Als Roberto Di Matteo dem FC Bayern das Finale Dahoam“ ver­dorben und den FC Chelsea zum ersten Cham­pions League Sieg seiner Geschichte geführt hatte, schien das eine her­vor­ra­gende Bewer­bung für ein län­ger­fris­tiges Enga­ge­ment zu sein. Nachdem Di Matteo im März 2012 nach dem Raus­wurf von Andre Villas Boas als Trainer ein­ge­setzt worden war, hatte er beweisen müssen, dass er mehr war als der Trainer, der 13 Monate zuvor bei West Brom­wich Albion gefeuert worden war. Mehr auch als der Trainer, der im Juni 2011 von Bir­mingham City einen Korb bekommen hatte. Und nicht zuletzt mehr, als nur“ einer jener großen Chelsea-Spieler aus der Ver­gan­gen­heit. Er musste beweisen, dass er in der Lage ist, als Trainer die großen Titel zu gewinnen und eine alternde Mann­schaft erfolg­reich umzu­bauen.

Den bedeut­samsten Titel im euro­päi­schen Ver­eins­fuß­ball zu gewinnen, war ein nach­drück­li­cher Fin­ger­zeig in Rich­tung der Chelsea-Oberen, die bis dahin kei­nerlei Aner­ken­nung für Di Matteo und seine Erfolge gezeigt hatten. Nur 14 Tage zuvor hatte Di Matteo den FA-Cup gewonnen, mit seiner Mann­schaft furiose Auf­tritte gegen Napoli und den FC Bar­ce­lona hin­ge­legt und die Stim­mung in der Kabine gekittet. Für Klub­eigner Abra­mo­witsch und seine Entou­rage an Bera­tern war Di Matteo aber schlicht kein klang­voller Name, mit dem sich ein Verein wie Chelsea seinem Selbst­ver­ständnis nach zu schmü­cken hat. Di Matteo war kein Pep Guar­diola, kein Fabio Capello oder Guus Hiddink, deren Namen in den Drei-Sterne-Restau­rants und edlen Super­yachten der Upper Class nach Welt­fuß­ball klingen. Auch war er nicht José Mour­inho, dieser ewige Chelsea-Über­trainer, an dem jeder seiner Nach­folger irgend­wann schei­tern muss.

War Di Matteo an den Trans­fers über­haupt betei­ligt?

Für einen Mann wie Abra­mo­witsch, der einst die Ener­gie­in­dus­trie der kol­la­bie­renden Sowjet­union plün­derte und nun seine Tage damit füllt, hor­rende Geld­be­träge gegen so etwas wie Pres­tige ein­zu­tau­schen, war der Trainer Di Matteo ein­fach nicht extra­va­gant genug. Aller­dings hatte er Abra­mo­witsch jenen Titel beschert, der den rus­si­schen Eigner am meisten gereizt hatte. Belohnt wurde dies mit einigen halb­her­zigen Kom­pli­menten sei­tens Chel­seas Geschäfts­führer Ron Gourlay und einem wilden Mix an teuren Neu­ver­pflich­tungen, bei dem man nicht das Gefühl hatte, dass der Trainer über­haupt daran betei­ligt gewesen war.

In Wahr­heit lief Di Matteos Zeit als Trainer des FC Chelsea vom Moment seines Antrittes an gegen ihn, was umso bemer­kens­werter macht, wie viel er in einer so kurzen Zeit­spanne erreicht hat. Wo Andre Villas Boas für Ver­wir­rung und Kon­flikte sorgte, erreichte Roberto Di Matteo diplo­ma­ti­sche und cle­vere Lösungen. Als die drei Offen­siv­kräfte Eden Hazard, Oscar und Juan Mata zu Beginn der Saison blen­dend har­mo­nierten und Chelsea bereits am zweiten Spieltag an die Tabel­len­spitze schossen, erlebte die Stam­ford Bridge den auf­re­gendsten Fuß­ball seit der Mour­inho-Ära – unter der Lei­tung von Roberto Di Matteo. Seit langem schon war es Abra­mo­witschs Wunsch, dass sein FC Chelsea offen­siven Spit­zen­fuß­ball spielt. Nun, als Cham­pions League Sieger, schien die Mann­schaft end­lich damit anzu­fangen.

Der letzte Monat zeigte jedoch, wie fragil das neue Chelsea noch ist. Ins­be­son­dere die Mann­schafts­teile, die das hoch­wer­tige Mit­tel­feld umschließen, genügten nur selten höheren Ansprü­chen und sorgten dafür, dass die Ergeb­nisse mit nur zwei Siegen in acht Spielen deut­lich ein­bra­chen. Die man­gelnde Klasse in Abwehr und Angriff der Mann­schaft zeigte sich beson­ders deut­lich im Spiel gegen Man­chester United, das den der­zei­tigen Nie­der­gang aus­löste: bei der 2:3 Nie­der­lage wurden Bra­nislav Iva­novic und Fer­nando Torres des Feldes ver­wiesen, wäh­rend Kapitän und Abwehr­chef John Terry wegen seiner ras­sis­ti­schen Kom­men­tare zu Luis Suárez das Spiel nur von der Tri­büne aus ver­folgen konnte.

Beson­ders der der­zeit ver­letzte Terry wurde schmerz­lich ver­misst, wenn er in dieser Saison fehlte. Außer­halb Lon­dons mag er nicht der popu­lärste Mensch der Welt sein, sein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­mögen und sein Kampf­geist sind aber nach wie vor das Herz der Chelsea-Defen­sive. David Luiz, mit dem Di Matteo even­tuell etwas zu geduldig war, ist als Ersatz­mann unbe­re­chenbar und wenig kon­stant, aller­dings man­gelt es auch an Alter­na­tiven. Die Mann­schaft ist unaus­ge­gli­chen besetzt, der hohe finan­zi­elle Auf­wand, der auf den Cham­pions League Titel folgte, floss haupt­säch­lich in die Offen­sive (inklu­sive der Mil­lionen für Marko Marin, dessen Spiel­zeit sich bisher auf 20 Minuten im League Cup beläuft). Zudem musste ein Spieler wie Didier Drogba ersetzt werden, wäh­rend Stars wie Terry, Frank Lam­pard und auch Ashley Cole leis­tungs­mäßig bereits im Spät­herbst ihrer Kar­riere ange­kommen sind. Aus einer Mann­schaft mit sol­chen Vorraus­set­zungen hat Di Matteo das Best­mög­liche her­aus­ge­holt.

Die Spieler nehmen Nie­der­lagen nicht per­sön­lich genug

Am Dienstag Abend war wieder zu sehen, welch großes Pro­blem Drogbas Abgang für Di Matteos 4 – 2‑3 – 1‑System bedeutet. Di Matteo hat alles in seiner Macht ste­hende getan, um Fer­nando Torres in die großen Fuß­stapfen Drogbas zu helfen und das Selbst­ver­trauen des ehe­ma­ligen Liver­poo­lers wie­der­zu­be­leben. Nebenher musste er einen Klub-Eigner beschwich­tigen, der 50 Mil­lionen Pfund für einen bis­lang wir­kungs­losen Stürmer aus­ge­geben hat. Bis auf eine Hand­voll Torres-Tore war alle Mühe bisher ver­geb­lich, der Spa­nier wirkt aus­ge­brannt und macht nicht selten den Ein­druck, als sei er wäh­rend des Spiels gerade überall lieber als auf dem Fuß­ball­feld. In Turin ent­sprach Di Matteo dem unaus­ge­spro­chenen Wunsch Torres und ließ den Stürmer, der im Januar 2011 eher aus einer Laune heraus gekauft wurde und seither jeden Trainer zur Ver­zweif­lung brachte, auf der Bank. Dafür Eden Hazard zen­tral auf­zu­bieten und Abwehr­spieler César Azpi­li­cueta ins rechte Mit­tel­feld zu ver­schieben, war eine gewagte Ent­schei­dung, die an sich nicht falsch war. Di Matteo hatte zu Recht erkannt, dass ein schwa­cher, inef­fek­tiver Fer­nando Torres an der robusten Innen­ver­tei­di­gung von Juventus nur schei­tern konnte, wäh­rend ein beweg­li­cher, wuse­liger Offen­siv­mann wie Hazard die deut­lich wir­kungs­vol­lere Vari­ante gegen die turm­hohen Ver­tei­diger dar­stellen würde. Im Spiel selber ließen Chel­seas Offen­siv­be­mü­hungen im Laufe der zweiten Halb­zeit deut­lich nach, das Team konnte das von Di Matteo gefor­derte Enga­ge­ment nicht mehr umsetzen. Aber war das der Fehler des Trai­ners?

Man darf getrost die Frage in den Raum stellen, ob Chel­seas reflex­hafte Trainer-Ent­las­sungen in der Ver­gan­gen­heit die Spieler nicht auch aus der Ver­ant­wor­tung ent­lässt, auf dem Platz wirk­lich das Letzte zu geben. In der Bericht­erstat­tung am Dienstag sagte Liver­pool-Legende Graham Sou­ness, dass die Stim­mung in den Kabinen nicht mehr ver­gleichbar sei mit jener zu seiner Zeit. Die Spieler, ins­be­son­dere die des FC Chelsea, nähmen Nie­der­lagen nicht mehr per­sön­lich genug. Am Mitt­woch morgen stand dann Di Matteo für das Ver­fehlen seiner Spieler in der Ver­ant­wor­tung und ist nun Teil der illus­tren Reihe der von Abra­mo­witsch ver­schlis­senen Trainer. Nur zum Ver­gleich in den 26 Jahren, in denen beim Kon­kur­renten Man­chester United allein Alex Fer­guson das Zepter schwang, brachte es der FC Chelsea auf stolze 15 Trainer. Unter all diesen Vor­aus­set­zungen werden die Blues auf abseh­bare Zeit nur das gewinnen, was sie ver­dient haben: absolut nichts.

Ein Mann wie Rafael Benitez hätte sicher gut daran getan, seine Frei­zeit noch ein wenig länger zu genießen.…