säch­lich gab er sein Come­back mit dem größten Hit. Gefolgt vom pro­gram­ma­ti­schen Refrain: Aber eins, das bleibt bestehen, denn Rot-Weiss Essen wird nie unter­gehen.“ Trotz allem.

Walter Bir­kner

Lei­er­kas­ten­mann“ / FCN
Schnee­regen und Abstiege, er trotzt allen Wider­ständen und spielt Die Legende lebt“.

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Robert Eikel­poth

Seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert die­selbe Pro­zedur: Walter Bir­kner parkt am Ver­eins­ge­lände des FCN. Er wuchtet seinen etwa zwölf Kilo schweren Lei­er­kasten aus dem Auto und läuft zum Sta­dion. Dann spielt er los, nahe des Max-Mor­lock-Platzes, stun­den­lang, alle Club-Lieder. Er hat jedes ein­zelne gekauft, tau­sende Euro hat das gekostet. Fast aus­nahmslos jeder Fan steuert ihn auf dem Weg zum Block an und wirft ihm Klein­geld in den Korb. Hobb etz!“ Die Legende lebt. Kurz vor dem Anpfiff packt Bir­kner den Lei­er­kasten ein, setzt sich ins Auto und hört die Spiele im Radio, direkt vor dem Sta­dion. Nur beim Derby gegen Fürth im Februar sah er die erste Hälfte auf der Tri­büne. Zur Pause hielt er es nicht mehr aus, die Auf­re­gung war zu groß. 

Asi-Erich“

Fuß­ball-Gott“ / Schalke
Seit meh­reren Jahr­zehnten findet kein Aus­wärts­spiel und damit keine Party ohne ihn statt.

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Robert Eikel­poth

Da war Hal­li­galli“, sagt Erich, lacht kehlig und bietet den Umste­henden vor dem Pfle­ge­heim noch Ziga­retten an. Doch für seine Besu­cher ist es zu früh für eine fil­ter­lose Roth-Händle. Die dunklen Haare fallen ihm über die Ohren, die knö­chernen Hände flirren durch die Luft, dann erzählt er, wie er in den sieb­ziger Jahren mal wieder pleite war. Plötz­lich aber winkte durch ein Stück Papier die große Ver­hei­ßung: ein Wett­schein. 

Erich gewann über 20 000 D‑Mark beim Pfer­de­rennen. So irre viel Geld. Er unter­nahm das in seinen Augen einzig Rich­tige, stieg mit seinen Kum­pels ins Taxi und ließ sich zum Aus­wärts­spiel des FC Schalke nach Mün­chen kut­schieren. Den Rest der Kohle ver­ru­derte er in den fol­genden drei Wochen. Von sol­chen Geschichten gibt es hun­derte. Erich ist eine Kult­figur der Fans, sie nennen ihn mit auf­rich­tiger Aner­ken­nung Asi-Erich, Fuß­ball­gott“. Erich ist für sie kein Clown, son­dern eine treue Seele. Einer, der immer schon da war. Eine Figur, von der ihnen mit­unter schon in Kind­heits­tagen erzählt wurde. Einer, mit dessen Leben sie nichts gemein haben, wohl aber das für manche Wich­tigste: die bedin­gungs­lose Liebe zu einem Fuß­ball­verein.

Vor einigen Monaten ver­ließ er mor­gens das Pfle­ge­heim, in dem er seit einer Hüft-OP lebt, um sich zum 40 Kilo­meter ent­fernt statt­fin­denden Revier­derby auf­zu­ma­chen. Viele Fans trauten ihren Augen nicht, als sie Erich vor dem Sta­dion trafen. Er war mit seinem Rol­lator gekommen.

Strip-Adi

Der Prä­si­dent“ / SGE
Ein Mann, der in die Welt auszog, um sich für die Ein­tracht aus­zu­ziehen. Selbst in Litauen.

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Robert Eikel­poth

Man­fred Adel­mann lacht sich immer noch schlapp. Der Körper bebt, der kahle Kopf wogt hin und her. Er hält sich die Hände vors Gesicht, schüt­telt sich und gluckst, wenn er von all seinen Auf­tritten erzählt. Adel­mann, den alle nur Adi“ nennen, wurde als Stripper berühmt, obwohl bei ihm nicht unbe­dingt eine Ver­wechs­lungs­ge­fahr mit den Chip­pen­dales besteht. Strip-Adi“ ist Auto­di­dakt. 

Aus einer Laune heraus for­derten ihn seine Kum­pels bei einem Euro­pa­po­kal­spiel 1988 in Basel zur ersten Ein­lage heraus, danach wurde der Strip obli­ga­to­risch. In Berlin verlas er die Mann­schafts­auf­stel­lung von Ein­tracht Frank­furt auf dem Rasen und ließ dann die Hüllen fallen. In Litauen sorgte der Bür­ger­meister bei einer ähn­li­chen Aktion im Fan­block für Adis umge­hende Ver­haf­tung. Auch das konnte ihn nicht auf­halten, er war mit der SGE in Baku, Tel Aviv und in Moskau bei minus 25 Grad. 

Die Spiele sind für einen wie ihn das letzte große Aben­teuer. Bei einem Pokal­kick in Verl lief er auf den Rasen zu einer Blas­ka­pelle, die in der Halb­zeit spielte. Er ent­riss dem Diri­genten den Takt­stock und über­nahm in Unter­hose das Kom­mando, bevor er Dop­pel­pässe mit den sich auf­wär­menden Ersatz­spie­lern voll­führte. Er lacht und sagt: Die Kapelle hat keine Panik auf­kommen lassen – und ich erst recht nicht.“