Spiele gegen den FC Bayern Mün­chen haben einen großen Vor­teil: Man weiß, was zu tun ist. Vor dem Spiel sagte VfB-Trainer Markus Wein­zierl beim TV-Sender Sky, seine Mann­schaft wolle hinten gut stehen und vorne schnell kon­tern. Was Anderes könne man gegen die Bayern auch gar nicht machen.

Gesagt, getan: Mit schnellem Kon­ter­spiel prüfte der VfB die Abwehr des Rekord­meis­ters. Am Ende stand es zwar den­noch 1:4, doch Stutt­gart konnte sich der eigenen Leis­tung rühmen. Das Pro­blem: Es wird nicht so ein­fach mög­lich sein, die Spiel­weise aus der Partie gegen die Bayern auch gegen andere Gegner anzu­wenden.

Ein­kaufs­po­litik: Jugend und Geschwin­dig­keit

Gegen die Bayern standen gleich drei Spieler in Stutt­garts Startelf, die Manager Michael Reschke in der Win­ter­pause ver­pflichtet hatte: Auf den Flü­geln begannen mit Steven Zuber und Alex­ander Ess­wein zwei Leih­spieler, in der Abwehr fei­erte das 18jährige Talent Ozan Kabak sein Debüt. Trainer Wein­zierl stellte seine Mann­schaft in einem 4−2−3−1 auf.

Mit den Neu­zu­gängen gewinnt der VfB vor allem an Geschwin­dig­keit. Ess­wein und Zuber sind zwei dyna­mi­sche Außen­spieler, die ihre Stärken im Vor­wärts­gang haben. Auch der junge Kabak bringt Geschwin­dig­keit und Hand­lungs­schnel­lig­keit im Abwehr­zen­trum mit. Den Ball erobern, direkt nach vorne spielen: Mit dieser Stra­tegie wollte man den großen FC Bayern ärgern.

Das funk­tio­nierte in der ersten Halb­zeit gar nicht schlecht. Die Bayern ver­nach­läs­sigten nach der frühen 1:0‑Führung (5.) die Defen­sive. Das Mit­tel­feld-Zen­trum der Mün­chener stand unge­wohnt offen. Schuld daran war die schlechte Abstim­mung zwi­schen Sturm und Abwehr: Die Abstände der Bayern waren zu groß, die For­ma­tion zu gestreckt. Und der VfB? Der nutzte unge­wohnt kühl diese Schwä­chen aus. Der 1:1‑Halbzeitstand, her­ge­stellt durch ein Traumtor von Zehner Ana­sta­sios Donis (26.), war nicht unver­dient. Gleich mehr­fach konnten die Stutt­garter mit Tempo auf die Bayern-Abwehr zulaufen.

Der Teufel steckt im Detail

In der zweiten Halb­zeit zeigte sich jedoch, dass dem VfB Stutt­gart Einiges fehlt, um eine wahr­haft starke Konter-Mann­schaft zu sein. So war das defen­sive Niveau nied­riger als das offen­sive. Stutt­gart offen­barte im 4−4−1−1 gegen den Ball immer wieder Lücken. Wenn der Außen­stürmer zum Pres­sing über­ging, schien nicht ganz klar, wer dahinter die her­auskip­penden Mit­tel­feld­spieler über­nehmen soll. Die Bayern kamen immer wieder im Halb­raum an den Ball.

Auch in der Abwehr­kette offen­barten die Stutt­garter Löcher. Sowohl beim Treffer zum 0:1 als auch beim 1:2 ver­passte die Abwehr den rich­tigen Zeit­punkt, um nach einer Klä­rungs­ak­tion her­aus­zu­rü­cken. Die Stutt­garter ließen den Raum vor dem eigenen Straf­raum sträf­lich unbe­setzt. Solche Details ent­scheiden bei einer defensiv ori­en­tierten Mann­schaft, ob sie gegen die Bayern einen Punkt holt – oder ob sie 1:4 unter­geht. Mit diesen Details haben die Stutt­garter in dieser Saison ihre Pro­bleme. Dass Ron-Robert Zieler keinen guten Tag erwischte und beim 1:3 patzte, besie­gelte am Ende die klare Klat­sche der Stutt­garter.

Weder Fisch noch Fleisch

Die Partie gegen die Bayern legte aber auch das all­ge­meine Pro­blem der Stutt­garter offen. So richtig weiß man nicht, wel­chen stra­te­gi­schen Kern diese Mann­schaft besitzt. Will sie wie gegen die Bayern einen schnellen Kon­ter­fuß­ball spielen? Dazu fehlt vor allem die defen­sive Sta­bi­lität, die unab­dingbar ist für solch eine Stra­tegie. Ohne Ball­ge­winne lässt sich schlecht kon­tern.

Oder will der VfB eher über das Ball­be­sitz­spiel kommen? Bei den Nie­der­lagen gegen Schalke (1:3) und Mainz (2:3) hatte der VfB Ball­be­sitz­werte jen­seits der 60%. Die zarten Ver­suche, struk­tu­riert hinten her­aus­zu­spielen, schei­terten aber an der schwa­chen Beset­zung des Mit­tel­felds sowie an gut ein­ge­stellten Geg­nern. Doch wahr ist auch: Nur wenige Gegner über­nehmen gegen den VfB derart selbst­be­wusst den Ball­be­sitz wie die Bayern. Sie wissen: Wer dem VfB den Ball über­lässt, hat wenig zu befürchten.

Zahl­lose Bau­stellen

Es sind nicht die ein­zigen Bau­stellen, an denen Wein­zierl feilen muss. Es gibt viele offene Fragen im VfB-Team. Welche For­ma­tion soll die Stamm­va­ri­ante werden? Wein­zierl pen­delt zwi­schen 4−2−3−1 und 4−3−3. Wer soll im Sturm agieren? Eine Vari­ante mit dem schnellen Stoß­stürmer Nicolas Gon­zalez funk­tio­niert anders als ein Spiel mit Voll­blut-Stürmer Mario Gomez. Und wie will Wein­zierl das Mit­tel­feld sta­bi­li­sieren?

Ange­sichts derart zahl­rei­cher offener Fragen kann man beim VfB Stutt­gart von einer Ope­ra­tion am offenen Herzen spre­chen. Der Kampf um den Abstieg – er wird lang und beschwer­lich. Da kann so ein Spiel gegen den FC Bayern fast schon ent­span­nend wirken. Man wusste schließ­lich, was man zu tun hat. Gegen den SC Frei­burg am kom­menden Sonntag sieht das schon wieder ganz anders aus.

Erst da wird sich die Frage beant­worten: Quo vadis, VfB Stutt­gart?