Am 22. Mai 1980 traten vier rot­zige Teen­ager aus dem berüch­tigten Lon­doner East End in der Musik­sen­dung Top of the Pops“ auf. Sie gaben eine rüde Ver­sion des Wal­zers I’m For­ever Blowing Bub­bles“ zum Besten – natür­lich zu Voll­play­back. Neun Tage später schaffte das Stück den Sprung in die Top 40. Es war bereits der zweite Char­ter­folg der Gruppe, die sich Cockney Rejects nannte. Für ein paar Wochen sah es so aus, als hätte nicht nur die Band damit den kom­mer­zi­ellen Durch­bruch geschafft, son­dern auch das Genre, das sie mit­be­gründet hatte und das man bald Street Punk“ oder, nach einem anderen Stück der Rejects, Oi!“ nannte. Statt­dessen war dieser Fern­seh­auf­tritt der Anfang vom Ende für die Cockney Rejects und mar­kierte zugleich den Beginn einer Kette von Ereig­nissen, die den Ruf von Oi!“ kom­plett rui­nieren sollten. Nicht alles davon hatte mit Fuß­ball zu tun, aber vieles.

Nur ein Lied (natür­lich You’ll Never Walk Alone“) ist so eng ver­bunden mit einem bestimmten Verein wie I’m Forever Blowing Bub­bles“, denn schon seit den zwan­ziger Jahren wird es im Upton Park von West Ham United mit Hin­gabe gesungen. Das allein hätte den Auf­tritt der vier Cockney-Bur­schen nun noch nicht pro­ble­ma­tisch gemacht, denn das Stück war all­ge­mein populär und schon von vielen Leuten inter­pre­tiert worden, selbst von der Schau­spie­lerin Doris Day. Doch die Rejects ließen keinen Zweifel daran, warum sie diesen Song coverten. Ihre Ver­sion begann mit West Ham“-Rufen, der gerade mal 16-jäh­rige Sänger Jeff Stinky Turner“ Geggus trug bei der Auf­zeich­nung ein Trikot des Klubs und nach dem Refrain schrie er: Come on, you Irons!“ Gemeint war der tra­di­tio­nelle Spitz­name des Ver­eins, dessen Geschichte auf eine Eisen­hütte zurück­geht.

Stahl­kappe und Eisen­stangen, um die Tri­bünen der Heim­fans zu stürmen

Als ich jung war, dachte ich, Punk­rock wäre dafür da, West Ham auf die Titel­seiten der Zei­tungen zu bringen“, sagte dieser Stinky Turner vor ein paar Jahren dem Guar­dian“ über jenen Tag im Fern­seh­studio und stellte es so dar, als habe allein schon die Tat­sache, dass er ein West-Ham-Trikot trug, die Fans anderer Ver­eine pro­vo­ziert: Danach wollte sich jeder mit uns anlegen, da konnten wir natür­lich keinen Rück­zieher machen.“ Dass sich bald alle mit den Cockney Rejects anlegten, hatte aller­dings eher damit zu tun, dass Stinky Turner und seine Band­kol­legen nicht gerade das waren, was man heute unter nor­malen Fans ver­steht.

Die B‑Seite der I’m Forever Blowing Bubbles“-Single zum Bei­spiel trug den Titel West Side Boys“ und han­delte von den harten Jungs, die im Upton Park auf der West­tri­büne standen. Jungs, die ganz offen­kundig nicht nur im Sta­dion waren, um Fuß­ball zu sehen, denn sie trugen, wie es im Text hieß, Doc-Mar­tens-Schuhe mit Stahl­kappe und hatten Eisen­stangen, um bei Chelsea, Liver­pool, Arsenal oder Tot­tenham die Tri­bünen der Heim­fans zu stürmen: We can take the Shed or take the Kop / High­bury and Park Lane run in fear / When the West Side Boys appear.“ Kaum war diese Platte auf dem Markt, da nahmen die Rejects das berühmt-berüch­tigte War on the Ter­races“ auf, das den Krieg auf den Stehrängen“ besang und – wie Turner selbst in seiner Auto­bio­grafie sagt – die Tat­sache fei­erte, dass eine neue Genera­tion von Hoo­li­gans in die Sta­dien drängte: So you look up at the ter­race / And a smile it breaks your face / Because soon the younger genera­tion / Will be there to take your place.“

Cass Pennant war Manager der Rejects“

All das war nicht bloß Geprahle. Turner und sein älterer Bruder Mick Geggus, Gitar­rist der Cockney Rejects, gingen keiner Schlä­gerei aus dem Wege, weder im Pub noch im Sta­dion, und Bas­sist Vince Riordan war der Neffe eines Dro­gen­händ­lers und bezahlten Kil­lers aus dem East End. Zum Gefolge der Band gehörten viele Mit­glieder von West Hams ver­ru­fener Hoo­li­g­an­truppe ICF (Inter City Firm), dar­unter der Gründer Andy Swallow und ihr Anführer Cass Pennant, der die Rejects“ später sogar als Manager betreute.

Eben weil das äußerst pro­le­ta­ri­sche Image der Gruppe über­haupt kein Image war, inter­es­sierte sich die Musik­in­dus­trie schon sehr früh für die Cockney Rejects und ihren simplen, aber ein­gän­gigen Punk­rock, den man auch und gerade besoffen mit­grölen konnte. Schon nach der ersten Single wurden sie von EMI unter Ver­trag genommen, dem damals größten Label der Welt. Der schnelle Erfolg der Band ließ um sie herum eine kleine Szene ent­stehen. Einige Roadies der Rejects, die sich aus dem Upton Park kannten, grün­deten Ende 1979 die Band The 4‑Skins (trotz des Namens waren nicht alle Mit­glieder Skin­heads). Etwa zur selben Zeit kamen The Busi­ness zusammen, die zwar süd­lich der Themse wohnten, aber eben­falls bein­harte West-Ham-Fans waren. Nimmt man jetzt noch die zu dieser Zeit schon länger exis­tie­renden Cock Sparrer hinzu, die auch alle­samt als Anhänger der Irons“ galten, so kann man sagen, dass mit Aus­nahme der Angelic Upstarts – die aus der Nähe von Sun­der­land kamen – prak­tisch die kom­plette erste Welle der Street-Punk- oder Oi!-Bands ihren Ursprung im Umfeld von West Ham United hatte. Anders gesagt: Beim Über­gang der Sieb­ziger zu den Acht­zi­gern brachte dieser Lon­doner Fuß­ball­klub mit einem Mal sein eigenes Musik­genre hervor.

Oi! sah sich selbst als schnodd­rige Gegen­re­ak­tion auf die eng­li­schen Ur-Punks, deren große Zeit erst ein paar Jahre zurücklag. Letz­tere ließen sich zwar von den leicht­gläu­bigen Medien gerne als Arbei­ter­kinder aus häss­li­chen Hoch­haus­sied­lungen in West-London por­trä­tieren, in Wahr­heit aber waren viele von ihnen zwar faule, doch smarte Kerle von der Kunst­aka­demie. Die meisten Jungs, die wirk­lich von der Straße kamen, wie die Cockney Rejects, durch­schauten das sofort und blieben lieber beim Heavy Metal. Wir sahen uns die Punk-Kon­zerte immer nur von draußen an“, sagte Mick Geggus über die Szene von 1976/77. Wir konnten diese Punk-Schi­ckeria nicht leiden. Die ganzen Punks waren ein Haufen Typen aus der Ober­schicht.“

So sah das auch der eng­li­sche Musik­jour­na­list Garry Bus­hell, der des­wegen völlig aus dem Häus­chen geriet, als er die Cockney Rejects ent­deckte: echte, schmud­de­lige Arbei­ter­kinder, die außerdem auch noch Hoo­li­gans waren, sich einen Dreck für Politik inter­es­sierten, Intel­lek­tu­elle nicht aus­stehen konnten – und aus all dem über­haupt keinen Hehl machten. Bus­hell baute die Band als unver­fälschte Stimme der Straße auf, schrieb in der Zeit­schrift Sounds“ gleich eine ganze Bewe­gung herbei und gab ihr dann auch noch den Namen, den sie bis heute trägt, näm­lich Oi! (ein Gruß aus dem Cockney-Slang, den die Rejects im Stück Oi! Oi! Oi!“ ver­ewigten). Doch zu jener Authen­ti­zität der Musiker, die Bus­hell so fas­zi­nierte, gehörte auch eine lau­ernde, manchmal unver­hoh­lene Aggres­si­vität. Es war eigent­lich nur eine Frage der Zeit, bis sie in offene Gewalt umschlagen würde.

Ein Kon­zert vor feind­li­chen Hoo­li­gans

Knapp zwei Wochen nach dem Top of the Pops“-Auftritt begannen die Cockney Rejects eine neue Tournee mit einem Kon­zert im Cedar Club in Bir­mingham. Es war der 6. Juni 1980. Zwar beglei­teten einige ICF-Jungs die Band, aber nie­mand rech­nete mit Ärger – bis Stinky Turner das Publikum sah. Viele Skin­heads waren dort“, schrieb er später, aber vor allem ganz nor­male Fuß­ball-Hoo­li­gans – eine Mischung aus Aston Villa und Bir­mingham City. Das war seltsam, denn die hassten sich eigent­lich.“ Die Hoo­li­gans waren nicht nur gekommen, um sich mit einer West-Ham-Band anzu­legen, wie der Sänger bis heute zu glauben scheint. Natür­lich waren sie auch dort, um zu sehen, ob die Rejects wirk­lich so harte Schlä­ger­typen waren, wie sie behaup­teten. Nach einer blu­tigen Saal­schlacht, die laut Augen­zeu­gen­be­richten min­des­tens zwanzig Minuten dau­erte und erst von etwa drei Dut­zend Poli­zisten beendet werden konnte, war diese Frage zwar geklärt, doch damit hatte der Ärger erst begonnen.

Der Gig in Bir­mingham gilt bis heute als gewalt­tä­tigster der eng­li­schen Musik­ge­schichte, aber auch am nächsten Tag, in Blackburn, gab es Rau­fe­reien. In Derby musste das Kon­zert vor­zeitig beendet werden, vor dem Gig in London kam es außer­halb der Halle zu einem Schar­mützel zwi­schen der ICF und Arsenal-Hoo­li­gans, und in Liver­pool, ein paar Monate später, wurden die Cockney Rejects mit Fla­schen und Glä­sern beworfen, bis sie die Bühne räumten. Im Grunde war ihre Kar­riere damit beendet. Zwar ver­suchte die Band noch ein paar Jahre lang, wieder Fuß zu fassen, und unter­nahm sogar einen radi­kalen Kurs­wechsel vom Oi!-Punk zum Hard Rock, doch ihre Plat­ten­firma ließ sie fallen, und es hagelte im ganzen Land Auf­tritts­ver­bote, weil die Ver­an­stalter Hoo­ligan-Prü­ge­leien fürch­teten.

Ben­zin­bomben und Zie­gel­steine flogen

Der schlimmste Tag des Oi! aber stand noch bevor – und hatte nichts mit den Cockney Rejects zu tun. Am 3. Juli 1981 spielten The 4‑Skins und The Busi­ness in einem großen Pub namens Hamb­rough Tavern in Sout­hall, West-London. Bis heute ist der Ablauf der Ereig­nisse nicht völlig klar. In Sout­hall lebten viele Asiaten, und etliche der Kon­zert­be­su­cher waren Skin­heads, was zu Span­nungen führte. Zwar hatte keine der Bands Ver­bin­dungen zur rechten Szene, aber es kann nicht aus­ge­schlossen werden, dass Neo-Faschisten im Publikum waren. Im ohnehin ange­spannten Umfeld jener Jahre (in Sout­hall hatte es schon zuvor Ras­sen­un­ruhen gegeben) reichte aber viel­leicht auch schon die pure Anwe­sen­heit so vieler Skin­heads aus, um buch­stäb­lich die Lunte zu ent­zünden. Es kam zu einer Stra­ßen­schlacht zwi­schen asia­ti­schen Jugend­li­chen und der Polizei, die den Pub schützen wollte. Ben­zin­bomben und Zie­gel­steine flogen durch die Luft, der Pub wurde in Brand gesteckt, Autos gingen in Flammen auf. Mehr als 20 Per­sonen wurden fest­ge­nommen, es gab weit über hun­dert Ver­letzte.

Nach Sout­hall galt Oi! nicht bloß als stu­pide und gewalt­tätig, son­dern auch noch als ras­sis­tisch. Der Street-Punk der Hoo­li­gans bekam in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung das Eti­kett Nazi-­Musik“ und war damit im Grunde erle­digt und ebenso wenig gesell­schafts­fähig wie der Fuß­ball selbst. Denn der litt ja für den Groß­teil der Acht­ziger unter den glei­chen Pro­blemen und kämpfte mit den­selben Vor­ur­teilen. Selbst Stinky Turner hatte keine Lust mehr. Einige Monate nach Sout­hall war er im Upton Park und mochte nicht, was er sah. Der große West-Ham-Fan ging nach Hause – und kam fünf Jahre lang nicht wieder.