Zunächst die Fakten: Oli­vier Giroud ist Welt­meister, fran­zö­si­scher Meister, vier­fa­cher FA-Cup-Sieger, Europa-League-Sieger, drei­fa­cher eng­li­scher Super­po­kal­sieger, er wurde in Frank­reich sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga Tor­schüt­zen­könig, er hat an je zwei Welt- und Euro­pa­meis­ter­schaften teil­ge­nommen, er hat für Frank­reich ins­ge­samt 105 Län­der­spiele gemacht und dabei 44 Tore erzielt. 2017 hat er per Hacke das Tor des Jahres geschossen, er war außerdem ent­schei­dend ein­ge­bunden in zwei der schönsten Pre­mier-League-Kom­bi­na­tionen aller Zeiten. Ges­tern hat er für Chelsea per Fall­rück­zieher in der Cham­pions League getroffen, gegen die viel­leicht defen­siv­stärkste Mann­schaft der Welt. Und, ach ja, nicht zu ver­gessen: Er ist eine Pfeife. Er kann gar nix. Er ist ein Stümper, ein Kör­per­klaus, einer, der in der Lan­des­liga gar nicht groß auf­fallen würde. Also zumin­dest wird Letz­teres, das mit dem Kör­per­klaus und der Pfeife, so oder so ähn­lich vor allem in Frank­reich immer wieder über ihn behauptet und geschrieben und ins Internet gepö­belt.

In Wirk­lich­keit ist Giroud natür­lich keine Pfeife. Sonst hätte er all die ein­gangs auf­ge­zählten Titel nicht geholt, sonst hätte er seinen Platz in einer vor Talent nur so trie­fenden fran­zö­si­schen Natio­nal­mann­schaft nicht ein knappes Jahr­zehnt lang behauptet. Und trotzdem wird er dieses Image nicht los. Wird von einem Karim Ben­zema abfällig Go-Kart“ genannt, wenn dieser sich selbst mit einem Formel-1-Auto ver­gleicht. Wird von fran­zö­si­schen Fans im Stade de France bei einem Heim­spiel aus­ge­pfiffen, wenn er eine Tor­chance ver­gibt. Wird ver­spottet, als Stürmer ohne eigenes Tor bei der Welt­meis­ter­schaft von seinen Kol­legen bis zum Titel­ge­winn durch­ge­schleppt worden zu sein. Wird quasi immer ver­gessen, wenn es um die prä­genden Spieler der ver­gan­genen Jahre geht. Warum?

Sind alle Bullen Schweine?

Auf diese Frage gibt es zwei Ant­worten, eine ein­fache und eine etwas kom­pli­zier­tere. Die ein­fache lautet so: Es liegt an seinem Körper. Giroud ist groß und breit und kantig, ein Fuß­ball an seinem Fuß wirkt klein wie eine Murmel und zer­brech­lich wie Por­zellan, seine Bewe­gungen erscheinen höl­zern, er drib­belt und zau­bert nicht, er ackert und schuftet. In Frank­reich gibt es das Wort costaud, zu deutsch stark, auf den Fuß­ball bezogen ist die tref­fen­dere Über­set­zung aber das Wort bullig. Giroud, das wird in jedem Bei­trag über ihn betont, ist extrem costaud, ein regel­rechter Bulle also. Das Pro­blem dabei: Ein Bulle zu sein, da unter­scheidet sich der fran­zö­si­sche Durch­schnittsfan kaum vom Hard­core-Ultra in Deutsch­land oder Haus­be­setzer in Fried­richs­hain, gilt als Schwei­nerei und ist eigent­lich nicht zu ver­zeihen. 

Und es ist ja wirk­lich so: Es gibt Stürmer, die tech­nisch besser sind oder waren als Giroud, wen­diger, trick­rei­cher, spek­ta­ku­lärer. Dum­mer­weise vor allem die, mit denen er sich in seiner Kar­riere immer wieder ver­glei­chen lassen musste, weil sie aus dem glei­chen Land kamen oder für den glei­chen Verein gespielt haben wie er oder beides, Thierry Henry, Robin van Persie, Dennis Berg­kamp, diese Kate­gorie. Aller­dings sind diese Ver­gleiche natür­lich unfair. Weil die Dinge, in denen Giroud besser ist als die Genannten, dabei meis­tens unter den Tisch fallen. Oder hat sich je jemand über Berg­kamp lustig gemacht, weil der mit dem Rücken zum Tor nicht so über­ra­gend den Ball fest­ma­chen konnte wie Giroud es Woche für Woche in Eng­land tut?

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Mit diesem kör­per­li­chen“ Pro­blem ist Giroud nicht allein, fast jede große Fuß­ball­na­tion hat (oder hatte in jün­gerer Ver­gan­gen­heit) ihren eigenen Giroud, einen großen und wuch­tigen Mit­tel­stürmer, der ins Tor trifft, aber nicht ins Herz. In Deutsch­land war es Mario Gomez, der 40 Tore im Jahr schießen musste, um zumin­dest für ein paar Jahre als Top­spieler akzep­tiert zu werden. In Bel­gien ist es Romelu Lukaku. In Spa­nien Diego Costa. Und in Frank­reich eben Oli­vier Giroud. Über all diese Spieler hieß es irgend­wann in ihrer Kar­riere, dass sie im modernen Fuß­ball eher stören als helfen würden, zu wenig Ball­kon­trolle, zu lang­same Aktionen, zu viel Auf­wand, zu wenig Ertrag. Spe­ziell bei Giroud (und auch bei Lukaku) geht diese Erzäh­lung mei­len­weit an der Wirk­lich­keit vorbei. Denn es gibt kaum einen Stoß­stürmer, mit dem sich mit wenigen Kon­takten auf engem Raum besser kom­bi­nieren ließe als mit ihm, sein Timing beim Klat­schen ist her­aus­ra­gend, sein Füß­chen deut­lich feiner, als oft behauptet wird. Wer es nicht glaubt, sollte sich das unten ste­hende Video anschauen (oder das vom Rosicky-Tor gegen Sun­der­land oder das Volley-Tor von Podolski gegen Mont­pel­lier).

Außerdem hat sich Giroud in seiner Lauf­bahn, ähn­lich wie einst Klose, im spie­le­ri­schen Bereich enorm wei­ter­ent­wi­ckelt, der Giroud aus der zweiten fran­zö­si­schen Liga hat mit dem Giroud von Chelsea nicht mehr viel zu tun. Und dass wuch­tige Mit­tel­stürmer, die eher über die Physis und Spiel­in­tel­li­genz kommen als über drei­fache Über­steiger, auch im Jahr 2021 noch wichtig sein können, beweist ein junger (und zuge­ge­be­ner­maßen extrem dyna­mi­scher) Nor­weger aktuell Woche für Woche in der Bun­des­liga. Zumin­dest die Fans von Arsenal hatten zwi­schen­zeit­lich ver­standen, wie gut Giroud eigent­lich ist. Und ihm eine der schönsten Hymnen der Welt gewidmet

Ich habe das nicht ver­gessen“

Giroud über die Pfiffe im Stade France

So viel zur ein­fa­chen Ant­wort. Die kom­pli­zierte Ant­wort wie­derum hat mit bereits erwähntem Karim Ben­zema zu tun. Und mit der Art, wie heut­zu­tage Fuß­ball kon­su­miert wird. 2015 wurde Karim Ben­zema von Natio­nal­trainer Didier Deschamps und dem fran­zö­si­schen Ver­band sus­pen­diert, weil er dabei geholfen hatte, seinen Mit­spieler Mathieu Val­buena zu erpressen. Ben­zema war damals neben Franck Ribéry der Star des Teams, das Aus­hän­ge­schild des fran­zö­si­schen Fuß­balls. Und der Lieb­ling vieler Fans. Ein Skandal. Bei dem sich schnell zwei Lager bil­deten. Die­je­nigen, die genau wie Deschamps Karim Ben­zema nicht mehr im Natio­nal­trikot sehen wollten. Und die­je­nigen, die wei­terhin hinter dem Star von Real Madrid standen. Weil sie ras­sis­ti­sche Vor­be­halte gegen Ben­zema ver­mu­teten. Weil der in Madrid wei­terhin spek­ta­ku­lä­rere Tore schoss. Weil sein Avatar bei FIFA16 einer der besten über­haupt war. Weil selbst Rapper in Deutsch­land Songs über ihn auf­nahmen. Weil er, darauf kann man es viel­leicht run­ter­bre­chen, nicht nur immer noch ein fan­tas­ti­scher Fuß­baller, son­dern irgendwie auch immer noch cooler war als die anderen Natio­nal­spieler, erst recht als dieser lang­wei­lige Stümper Giroud. 

Doch statt Ben­zema spielte nun genau dieser Giroud im Sturm, und als Frank­reich in Paris kurz nach dem Skandal auf Kamerun traf, pfiffen die Men­schen ihn aus. Es ist mehr als vier Jahre her“, sagte Giroud kürz­lich, aber das habe ich nicht ver­gessen.“ Er geriet in einen Kon­flikt, mit dem er eigent­lich nichts zu tun hatte. Plötz­lich hieß es nicht mehr nur: Bist du für oder gegen Ben­zema? Son­dern auch: Bist du für oder gegen Giroud? Am Tag nach dem Spiel titelte L’Équipe: Le mal aimé“ – der Unge­liebte. Und meinte Giroud. Später erschien ein Doku­men­tar­film über ihn mit dem selben Titel. Es wird immer Hater geben“, sagte Giroud im Herbst im Inter­view mit So Foot. Aber ich schlafe des­wegen nicht schlecht. Ich stelle meine Fähig­keiten des­wegen nicht in Frage.“

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Mitt­ler­weile ist Giroud 34 Jahre alt und spielt unter Thomas Tuchel für Chelsea – wo er vor allem in der Cham­pions League wich­tige Tore erzielt. In dieser Saison sind es sechs Treffer in fünf Ein­sätzen, dar­unter das wich­tige Aus­wärtstor ges­tern in Madrid. Und: Mitt­ler­weile ist Frank­reich Welt­meister geworden, ohne Ben­zema, mit Giroud. Dessen Spiel sich nicht spek­ta­kulär in You­tube-Clips zusam­men­schneiden lässt, der aber die nötigen Räume schafft für Artisten wie Kylian Mbappé oder Ous­mane Dem­bélé. Einer, der kurz kommt, Gegen­spieler bindet und klat­schen lässt – und der, abge­sehen von der WM 2018, auch immer seine Tore geschossen hat. Mitt­ler­weile fehlen ihm im Natio­nal­trikot nur noch derer sieben und er über­holt Thierry Henry in der ewigen Tor­schüt­zen­liste. Giroud wäre dann der beste fran­zö­si­sche Tor­jäger aller Zeiten. Nicht schlecht für eine Pfeife.

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