Seite 2: „Er ist die Pest. Er ruiniert jeden Moment!“

Viele ame­ri­ka­ni­sche Medien hatten aber bald genug von Ste­wart, die Pro­gramm­leiter sagten, dass dieser Selbst­dar­steller“ keine Sen­de­zeit mehr bekommen dürfe. Er ist die Pest. Er rui­niert jeden großen und erha­benen Moment.“, schimpfte ein NBC-Ver­ant­wort­li­cher 1988 gegen­über dem New Yorker People“-Magazin. Wir nehmen ihn aus dem Fokus, wann immer wir können.“ Aber Ste­wart trickste die Sender aus, indem er ein kleines bat­te­rie­be­trie­benes Fern­seh­gerät mit zu den Events nahm. So konnte er in Echt­zeit ver­folgen, sobald die Kamera in seine Nähe zoomte. Uuund: Action! Sofort stürmte er ins Bild, hüpfte umher und hielt sein John‑3:16-Laken hoch.

Er war längst ein Pop-Phä­nomen geworden, eine Figur, die zitiert und wei­ter­erzählt wurde. In einer Folge der Simp­sons war er zu sehen, Chris­to­pher Walken spielte ihn in einem Sketch bei Saturday Night Live“, sogar in einem Pea­nuts-Comic-Strip tauchte er auf. In Europa, wo ihn die Medien noch nicht so gut kannten, war er noch länger der beliebte Hal­li­galli-Freak für die fet­zigen Schnitt­bilder. Zumal es beim Fuß­ball ein wit­ziges Echo gab, denn andere Fans griffen Ste­warts Idee oft auf und zeigten Pla­kate, auf denen Abwand­lungen zu lesen waren,​„Diego 3:2″,​„Lothar 4:1″ oder Schalke 0:5“.

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Dann aber nahm die Geschichte eine dunkle Wen­dung. Irgend­wann nach der WM in Ita­lien radi­ka­li­sierte sich Ste­wart. Er schmie­dete Pläne über Atten­tate. Im Mai 1991 wurde er fest­ge­nommen, weil er vier Stink­bomben an ver­schie­denen öffent­li­chen Plätzen in Orange County gelegt hatte, zum Bei­spiel bei den Ame­rican Music Awards. Seine Bot­schaft: Gott glaubt, dass dieser Ort stinkt!“ Er kam auf Kau­tion frei.

Am 22. Sep­tember 1992 über­re­dete er zwei Arbeits­su­chende, mit ihm in ein Hotel zu kommen. Er hätte einen Job für sie. Sie folgten ihm in das Hyatt in der Nähe des Flug­ha­fens von Los Angeles, fuhren mit dem Fahr­stuhl in den siebten Stock und betraten Zimmer 718. Als Ste­wart die Tür auf­stieß, traf er dort auf eine weib­liche Rei­ni­gungs­kraft des Hotels. Die zwei Männer merkten, dass es etwas faul war und rannten davon. Die Frau ver­bar­ri­ka­dierte sich im Bade­zimmer.

Ich höre keine Stimmen, ich höre nur eine Stimme, die von Gott“

Nach acht Stunden stürmte das SWAT-Team das Zimmer und befreite die Geisel. Die Beamten fanden die regen­bo­gen­far­bene Afro-Perücke, eine Pis­tole und meh­rere Bibeln. Ich hätte ja auch etwas Schlim­meres machen können“, sagte Ste­wart auf dem Weg ins Gefängnis. Leute umlegen zum Bei­spiel.“ Ein Poli­zei­spre­cher sagte: Das ist nicht Bozo, der Clown, son­dern eine sehr kranke und gefähr­liche Person.“

Vor Gericht lehnte Ste­wart eine Eini­gung ab, einen soge­nannten Plea Deal, der zwölf Jahre Haft bedeutet hätte. Er wollte seine Bot­schaft in einem offenen Pro­zess ver­breiten. Keine gute Idee, denn am Ende wurde er dort zu dreimal lebens­läng­lich ver­ur­teilt. Er sitzt heute im kali­for­ni­schen Mule Creek State Prison, und ver­mut­lich wird er dort auch die nächsten Jahre ver­bringen. Reue zeigt er kaum. In einer ESPN-Repor­tage sagte er, dass er nur den Zeit­punkt seiner Mis­sion falsch gewählt hätte. Die Welt sei noch nicht bereit gewesen. Und dann: Psych­iater fragen mich immer wieder, ob ich Stimmen höre. Ich sage dann, nein, ich höre keine Stimmen, ich höre nur eine Stimme, die von Gott.“ Sport, so erklärte er auch, habe er übri­gens immer gehasst. Aber ich weiß, ich bin ein selt­samer Typ.“

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