Er trug das Trikot mit der 7, der Nummer der Irren. Und als wäre das nicht Signal und Stigma genug gewesen, klappte er auch noch den Kragen hoch. Und dann dieser abschät­zige Blick auf den Gegen­spieler, dieser gockel­hafte Gang! Für wen hielt sich dieser Mann eigent­lich? Ganz ein­fach für den Größten. Und seine Bewun­derer sagen: Er hatte Recht. Sie nennen ihn Le Roi“, den König.



Sieht man Eric Can­tona heute, etwa ein Jahr­zehnt nach dem Ende seiner aktiven Lauf­bahn, mit langem Haar, Voll­bart und dem Ansatz einer Wampe, fällt in seiner Erschei­nung so ziem­lich alles zusammen, was man deka­dent nennen kann. Ja, er ist immer noch ein König, ein Süd­see­könig aller­dings. Aber auch einen guten Schrift­steller würde er abgeben – sagte er doch selbst einmal, er sei ein Poet, ein Künstler, ja: ein Phi­lo­soph.

Als die Mar­seiller Vor­städte errö­teten

Dieser Phi­lo­soph“ sah noch aus wie ein Phi­lo­so­phie­stu­dent, als er im August 1987 das Tor bei der 1:2‑Niederlage gegen Deutsch­land schoss. Wenig später führte er die U21 zum Euro­pa­meis­ter­titel. Ein junger Killer war er, der mit kaum mehr als dem, was nötig war, killte. Er trat aus vollem Lauf auf den Ball, und wäh­rend die Ver­tei­diger stau­nend hin­fielen, schoss er ihn ins Tor, dass er das Netz zer­riss. Noch stand Can­tona beim AJ Auxerre unter Ver­trag, schon ein Jahr später wech­selte er zu Olym­pique Mar­seille, dem Lieb­lings­verein seiner Jugend. Obwohl er traf wie am Fließ­band und fran­zö­si­scher Meister wurde, war diese Zeit dort keine segens­reiche. Schon in dieser Früh­phase seiner Lauf­bahn offen­barte sich näm­lich Can­tonas unzähm­barer Jäh­zorn: Bei einem Freund­schafts­spiel gegen Tor­pedo Moskau schmet­terte er sein Trikot zu Boden. Die Funk­tio­näre sahen die Ver­ein­sehre beschmutzt, und kur­zer­hand ent­ließen sie ihn. Auch der fran­zö­si­sche Natio­nal­trainer Henri Michel schmiss ihn hinaus. Can­tona hatte ihn so wüst belei­digt, dass sogar die Mar­seiller Vor­städte errö­teten.

Einzig in Mont­pel­lier glaubte man noch an ihn und war bereit, über seine Wut­aus­brüche hin­weg­zu­sehen. Zum Dank schenkte er dem Verein den fran­zö­si­schen Pokal. Auch Michel Pla­tini sah, dass Eric Can­tona ein genialer Spieler war. Er war ja selbst einer gewesen und holte ihn in die Natio­nal­mann­schaft zurück. Für Can­tona kein Grund zur Demut: Er prü­gelte sich in der Kabine mit einem Mann­schafts­ka­me­raden, der ihm blöd kommen wollte, und wurde erneut gesperrt. Wenn aber der Ball in der Nähe war, killte der junge Killer derart kon­se­quent, dass Mar­seille ihn zurück­holte. Dort wurde er Meister und Pokal­sieger, musste sich aber nach einer schweren Knie­ver­let­zung hinter dem Alt­meister Klaus Allofs anstellen. Das hielt er nicht aus und ging zum Liga­ri­valen Olym­pique Nimes. Als­bald folgte der nächste Aus­raster: Er warf einem Schieds­richter den Ball ins Gesicht und wurde für einen Monat sus­pen­diert. Zuviel für ihn: Er bezeich­nete die Sport­richter als Idioten“. Als man die Strafe dar­aufhin ver­dop­pelte, erklärte er seinen Rück­tritt vom aktiven Fuß­ball – mit nur 25 Jahren.

Oft, zu oft hat Eric Can­tona in seiner Kar­riere die Con­ten­ance ver­loren. Oder hatte er sie nie­mals besessen? Hätte er damals die Bro­cken tat­säch­lich hin­ge­schmissen, man die Fran­zosen würden sich wohl an ihn erin­nern, wie wir uns hier­zu­lande an Wolfram Wuttke, an Andreas Sassen viel­leicht oder an Jan Simak – Spieler alle­samt mit rie­sigem Poten­zial, die aber abseits des Platzes solche Schwie­rig­keiten hatten, dass sie uns nicht als Cham­pions im Gedächtnis bleiben, son­dern als Geschei­terte. Es ist wie­derum Michel Pla­tini zu ver­danken, Can­tonas großem För­derer, dass es dazu nicht kam. Er über­re­dete ihn wei­ter­zu­ma­chen und fädelte einen Wechsel nach Eng­land zu Leeds United ein. Und dort begann jenes zweite Kapitel, an dessen Ende Can­tona eben nicht in der end­losen Liste der Abge­bro­chenen stand. Viel­mehr stieg er auf zu den genialen Grenz­gän­gern des Spiels, zu Gar­rincha, Best und Mara­dona.

Ooh! Aah! Can­tona!“

In Leeds – in einer Mann­schaft mit den schot­ti­schen Vete­ranen Gordon Stra­chan und Gary McAl­lister – wurde aus ihm, den bis­lang nur das Killen inter­es­siert hatte, ein Füh­rungs­spieler. Doch er führte seine Mann­schaften nicht zu irgend­wel­chen Siegen in irgend­wel­chen Spielen, die bald wieder ver­gessen sein würden. Er machte aus ihnen auch keine ein­träch­tige, inte­gere Gemein­schaft. Can­tona führte sie in den Wahn­sinn, in die Bril­lanz und über sich hinaus. 1992 errang er mit Leeds die eng­li­sche Meis­ter­schaft. Und als er im End­spiel um das Cha­rity Shield“ den FC Liver­pool mit hoch­ge­klapptem Kragen und einem Hat­trick zur Strecke brachte, begannen die Fans an der Elland Road, jenen Schlachtruf anzu­stimmen, der all das Ent­zü­cken ballte: Ooh! Aah! Can­tona!“

In der nächsten Saison besang man ihn schon im Old Traf­ford. Auf Anhieb gewann Eric Can­tona auch mit Man­chester United die Meis­ter­schaft und war damit der erste Spieler in der Geschichte des eng­li­schen Fuß­balls, dem dies in zwei auf­ein­ander fol­genden Spiel­zeiten mit ver­schie­denen Teams gelungen war. Da es über­dies der erste Tri­umph für ManU seit 26 Jahren war, hoben die Fans ihn auf den Sockel, der seit dem Abtritt von George Best ver­waist gewesen war. Oder sprang Can­tona von selbst hinauf? Er klappte den Kragen hoch, und es war ihm ein Leichtes, die neue Inte­gra­ti­ons­figur zu sein. Der junge Roy Keane wuchs an ihm, und es nimmt nicht Wunder, dass auch er ein Spieler wurde, den man nur lieben oder hassen kann. Zusammen errangen sie auch 1994 die Meis­ter­schaft. Can­tona schoss 18 Tore in dieser Saison, und beim 4:0‑Sieg über den FC Chelsea im FA-Cup-Finale häm­merte er zwei Elf­meter mit einer der­ar­tigen Kalt­blü­tig­keit in die Maschen, dass Gegner wie Mann­schafts­ka­me­raden in Ehr­furcht erstarrten. Alle zusammen wählten sie ihn zum Spieler des Jahres.

Doch auch in Man­chester schlug er über die Stränge: Bei einem Aus­wärts­spiel bei seinem Ex-Club Leeds bespuckte er einen Fan, in Istanbul schnitt er erst dem Unpar­tei­ischen die Ehre ab und prü­gelte sich dann mit der tür­ki­schen Polizei. Als er im letzten Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel zur WM 1994 mit der fran­zö­si­schen Natio­nal­mann­schaft daheim in Paris mit 2:3 verlor und aus­schied, ver­setzte er in den Kata­komben einem Jour­na­listen, der ihn nach seine Gefühlen gefragt hatte, einen sol­chen Schwinger, dass dieser K.o. ging. Es wird erzählt, dass er sogar seinem Mann­schafts­kol­legen David Ginola zu Leibe rückte, dem er die Schuld am ent­schei­denden Gegentor gab. Viel­leicht hatte er geahnt, dass es seine letzte Chance gewesen war, an einem großen Tur­nier teil­zu­nehmen. Seinen 43 Län­der­spielen folgte kein wei­teres. Beim Tri­umph der Equipe Tri­co­lore um seinen Anti­poden Zine­dine Zidane 1998 war der König nur noch Zuschauer.

Dann kam der 25. Januar 1995


In Anbe­tracht der Genia­lität und des Wahn­sinns, des Erfolgs und der Tragik dieses zor­nigen Mannes schien seine Geschichte kaum noch stei­gerbar zu sein. Doch dann kam der 25. Januar 1995. In einem Liga­spiel gegen Crystal Pal­lace wurde Can­tona wieder einmal des Feldes ver­wiesen. Zu wenig Genug­tuung für den Hoo­ligan Mat­thew Sim­mons: Als Can­tona vom Feld ging, beschimpfte er ihn auf das Übelste. Dieser iden­ti­fi­zierte den Schrei­hals in der Menge, rannte mit einem Mal los, sprang kurz vor der Wer­be­bande ab und streckte Sim­mons mit einem nie dage­we­senen Kung-Fu-Tritt nieder. Alle, die das gesehen hatten, waren fas­sungslos, in Eng­land, in ganz Europa und welt­weit. Die FA und die FIFA sta­tu­ierten ein Exempel und sperrten Can­tona für acht Monate. Nur knapp ent­ging er einer Gefäng­nis­strafe.

Doch schon im März ver­län­gerte die Ver­eins­füh­rung, die befürch­tete, ohne ihn auf­ge­schmissen zu sein, seinen Ver­trag um drei Jahre. Als er am 1. Oktober ins Team zurück­kehrte, schoss er prompt ein Tor und führte ManU in der Fol­ge­zeit zum dritten Meis­ter­titel in vier Jahren. Als der gute alte Steve Bruce seine Kar­riere beendet hatte, wurde Can­tona sogar Kapitän seiner Mann­schaft. Viel­leicht war die Binde am Arm der Grund dafür, dass die Saison 1996/97 die ruhigste in Can­tonas Kar­riere war. Viel­leicht war es auch das Vor­ge­fühl des Endes: Nur eine Woche nach dem vierten Meis­ter­titel unter seiner Füh­rung erklärte er voll­kommen uner­wartet seinen Rück­tritt.

Die Ersten sind immer die Ersten.“

Er hatte Man­chester United nach vielen Jahren des freud­losen Dahin­düm­pelns zu einer Spit­zen­mann­schaft geformt. Und nicht David Beckham, Roy Keane oder Paul Scholes, die Cham­pions­league-Sieger von 1999, auch nicht George Best, seinen großen Vor­gänger, wählten die Fans zum größten ManU-Spieler aller Zeiten. Nein, Can­tona wählten sie, ihren König mit dem hoch­ge­klappten Kragen.

In den Jahren danach ent­deckte Eric Can­tona seine Lei­den­schaft für den Beach­soccer. Er trug maß­geb­lich zum Aufbau einer pro­fes­sio­nellen Struktur in Frank­reich bei, und 2005 gewann er, dessen Natio­nal­mann­schafts­kar­riere so unrühm­lich ver­laufen war, als Spie­ler­trainer die Welt­meis­ter­schaft. Mit dem Pokal in der Hand und den Füßen im Sand sprach der Süd­see­könig: Die Ersten sind immer die Ersten. Das ist sehr wichtig für mich.“ – und grinste.